Wahlen, so lernt es der Politikstudent im ersten Semester, sind hohe Feste der Demokratie; in Wahlkämpfen versichert sich eine Gesellschaft ihrer eigenen Grundlagen. Wenn dem aber so ist, müssen wir uns Sorgen machen um uns – oder zumindest um die Hamburger unter uns. Womit wir nach der nötigen Theorie mittendrin wären im Bürgerschaftswahlkampf, der seine heiße Phase noch nicht erreicht hat, aber schon jetzt so prall und lebenstoll daherkommt wie ein mitternächtlicher Freier auf St. Pauli.

Dort, wo die Große Freiheit wohnt, hatte der bessere Teil der Hamburger Gesellschaft lange Zeit seine Toleranz geparkt. Zwischen hohlwangigen Huren und grell erleuchteten Eroscentern, bis diese nach und nach von den Osmanis aufgekauft wurden, einem verdächtigen albanischstämmigen Familienclan. Dem assistierte später Mario Mettbach, der Vorsitzender der rechtspopulistischen Schill-Partei gewesen war und eine Zeit lang Zweiter Bürgermeister der Stadt. Doch Mettbach, kein schlechter Kerl, ist mittlerweile aus der Politik ausgeschieden und ist damit einer der wenigen Ex-Senatoren aus dem ersten Senat des seit 2001 regierenden Ersten Bürgermeisters Ole von Beust, der keine eigene Partei gegründet hat.

Am anderen Ende der Stadt, auf dem Ohlsdorfer Hauptfriedhof, sehen wir Roger Kusch, der mit federnden Schritten an imposanten Grabstätten vorbeispaziert und Wahlkampf macht. Kusch war Justizsenator, obendrein ein Studienfreund Ole von Beusts, was diesen nicht hinderte, Kusch eines Tages zu entlassen. Der verließ daraufhin flugs die CDU, um nun mit einer eigenen Partei namens HeimatHamburg dem alten Freund das Leben schwer zu machen. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof wirbt Kusch für sein Herzensanliegen, die Sterbehilfe. Wer hier einwendet, dass weder der Ort noch das Thema wählerwirksam seien, verkennt die Altersstruktur des Elektorats. Schon eher muss sich der Wahlkämpfer Kusch fragen lassen, ob er seine Zielgruppe tatsächlich über das Internetportal YouTube erreicht, wo man seinen Friedhofs-Clip anschauen kann.

"Meine Damen und Herren, ich bin hier zusammen mit Ihnen auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg", beginnt der Justizsenator a.D. "Der Ohlsdorfer Friedhof ist vermutlich einer der schönsten Friedhöfe, die es weltweit gibt. Aber die Frage ist: Was passiert in den Wochen, Monaten und Jahren davor?" Immerhin hat Kusch, den Mitarbeiter früher wegen seiner Personalpolitik "die lächelnde Guillotine" nannten, diesmal seinen Sterbehilfe-Automaten zu Hause gelassen, den er unlängst in einem Hamburger Altenheim vorführte. Mit dem kleinen, handlichen Apparat könnten sich Sterbenswillige per Knopfdruck selbst eine tödliche Spritze setzen. Kuschs Botschaft kommt in dem Videoclip auch so rüber: "Für mich ist eines meiner wichtigsten politischen Ziele, in Hamburg nicht nur sicher zu leben, sondern auch würdig zu sterben."

Wenn man einen Hamburger fragt, wie er sich einen Politiker vorstellt, dann antwortet er: Wie Helmut Schmidt. Oder Klaus von Dohnanyi. Oder Henning Voscherau. Lauter kultivierte, honorige Männer, Sozialdemokraten ohne Arbeiterschweiß, in denen sich die stolze Stadt gerne wiedererkennt. Doch die Mehrheit der Hamburger hat vor sechs Jahren einen ganz anderen Senat gewählt. Und es waren eben nicht nur die Abgehängten aus den Problemvierteln, sondern auch viele Wohlhabende aus den Elbvororten, die für die plumpen Law-and-Order-Parolen des berüchtigten Amtsrichters Ronald Schill schwärmten. 19,4 Prozent der Wähler stimmten damals für Schills Partei, der daraufhin Zweiter Bürgermeister wurde. Am liebsten würden die Hamburger nicht daran erinnert werden.

Doch nun steht Schill als Zeuge vor einem Untersuchungsausschuss der Hamburger Bürgerschaft und dreht sich wieder wie ein Tanzbär im Blitzlichtgewitter der Medien. "Mein Name ist Schill, Ronald Barnabas Schill. Ich bin 48 Jahre alt. Früher habe ich mal als Taxifahrer gearbeitet", beginnt er seine Aussage. Drei Jahre lang war er verschwunden, abgetaucht im selbst gewählten Exil in Südamerika, nun lässt er kunstvoll offen, ob er auch wieder Politisches im Schilde führt. Nur so viel, exklusiv für die Bild- Zeitung: "Ole von Beust wird sich noch wundern!" Offiziell ist der Besucher aus Übersee immer noch Vorsitzender der Pro DM/Schill-Partei. Doch vorerst, sagt er, fühle er sich in Rio de Janeiro sicherer als in Altona.