Der Vizekanzler schrieb einen Brief an alle Lehrer. Oder war es doch der ÖVP-Obmann? Einerlei, er ist eben eine gespaltene Persönlichkeit. Wahrscheinlich ist diese Schizophrenie seines Alltags schuld daran, dass er nun selbstkritisch in seinem Schreiben eingestehen muss: "Keiner kann erklären, was die Neue Mittelschule ist." Wie soll der Parteichef auch wissen, was das Regierungsmitglied ausverhandelt hat. Oder vice versa. In welcher Funktion auch immer, Wilhelm Molterer wünscht sich jetzt einen Vertrag zwischen Lehrern und Eltern, der Letztere "in die Pflicht" nimmt. Sie sollen Verantwortung dafür übernehmen, dass ihre Sprösslinge pünktlich und gut vorbereitet zum Unterricht erscheinen. "Das ist nicht überall selbstverständlich", bedauert der konservative Weltverbesserer und meint damit wohl viele seiner Kollegen, die immer wieder unvorbereitet im Nationalrat auftauchen. Auch ertappen die TV-Kameras häufig Volksvertreter, die im Hohen Haus unter der Bank Zeitung lesen, schwätzen, sich themenfremder Tätigkeit widmen oder sogar einnicken. Ganz zu schweigen von einigen Unbelehrbaren, die nach wie vor heimlich auf dem Klo rauchen. In seinem Brief sprach Molterer auch die Bedrohungen auf dem Schulweg an. Der war zwar immer schon gefährlich, in erster Linie wegen des Straßenverkehrs. Aber das heikle Thema der Aggression soll nicht verharmlost werden. Denn wer auch nur ein Mal eine Parlamentsdebatte live gesehen hat, der kann sich der Forderung nach einem Benimm-Vertrag zwischen Politikern und deren Erziehungsberechtigten nur anschließen. Alfred Dorfer

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben