Das große Reisen der Familie Schütt, das mehr als ein Jahrhundert währen sollte, begann mit drei Streichhölzern. Großvater Nicolas Jürgen Schütt hatte eine Zeitungsanzeige gelesen und sprach im Büro der Hamburger Handelsfirma Morales und Bertram vor. Drei Bewerber gab es: alle jung, männlich und ledig. Einer von ihnen sollte nach Südamerika, nach Bolivien. Nicolas Jürgen Schütt zog das kurze Streichholz. So gelangte er 1895 aus Wilster in Schleswig-Holstein nach Potosí, 4000 Meter hoch, die Luft zum Atmen knapp, dafür war die Stadt mit dem Reichtum von Silber- und Zinnminen gesegnet. Und Nicolas Jürgen Schütt blieb, heiratete eine Bolivianerin, gründete ein paar Jahre später sein eigenes Handelshaus, nannte es „Casa Schütt“ und brachte vom Champagner bis zum Automobil vor allem Luxuswaren aus Europa in die Berge. Der Großvater wurde reich, sehr reich.

Ein Streichholz, ein kurzer Augenblick, prägte sein Leben und das der folgenden drei Generationen. Ohne den Großvater hätte die Familie Deutschland nicht verlassen, ohne ihn hätte sie ihren Wohlstand nicht erreicht. Bis zum Tod behielt er die deutsche Staatsbürgerschaft, hinterließ sie seinen Nachkommen, seinem Sohn Nicolas jr., seinen Enkeln Jürgen, Willy und Klaus und den vielen anderen. Er hat ihnen so die Möglichkeit zur Rückkehr bewahrt, sie dadurch später manches Mal gerettet. Er machte sie zu Wanderern zwischen den Kontinenten.

Als sein Sohn Nicolas jr. neun Jahre alt war, schickte ihn der Großvater nach Hannover, weil dort das reinste Hochdeutsch gesprochen wurde und er die deutsche Erziehung genießen sollte. Vielleicht hatte der Großvater Angst, dass sein Sohn sonst den Kontakt zur alten Heimat verlieren würde. Vielleicht wollte er im Leben des Sohnes seine eigene Biografie wiederholen, sich so ein Stück Unsterblichkeit sichern. Da muss es geschehen sein, dass die Familie Schütt rastlos wurde, sich nie mehr ganz an einen Ort binden mochte, weil die Abschiede sonst zu sehr schmerzten. Sodass die Kinder, Enkel und Urenkel des alten Schütt noch heute lieber weiterziehen, bevor Freundschaften zu eng oder zu nah werden.

Die Deutschlandreise von Nicolas jr. ist der Beginn einer Familientradition. Obwohl er bei seiner Heimkehr neun Jahre später den Vater kaum wiedererkennt, wird er selbst alle seine neun Kinder mit spätestens 17 zum Studium in die alte Heimat des Großvaters schicken, und diese werden das Gleiche mit fast allen ihrer 27 Kinder tun. Einige werden später nach Bolivien zurückkehren, andere werden bleiben, und für manche wird es nur der erste von unzähligen Umzügen in weitere Länder sein.

Warum schickt eine Familie immer wieder ihre Kinder fort? Die Reise nach Deutschland – das ist der Familienauftrag, eine Aufgabe, die jeder Schütt bewältigen sollte. Und die Nachkommen erfüllen sie folgsam wie eine Art Wehrpflicht, einen „Dienst am Vater“. Ein patriarchalisches Prinzip: Bei den Schütts bestimmen immer die Väter für ihre Kinder, was gut für deren Zukunft ist. Und die Zukunft war in Bolivien stets ungewiss, bis heute gilt es als das ärmste und instabilste Land Lateinamerikas. Die Schütt-Kinder mussten nach Deutschland, weil es ihnen einmal Sicherheit, Schutz und Zukunft bieten könnte, eine letzte Fluchtmöglichkeit in der Not. Die Väter sollten recht behalten.

So wurden die Schütts zu einer globalen Familie, in einer Zeit, in der es die Globalisierung noch gar nicht gab. Ihr Leben bestand immer aus einer Abfolge von Abschieden und Ankünften. Auf gewisse Weise ist Deutschland auch die verordnete Ablösung von den Eltern. Alle Schütts eint die Erfahrung des Weggangs, dieses Gefühl des Verlustes im Augenblick, in dem sie die Familie verlassen müssen. Je ferner die Familie rückt, desto enger scheint sie. Zwei Generationen nach Großvater Nicolas Jürgen Schütt hat das Streichholz seinen Enkeln Jürgen, Willy und Klaus ein diffuses Gefühl der Sehnsucht hinterlassen, Sehnsucht nach Heimat und Familie.

Sie wohnen heute in drei verschiedenen Ländern auf zwei Kontinenten. Jürgen, das älteste der neun Kinder von Nicolas jr., kämpfte im Untergrund gegen die bolivianischen Diktatoren, saß im Gefängnis und streitet noch immer für eine gerechtere Gesellschaft, inzwischen in Venezuela. Willy, der seinen Teil des Familienunternehmens verlor, trägt schwer an seinem Scheitern und lebt jetzt in Deutschland, wo er nicht leben mag. Und Klaus, der Jüngste der drei, ist nach langem Reisen an den Ort seiner Geburt heimgekehrt, zum alten Familiensitz in Sucre, Bolivien, den der Vater 1941 erwarb.

Als Klaus im Jahr 1972 mit 19 Sucre verließ und nach Deutschland ging, wusste er, dass es hart werden würde. Oft wenn sich die Familie in den Jahren zuvor um den alten Eichentisch im Wintergarten versammelt hatte, erzählte Jürgen, der Älteste, den Jüngeren Klaus und Willy und den sechs anderen Geschwistern von Deutschland. Er erzählte von schlechtem Wetter und schlechtem Essen. Sein Lieblingsspruch hieß: „Wartet nur, bis ihr in Deutschland seid!“

Klaus beobachtete, wie erst Jürgen, dann Willy abreiste. Das Fortgehen hat unterschiedlich auf die Brüder gewirkt: Jürgen, der Älteste, schwor, seine Kinder später nie fortzuschicken, hielt sich aber nicht daran. Willy nahm es mit scheinbarer Leichtigkeit. Klaus weigerte sich zunächst, deshalb ging er auch erst mit 19. Da wurde die Universität in Sucre wegen eines Militärputsches geschlossen, und der Vater ließ ihm keine Wahl.

Klaus musste nach Hamburg, ans Studienkolleg, an dem die Schütts bis heute Deutsch lernen. Schon am ersten Tag verstand er, was sein Bruder gemeint hatte. In der Bahn stellte sich Klaus einem Mitreisenden vor: „Mein Name ist Schütt.“ – „Meiner nicht“, war die Antwort. Fortan besuchte Klaus bis 15 Uhr das Kolleg, danach war er allein. Am Hamburger Kolleg hatten die Schütt-Kinder ihre erste Begegnung mit der Einsamkeit. Jahrzehnte später schickte Klaus trotzdem seine vier Töchter auf dieselbe Schule. „Die Bildung in Bolivien ist katastrophal“, sagt er heute, auf dem Sofa im Sucrer Wintergarten sitzend, mit Blick auf den großen Eichentisch.