Es gibt ja Menschen unter uns, die noch erlebten, wie die gesamte Familie zusammenzuckte, schier zu atmen vergaß, weil das Telefon klingelte, was so selten vorkam, dass der Ausnahmefall des akustischen Ereignisses per se eine Botschaft ankündigte, bei der es sich nur um eine dramatische Ausnahmesituation handeln konnte. Das Telefon klingelte, und die Familie fragte sich sofort: Wer ist gestorben? Dann die nächste, in zeitlicher Bedrängnis zu beantwortende Frage: Wer geht ran? Dabei war unklar, ob es sich um Rangehnmüssen oder Rangehndürfen handelte. Wer schließlich den Hörer abnahm – Vater ("Ich höre?"), Mutter ("Ja, bitte?") oder eines der Kinder ("…halllloooo…") –, sagte alles Entscheidende aus über die Rollenverteilung und die heimliche Psychodynamik einer solchen Familie.

Natürlich ist das eine der nostalgischen Schnurren, die den Allgemeinplatz von der wahnsinnig schnellen Entwicklung der Welt und dem Hinterherhinken der Sitten illustrieren. Genauso lächeln wir heute über die Großtante, die vor zehn Jahren Kiwis einkaufen sollte und Avocados mitbrachte. Im Nachhinein wirkt das alles putzig. Am Wahrheitsgehalt ändert es indes nichts. Nur die Schnurren ändern sich. Was werden sich die Enkel dereinst schieflachen über die Episode, wie ihre Großmutter, eine bei einer Wochenzeitung beschäftigte Journalistin, mit dem Zeigefinger auf ihrem Handy herumtippte und dabei schrie: "Ruhe, ich muss mich konzentrieren, ich schreibe eine SMS!" Dann werden sie die Episode historisch einordnen und sagen: Da war aber Kohl noch an der Regierung, später hat sie dann sogar beim Kochen gesimst wie Merkel. Kurzum: Technische Kommunikation, die im Verdacht steht, diese zu anonymisieren und zu verarmen, ist zugleich eine reiche Quelle sozialen Erzählstoffs.

Adriano Sack, Autor, Journalist, nach eigener Auskunft 24 Stunden online und Verfasser des Buches Manieren 2.0. (Stil im digitalen Zeitalter; Piper Verlag, München 2007; 277 S., 16,90 €) ist ein ausgezeichneter Erzähler der aktuellen Kommunikationswelt. Er ist profihaft vertraut mit ihrem technischen Regelwerk und dennoch fähig, jene Haltung laienhafter Befremdung einzunehmen, die nötig ist, um all die kulturellen Benimmfragen zu erspüren, die aus der Technik hervorgehen. (Außerdem kann er gut schreiben.) Nehmen wir ein simples Beispiel, das Mailen. Eine Mail mit der Anrede "Sehr geehrte Frau Sowieso" wirkt gestelzt. Da will jemand, weiß man sofort, so tun, als säße er eigentlich mit dem Füllfederhalter vor Briefpapier und nicht am PC. Die Überbetonung des Schriftlichen ist indes nicht weniger schräg als die des Mündlichen, "Hallo, Frau Sowieso". So mailen ja viele. "Hallo, Frau Sowieso, vielleicht haben Sie übersehen, dass die Zahlung des monatlichen Vereinsbeitrages am 1. 11. 2007 fällig war". Mit den Absendern solcher Mails will man doch nicht auf der Hallobasis verkehren. Oder das Handy. "Unter drei Schlagworten", schreibt Adriano Sack, "lässt sich ein großer Teil der Handy-Unsitten subsumieren: Wegdrücken, Anklopfen, Anlassen". So ist es, und was folgt daraus? Schon das sogenannte Anklopfen: eine klassische Höflichkeitsfalle. Wie schafft man es, mit Person A zu telefonieren, dabei auf das Anklopfen von Person B zu reagieren, das heißt, A kurz wegzudrücken, um B zu sagen, dass man mit A telefoniert, und dann einen von beiden auf ein späteres Telefonat zu vertrösten, ohne dass jemand beleidigt ist und sich in seiner Wichtigkeit herabgesetzt fühlt? Das sind Kleinigkeiten des stilistischen Umgangs, die sich zu jener Komplexität entfalten lassen, die vor Jahrzehnten die Frage besaß, wer von der Familie rangeht, wenn das Telefon läutet. Gesellschaftlich spannend sind solche Fragen durch die Bank.