Wenn Deutschland nur aus Inseln bestünde, dann … ja, dann könnte die neue Schulform ein Schlager werden. Denn auf Fehmarn hat sich ein waschechtes Gymnasium darauf eingelassen, mit anderen Lehranstalten zu einer sogenannten Gemeinschaftsschule zu verschmelzen; einer Schule also, auf der die Schüler gemeinsam unterrichtet werden, unabhängig davon, ob sie später einen Haupt- oder Realschulabschluss ablegen oder das Abitur machen (siehe auch ZEIT Nr. 29/07) .

Die Gemeinschafts schule ist – in der Nachfolge der Gesamt schule – das neue Lieblingsprojekt vieler sozialdemokratischer Bildungspolitiker. In Hessen und Nordrhein-Westfalen machen die Genossen Wahlkampf damit; und in Schleswig-Holstein und Berlin entlassen SPD-Kultusminister die Idee in diesen Tagen in die Wirklichkeit.

Auf Fehmarn sind die meisten Insulaner allerdings nicht aus Überzeugung zu Anhängern der Gemeinschaftsschule geworden, sondern eher aus schierer Not: Auch auf der drittgrößten deutschen Insel werden weniger Kinder geboren; der Rückgang der Schülerzahlen hätte den Tod des Gymnasiums bedeutet – und die Fahrt zum nächsten Gymnasium auf dem Festland dauert mindestens zwei Stunden. Mit der Gemeinschaftsschule ist es möglich, weiterhin das Abitur auf der Insel abzulegen.

Auf dem Festland bleibt die neue Schulform dagegen ein Rumpfmodell. An den sechs anderen Gemeinschaftsschulen in Schleswig-Holstein, die jetzt an den Start gehen, ist kein Gymnasium beteiligt. Und offenbar haben sich dort gerade einmal sieben Schüler mit Gymnasialempfehlung zur Teilnahme an dem Versuch gefunden. Ähnliches gilt für Berlin: Auch dort findet sich unter den 15 Schulen, die sich für die Erprobung des neuen Schulmodells gemeldet haben, kein Gymnasium.

Damit droht der Gemeinschaftsschule das gleiche Schicksal wie vielen Gesamtschulen: Sie scheiterten letztlich daran, dass sie für gute Schüler nicht attraktiv genug waren. Creaming -Effekt tauften Forscher das Abwandern der gymnasialtauglichen Eleven, der "Sahne", von den Gesamtschulen auf die Gymnasien. Wenn die Gemeinschaftsschule aber keine leistungsstarken Schüler anzieht, kann sie ihren Anspruch, die neue "Schule für alle" zu sein, auch nicht einlösen.

Es gibt aber auch positive Beispiele, etwa die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die auf Außenstehende zeitweise wie eine große Theater-AG wirkt und die überdurchschnittlich viele Schüler mit Gymnasialempfehlung anzieht. Oder die Offene Schule Waldau in Kassel, an der Gymnasiasten und Lernbehinderte gemeinsam lernen und die eine Abiturientenquote von 60 Prozent vorweisen kann. Anhand solcher Beispiele kann man lernen, dass integrierte Schulen wunderbare Lernorte sein können – allerdings nur, wenn man sie für Schüler aller Leistungsstufen attraktiv macht. Sonst sind sie zum Scheitern verurteilt. Thomas Kerstan