Wenn ich die Augen schließe, fällt mir zuerst ein Geschmack ein. Deutschland schmeckt wie das Brot, das man hier bäckt. Der nächste Gedanke: Das ist mein Land! Aber ich werde zu meinem Land wohl für immer ein sehr zerrissenes Verhältnis behalten.

Mir geht’s da wie Heine, bin ich im Ausland, vermisse ich es. Als ich ein Jahr in Amerika war, habe ich rasch Sehnsucht bekommen nach dem deutschen Lebensgefühl, nach dem Brot, nach der Wurst. Aber wenn ich dann die Grenze überschreite, die Sprache wieder höre, wird es wieder widersprüchlicher. Dann hat mich Deutschland wieder. Aber im Ernst, ich lebe gerne hier, ja, gehöre hierher.

Neulich war ich zu Besuch in meiner Volksschule in Oeffingen im Schwäbischen, und da fiel mir auf geradezu rührende Weise auf, wie sehr sich Deutschland verändert hat – zum Guten. Ich saß da in meiner alten Schule, im selben Gebäude wie damals in den fünfziger Jahren, und erinnerte mich, was für eine Zwangsanstalt das für mich war, in der es Schläge und Hiebe setzte. Und heute ist in demselben Gebäude eine moderne Grundschule mit liberalen Lehrern. Das ist immer noch eine sehr konservative Gemeinde im konservativen Baden-Württemberg, aber es ist trotzdem ganz anders als zu meiner Zeit. Heute ist Deutschland ein offenes, menschenfreundliches Land geworden. Darauf können die Deutschen stolz sein.

Für mich wird trotzdem immer eine Spur Reserviertheit bleiben, nicht was die Zukunft betrifft, sondern die Vergangenheit. Das liegt an meinem Alter. Die Nachgeborenen haben es leichter. Meine Generation dagegen ist groß geworden in Trümmern, in einer vaterlosen Gesellschaft. Selbst wenn die Väter da waren, waren sie schwach. Du konntest dieses deutsche Erbe eigentlich nicht antreten, obwohl es dazu keine Alternative gab. Ich bin nach dem Krieg in einer Art politisch-moralischem Zwielicht aufgewachsen. Einerseits eine sich entwickelnde Demokratie, die ein beeindruckender Erfolg wurde. Andererseits ein Land mit dem großen Geheimnis eines furchtbaren Verbrechens. Wenn man mal eine Frage stellte, hieß es sofort, sei still.

Mit meiner Mutter war ich eines Tages in Bad Cannstatt im Kurviertel unterwegs. Sie unterhielt sich mit einer Bekannten, und sie sprachen über Juden. Da fragte ich ganz naiv: Mama, was sind denn Juden? Ich kannte keine Juden, sie waren nicht existent in unserem Alltag im Deutschland der fünfziger Jahre. Die Antwort war: Frag nicht, da ist Schlimmes passiert.

Als ich ein paar Jahre lang mit Freunden, zu viert oder fünft eingepfercht in irgendwelche Schrottlauben, nach Rom oder Paris fuhr und erlebte, mit welcher Selbstverständlichkeit die italienischen oder französischen Genossen ihre Volkstradition zelebrierten, die nicht vergiftet war wie unsere, wurde ich ganz neidisch. Die anderen hatten ihre Hauptstädte! Paris! Rom! London! Wir hatten Bonn.