Dies ist der Nullpunkt, der Kältepol. In der gesamten Geschichte des Pop gibt es keine schwärzere, härtere, hoffnungslosere Musik. Unknown Pleasures heißt das erste Album von Joy Division; es entsteht im nordenglischen Manchester in den Jahren 1978/79, inmitten der Explosionen von Punk und New Wave, im alles verschlingenden Wirbel von Nihilismus und Postmoderne, "no future" und "anything goes". Punk kündet vom Ende der Geschichte, von der Ankunft des Jüngsten Gerichts; Post-Punk will ein neues Imperium bauen: auf den Trümmern der Tradition. Jeder ist in Bewegung in den popmusikalischen Revolutionen dieser Jahre – Joy Division jedoch lassen die Zeit erstarren: Ihre Songs klirren in posthistorischer Kälte; ihr Sänger Ian Curtis malt kristallene Bilder einer Introspektion, der nichts, was sie findet, zur Heimat wird.

Seine Texte handeln von Selbsthass, Verzweiflung und Scham, von dem quälenden Blick in eine Welt ohne Möglichkeiten. Gegen den politischen Pessimismus der Punks setzen sie – scheinbar traditionell – den Kummer des Einzelnen. Doch diese Subjektivität handelt zugleich vom Tod des Subjekts. Niemals spricht Ian Curtis die Sprache der Romantik. Seiner Verzweiflung fehlt jede Süße, jeder operettenhafte Unernst, wie die Punkrocker jener Jahre ihn aufzutragen pflegen – aber auch jene Grellheit der Selbstüberschätzung, in der Popmusik gemeinhin ihre Melancholie relativiert: zur vorübergehenden Verwirrung Pubertierender. Bei Joy Division geht nichts vorüber. Die Bilder, die sie in ihrer Musik malen, sind ewig, eternal – so der Titel eines späten Songs. Der Bariton, in dem Ian Curtis singt, scheint ohne Licht, ohne den winzigsten Funken Lebenskraft.

Produziert wird Unknown Pleasures – wie auch das zweite und letzte Album der Band, Closer – von Martin Hannett, einem genialen Klangbauer, der seine Techniken beim Dub-Reggae abgeschaut hat. Bei King Tubby und Lee "Scratch" Perry hat er den Gebrauch der Echokammer erlernt und des endlos verzögerten Halls. Doch wird hier nichts eingelullt oder umschmeichelt. Hannetts Echo ist plastisch und transzendental: Aus dem Verklingen der Dinge baut er gewaltige Räume, Kathedralen, in denen die Stimmen, die Schicksale noch kleiner und einsamer wirken. Gitarre und Bass mischt er weit in den Hintergrund, bis nur noch das rhythmische Gerüst übrig bleibt und Curtis’ Gesang: Wie ein Stern aus endloser Ferne dringt er durch einen rauschenden Äther.

Im Mai 1980, kurz vor der ersten USA-Tournee der Band, erhängt sich Ian Curtis in seiner Küche. Das zweite Album Closer, das einen Monat später erscheint, wird eine Pietà auf dem Cover zeigen: Maria vor dem gestorbenen Jesus. Die Rhythmusgruppe von Joy Division ersteht bald wieder auf: Unter dem Namen New Order schenkt sie der tanz- und zukunftswütigen Jugend der achtziger Jahre einige ihrer lebensbejahenden Hits.

Joy Division: Unknown Pleasures (Lor/Warner)

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