DIE ZEIT: Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich gehört zu den besten Universitäten der Welt. Sie steht in den Rankings immer dann oben, wenn die Forschung bewertet wird. Welche Rolle spielt bei Ihnen die Lehre?

Heidi Wunderli-Allenspach: Eine wichtige Rolle. Aber sie muss in Zukunft noch prominenter positioniert werden. Die Einführung neuer Bachelor- und Masterstudiengänge ist dabei für uns eine große Chance. Die Lehre an der ETH galt immer als verschult. Die Reform der Studiengänge bietet uns die Chance einer Flexibilisierung und der Etablierung neuer Lehrmethoden.

DIE ZEIT:  Haben Sie Kriterien für die Qualität der Lehre entwickelt?

Wunderli-Allenspach: Die ETH hat seit der Gründung ihres Didaktikzentrums vor fünfzehn Jahren Anstrengungen unternommen, die Qualität der Lehre zu evaluieren. Das ist in der Tat nicht ganz einfach. Aber wir haben entsprechende Instrumente entwickelt, die wir in Zukunft noch optimieren und ergänzen wollen.

DIE ZEIT:  Welche Instrumente sind das?

Wunderli-Allenspach: Die Evaluation der Lehre baut auf vier Säulen auf: Am Anfang steht die Unterrichtsbeurteilung der Dozenten durch die Studierenden. Jeder Professor erhält seine Daten und die Durchschnittswerte der gesamten Evaluation. Er kann also genau sehen, ob er in den Augen der Studenten ein überdurchschnittlich guter Lehrer ist oder als miserabler Dozent weit unter dem Durchschnitt liegt.

DIE ZEIT:  Ist denn Qualität in der Lehre nur eine Frage der Didaktik?

Wunderli-Allenspach: Wenn ein Professor oder eine Professorin eine viel gelobte Vorlesung hält, kann es sein, dass auch die Didaktik sehr gut ist. Es kann aber auch sein, dass der Lehrer ein faszinierender Mensch ist, der in seinem Fachgebiet brilliert. Ich glaube nicht, dass Einstein irgendeine Didaktikschulung gemacht hätte.

DIE ZEIT:  Und was geschieht mit jenen, die schlechte Didaktiker sind und nicht Einstein heißen?

Wunderli-Allenspach: Die Studiengänge haben Kommissionen, in denen die Resultate der studentischen Bewertung diskutiert werden. Dabei kann dann durchaus der Punkt kommen, wo man sagt, wir brauchen einen anderen Dozierenden. Der Kollege ist nicht geeignet, 350 Erstsemester in Mathematik zu unterrichten. Dann muss das Departement sinnvollerweise einen anderen Dozenten bestimmen.

DIE ZEIT:  Sie sprachen von vier Säulen der Lehrevaluation. Was sind die weiteren Elemente?

Wunderli-Allenspach: Die zweite Säule ist die Evaluation durch ehemalige Studenten, die inzwischen im Berufsleben stehen. Drei bis fünf Jahre nach dem Abgang von unserer Hochschule befragen wir die Absolventen. Was von dem, was sie gelernt haben, konnten sie tatsächlich brauchen? Wo gab es Schwächen? Die dritte Säule ist eine Selbstevaluation des Studiengangs. Hier versuchen die Kollegen, die Stärken und Schwächen der Ausbildung zu benennen. Das vierte Element ist die Peer Review. Wir bitten regelmäßig alle fünf bis sieben Jahre Gutachter aus dem Ausland, die Departemente zu bewerten. Ich werde künftig großen Wert darauf legen, dass die Gutachter nicht nur anhand ihrer exzellenten Forschungsleistungen ausgewählt werden; sondern dass die auch von Orten kommen, wo interessante Curricula und gute Lehre gemacht werden.