Was will sie, was soll sie, ist sie schlicht überholt oder in revidierter Form eine neue oder gar unsere letzte Hoffnung? Gemeint ist der Opel unter den Beziehungsformen: die Familie. Selbst die Literatur der unter Vierzigjährigen hat sich der Vieldiskutierten schon angenommen. Allerdings oft weichzeichnerhaft. Engmaschige Erzählungen aus der eigenen, eingestandenermaßen faden Jugend. Die jüngste Variante sind, nach amerikanischem Muster, Generationenhistorien, die dem Privaten den Hauch großer Geschichte verleihen.

Was für eine Rolle spielt Roppongi in diesem Verkaufssegment?

Allenfalls die von Erinnerung oder Gegenentwurf. Das neue Buch von Josef Winkler heißt im Untertitel Requiem für einen Vater, doch hat es mit den derzeitigen Versuchen, "Familie zu thematisieren", wenig zu tun. Es führt in einer persönlichen Auseinandersetzung vor, wie einer ein halbes Leben lang an seiner Herkunftsfamilie leiden kann.

Wenn man so will, ist Roppongi damit der Nachruf auf eine aussterbende Gattung, die bei Expressionisten und Autoren der siebziger Jahre viel Zulauf hatte: Sie übten sich damals in "Vaterbeschimpfung". Heute sind Autorenväter sanfter geworden, wer würde sie noch beschimpfen? Doch soll man über das Stoffdefizit jammern? Noch in Winklers erstaunlich verständnisvollem Requiem ahnt man, wie das Leben mit diesem Vater war: für den Sohn nicht zu ertragen.

Das hat hier auch mit der übergroßen körperlichen Stärke des Vaters zu tun. Mit einer Kraft, die ihn den Bauernhof mit 85 an den Schwiegersohn übergeben, die ihn bis 95 bei der Wiesen- und Feldarbeit mithelfen ließ. Und als der Vater 98 war, erinnert sich das Josef-Winkler-Ich dieses Buchs, hielt er dem Schriftstellersohn einen kurzen Telefonmonolog: "Sepp!", begann er, "was bist Du denn für ein Schwein, ein richtiger Sauhund bist Du!" Der Vater verbat sich das Erscheinen des Sohns bei seiner Beerdigung. Wieder habe er einen Nachbarn literarisch verunglimpft. Am nächsten Tag ließ der Vater über die Schwester ausrichten, er habe Angst, dass der Sepp bei der Beerdigung erschlagen werde.

Überraschend beginnt dieses deklarierte Familienbuch jedoch nicht in Kärnten, in der engen alten Bauernwelt, in der die Mutter schon vor der Heirat den Namen des Vaters trug, sondern in Indien, Winklers zweitliebstem Land. Er erzählt die Geschichte, wie er zu ihm kam, unter anderem über seine Frau, die als Kind dort lebte. Sie und andere rieten ihm, der sich von seiner Kindheit freigeschrieben zu haben schien und sich leer fühlte, zu einer Gegend, die noch immer siebenmal so todessinnlich ist wie das katholische Kärnten.

Domra, das erste Indienbuch, ließ in der Beschwörung des Grauens die Grenze zum Kitsch dann oft hinter sich. Was in Kärnten durch Herkunft beglaubigt war, geriet hier in die Nähe zu emphatischem Leidenstourismus, wurde zur literarischen Übersteigerung von etwas, das ohnehin alle westlichen Begriffe sprengt. Ganz anders, nach Jahren und weiteren Indienbesuchen, der verspielt-ironische, sachlich-originelle Auftakt von Roppongi. Er erzählt vom Sterben der indischen Geier: Innerhalb von zehn Jahren sind Millionen verendet.

Das schmerzhemmende Mittel Diclofenac, das die Geier über Haustierkadaver aufnahmen, löste gichtähnliche Symptome, am Ende Nierenversagen aus. " Einen Monat lang hockten sie unbeweglich auf den Bäumen, ließen ihre Köpfe tief, fast zwischen ihren Beinen hinunterhängen und plumpsten von den Ästen."