Hans-Joachim Kernchen könnte entspannter nicht sein. Endlich ist sie da, die Nachricht aus der Frankfurter Zentrale: Die Lokomotivführer werden wieder streiken. Von Mittwochmittag an (und damit nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) sollen die Güterzüge stehen, von Donnerstagmorgen an wollen die in der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) organisierten Eisenbahner auch keine Personenzüge im Fern- und Regionalverkehr mehr bewegen. Das Ganze befristet bis Samstag, zwei Uhr morgens. So massiv haben die Lokführer bislang nicht zugeschlagen.

Hinter Kernchens Rücken kann man durchs Bürofenster hinaus ein paar vom Winternebel gedämpfte Bewegungen sehen: Wie in Zeitlupe ziehen ICEs in nur fünfzig Metern Entfernung ihre roten Striche durch den Berliner Ostbahnhof, gelb-rote S-Bahn-Oldtimer halten und starten im Zweiminutenrhythmus.

Kernchen ist Bezirksleiter für Berlin-Sachsen-Brandenburg bei der GDL. Entspannt ist er, weil er alles im Griff hat und sicher glaubt, dass die Lokführer am Ende den Tarifkonflikt mit der Deutschen Bahn gewinnen werden. Schließlich hat ihr Kontrahent bisher ziemlich viel falsch gemacht.

Vor allem hat der Vorstand der Bahn versucht, die Gewerkschaft durch gerichtliche Streikverbote ins Unrecht zu setzen. Doch seit ein zweitinstanzliches Urteil der GDL erlaubt hat, nicht nur den Personennahverkehr, sondern auch den Fern- und Güterverkehr zu bestreiken, steht die Legalität des Arbeitskampfs außer Zweifel. "Wir sind jetzt richtig frei", sagt Kernchen, "wir müssen jetzt nicht mehr die armen S-Bahn-Kunden verärgern, die ja morgens nichts anderes wollen, als dorthin zu kommen, wo sie ihre Brötchen verdienen."

Vergangene Woche haben sie deshalb schon mal kurz den Güterverkehr in ganz Deutschland lahmgelegt, und es sei "super gelaufen", sagt Kernchen, gerade auch in seinem Bezirk in Ostdeutschland. Es gibt dort nur noch fünf Drehscheiben für den Güterverkehr, in Wustermark, Großbeeren, Seddin, Dresden-Friedrichstadt und Hoyerswerda, wo etwa die Kohletransporte aus Polen für die Wärmekraftwerke in der Lausitz ankommen. Alles war zu. Genau 475 Lokführer hatte Kernchen im Ausstand, normalerweise fährt jeder von ihnen zwei Züge pro Schicht. "Machte 950 stehende Züge", freut sich der Bezirksleiter, "die Streikwelle hat sich in zwei Tagen wunderbar und ganz von selbst aufgebaut." Selbst in Westdeutschland, wo noch viele Lokführer beamtet sind und nicht streiken dürfen, sei nur jeder dritte Güterzug gerollt. Etliche Kollegen dort hätten Urlaub genommen oder seien gerade passend krank geworden, sagt Kernchen. "Die Aktion hat sehr eindrucksvoll gezeigt, dass das Ganze keine Sache von ein paar Funktionären ist, sondern dass die Kollegen voll dahinterstehen."

Der kurze Streik hat auch die Gewissheit der Gewerkschaft gefestigt, dass sie den Arbeitskampf finanziell noch lange durchstehen kann. Die Auszahlung der täglichen Streikgelder von 45 Euro pro Kopf hat gut funktioniert. Nur einen Teil dieses Geldes muss die GDL selbst aufbringen, ein Sockelbetrag kommt aus dem zentralen Streikfonds des Deutschen Beamtenbundes (DBB), in den die Lokführer jahrzehntelang eingezahlt haben. Wie gut die Kriegskasse tatsächlich gefüllt ist, verrät niemand. Aber Beamtenbund-Sprecher Frank Zitka, an sich ein eher distanzierter Beobachter des Lokführerstreiks, testiert der Mitgliedsorganisation: "GDL und DBB sind wohlhabend. Der Streikfonds ist über Jahrzehnte nicht strapaziert worden. Die Finanzlage der GDL wird in diesem Konflikt ganz sicher nicht kriegsentscheidend sein."

Natürlich sieht sich die Gewerkschaft nun vor allem mit dem Vorwurf konfrontiert, der ganzen Volkswirtschaft zu schaden, dem bröselnden Aufschwung womöglich den Garaus zu machen. Kernchen kauft das Argument nicht. Einer Gewerkschaft im Arbeitskampf könne nicht die Verantwortung für das Volkswohl aufgeladen werden. Sie habe einzig auf ihren Kontrahenten zu schauen, den Arbeitgeber Bahn also, den dürfe sie nicht zu Tode streiken. Die Bahn aber sei ein robuster Kontrahent. Es frage ja auch niemand nach der Verhältnismäßigkeit und den volkswirtschaftlichen Folgen, wenn sich der Bahnvorstand Millionenvergütungen spendieren lasse. Nein, nachdem die Legalität des Streiks feststehe, sagt Kernchen, habe er bisher auch keine überzeugenden Argumente gegen dessen Legitimität gehört. Auch deshalb ist er so entspannt.

Momentan hat Kernchen sogar Zeit, zwei Kollegen aus Südkorea zu empfangen. Ein bisschen ist das so, als würde er zwei Wesen von einem anderen Stern die Erde erklären. Vielleicht wird den Herren Park und Kim nicht bis ins letzte Detail klar, wie genau nun die Langzeitüberstundenkonten funktionieren. Aber dass es in Deutschland drei Eisenbahnergewerkschaften gibt, die miteinander konkurrieren, verstehen sie sofort. Auch, dass die GDL einen eigenen Tarifvertrag für die Lokführer haben möchte, denn sie stellen die richtige Frage nach der Tarifeinheit und der gewerkschaftlichen Solidarität.

Das gibt Kernchen die Chance, den Kern des Konflikts noch einmal prinzipiell deutlich zu machen. Die große DGB-Gewerkschaft Transnet, die nur wenige Lokführer organisiere, habe über Jahre eine Tarifpolitik für ihre eigene Klientel gemacht, für Stellwerker, Streckenarbeiter, Schalterpersonal, Zugbegleiter also. Die Lokführer seien dabei im Übermaß zu Leidtragenden der Rationalisierung bei der Bahn geworden – steigende Stundenzahlen, sinkende Realeinkommen und Arbeitsverdichtung. Herr Park und Herr Kim stellen dann wieder eine einfache Frage: Was verdient ein Lokführer in Deutschland? Im Schnitt 2500 Euro monatlich brutto, sagt Kernchen, netto etwa 1500 Euro. Jetzt verstehen Herr Park und Herr Kim ganz genau. Das sei gut die Hälfte eines Lokführereinkommens in Südkorea, sagen sie.

Dann erzählt Herr Kim noch, dass er schon monatelang im Gefängnis gesessen habe, weil er sich für die Rechte koreanischer Eisenbahnmechaniker eingesetzt habe. Hans-Joachim Kernchen ist beeindruckt. Er wirkt jetzt fast noch ein bisschen kampfbereiter.