Ausstellungen im Literaturmuseum in Marbach am Neckar – das sind geheime und durchaus festliche Rituale. Um sie zu begreifen, sollte man zunächst noch einmal daran erinnern, dass es bei derartigen Anlässen in dem kleinen schwäbischen Ort immer auch um Friedrich Schiller geht. Das literarische Marbach gibt es nur, weil Schiller dort geboren wurde, und das erhabene Szenario der Museums- und Archivbauten, die auf dem majestätisch entworfenen Hügel über dem Neckar plaziert sind wie eine gewaltige Bühne für Redner und Menschen, die heutzutage erst einmal auf ihr bestehen müssen, hat im Grunde keinen anderen Hintersinn, als die Schriftsteller der Gegenwart mit der großen Zeit der deutschen Literatur um 1800 zu konfrontieren.

Das Schiller-Nationalmuseum mit seinen Schiller-, Hölderlin- und Mörike-Handschriften bildet dabei den alten Bestand, das Deutsche Literaturarchiv aber ist das Portal der Gegenwart, durch das die bedeutenderen der deutschsprachigen Gegenwartsschriftsteller meist nach ihrem Tod mit ihren letzten Texten heimkehren, um sich zu den großen Toten zu gesellen und sie zu ehren. Sie legen ihr müdes Lebens- und Schreibgepäck ab vor dem Denkmal und den Augen Schillers, sie machen ihre Aufwartung direkt am Olymp. Denn um nichts anderes geht es in Marbach: Die Gegenwart zu messen an dem, was in der Glanzzeit der deutschen Literatur einmal groß, weit und wunderlich gedacht war.

Wehe also all denen, die dann nur noch mit Miefig-Privatem aufwarten, ein paar Briefwechsel hinterlegen oder mit ein paar letzten Zettelkästen erscheinen – man wird ihre Vor- und Nachlässe zwar in den längst bereits klassisch gewordenen grünen Marbacher Archiv-Kästen geduldig sortieren und sammeln, dann aber werden die Kerzen vor diesen kleinen Särgen in den Keller-Tiefen des Marbacher Dichter-Hügels allmählich erlöschen – aus, vorbei, keine Spur mehr vom ersehnten Nachruhm.

Robert Gernhardt ist weder mit ein paar Briefwechseln noch mit Zettelkästen nach Marbach gekommen. Kurz vor seinem Tod im Juni 2006 hat er dem Deutschen Literaturarchiv das hinterlassen, was er als die eigentliche Summe seines Schreibens verstanden hat: 675 Notizhefte der Marke Brunnen im DIN-A5-Format, rund 30.000 Seiten Aufzeichnungen von seinem vierzigsten Lebensjahr bis zu seinem Tod, fast alle geschrieben mit BIC-Kugelschreibern der Marke BIC Orange.

Zur Eröffnung der Ausstellung Kippfiguren, die eine Auswahl dieser Hefte präsentiert, begrüßte Direktor Ulrich Raulff im Vortragssaal des Archivs die in Scharen erschienenen, neugierigen Gäste denn auch gleich mit einem Zitat von Paul Valéry. An das Monumentalwerk der Cahiers von Valéry, an die Tagebücher von Julien Green, an Walter Kempowskis Chroniken erinnerte er, womit das Niveau vorgegeben war, auf dem Gernhardts Notizen zu orten sind. Die Hefte »werden uns Augen machen – und was für Augen!« – so Ulrich Raulff, der genau wusste, wie man auch an einem trüben und stürmischen Sonntagmorgen auf Marbachs Höhen die Spannung zu steigern versteht.

Man steigert sie weiter, indem man zunächst eine »erste Leserin« all dieser Hefte (Kristina Maidt-Zinke) von ihrer begeisterten Lektüre berichten, und man gibt die Leitmotive für die spätere Schau vor, indem man Martin Mosebach eine glänzende Rede halten lässt, die Robert Gernhardts Werk aller menschenfreundlichen Humoristik entreißt, um es in seiner ästhetischen Kühnheit und seinen historischen Dimensionen erst so recht sichtbar zu machen. Von »kühler Heiterkeit« seien seine Verse gewesen, von »trigonometrischer Strenge« ihre formale Perfektion, als »Zaubersprüche« habe er seine Gedichte entworfen, die sich seinen Lesern wie teuflische Ohrwürmer so eingeprägt hätten wie die Verse Schillers den Lesern des neunzehnten Jahrhunderts.