In einem kleinen Seglerort in der Nähe meiner Heimatstadt wurde vor einigen Monaten ein sehr neuer, sehr großer Supermarkt eröffnet, dem es gemäß der Bäder-Ausnahme des schleswig-holsteinischen Ladenöffnungsgesetzes erlaubt ist, seine Waren auch sonntags anzubieten. Nun war es mir jahrzehntelang gelungen, ohne sonntägliches Einkaufen in großem Stil auszukommen, und so schaute ich zunächst aus reiner Neugier vorbei. Dann aber fehlten zu Hause Toast und Milch. Das Einkaufserlebnis gestaltete sich erfreulich, es hatte etwas Außergewöhnliches und Urlaubshaftes, die Verkäuferinnen waren entweder wirklich fröhlich oder dazu verdonnert worden, wenigstens jetzt am Anfang fröhlich auszusehen, und bei der Tankstelle hätte es nur HMilch und die falsche Sorte Toast gegeben.

Trotzdem war dieser kleine Einkauf gewissermaßen ein Schritt in den Treibsand. Denn wenn man einmal weiß, dass frisches Beefhack und Erdbeeren, Küchenpapier und Artischocken, Butter und Parmesan auch am Sonntag zur Verfügung stehen, kann man es einfach nicht mehr vergessen. Niemand kann das, und deshalb ist der große neue Supermarkt jetzt sonntags voller als samstags; Leute aus dem gesamten Umland machen Vorratseinkäufe für die Woche, und die Verkäuferinnen blicken mittlerweile über ihre Kassen hinweg wie Menschen, die öfter am Wochenende arbeiten müssen, als es ihnen lieb ist. Ein Gewinn an Freiheit? Womöglich. Für manche. Zweifelsohne hat er seinen Preis.

Die Debatte um die Sonntagsöffnung von Geschäften, die ganze Diskussion um den Ladenschluss in Deutschland ist ein besonders eindringliches Beispiel dafür, wie sich die Zeitstrukturen in unserer Gesellschaft verändern. Zum Konsumieren, zur Inanspruchnahme von Dienstleistungen und jedweder Art von Unterhaltung oder Information sind wir mittlerweile rund um die Uhr bereit, ja wir erheben Anspruch darauf. Etwas anders sieht es aus, wenn wir selbst zu unangenehmen Zeiten arbeiten sollen.

Das aber müssen inzwischen mehr als die Hälfte der fast 40 Millionen Beschäftigten in der Bundesrepublik: Nach Untersuchungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) arbeiten 51 Prozent von ihnen abends, nachts oder am Wochenende (1994: 38 Prozent). Am heiligen Sonntag treten 28 Prozent der Beschäftigten "gewöhnlich" oder "manchmal" zum Dienst an – 10,5 Millionen Menschen. Evangelische Gottesdienste, um eine Vergleichsgröße zu nennen, werden von 1,3 Millionen Menschen besucht. Die Kirchen haben es denn auch übernommen, mit einer Verfassungsbeschwerde gegen die besonders freizügige Regelung des Sonntagsladenschlusses in Berlin vorzugehen. Der arbeitsfreie Samstag (den die Gewerkschaften lange nicht so inbrünstig verteidigen wie die Kirche den Sonntag) ist noch viel stärker unter Druck und auf dem besten Wege, wieder ein normaler Arbeitstag zu werden – ihn schützt nicht, wie den Sonntag, das Grundgesetz. Dabei ist der Samstag "der einzig wahrhaft souveräne Tag der Woche", der es vielen Menschen ermöglicht, "den Alltag mit den Mitteln des Feiertags zu nutzen", wie ein Autor im Kulturteil der Süddeutschen Zeitung schrieb. Zudem ist er eine Errungenschaft der Moderne, die sich zur Rechtfertigung ihrer Existenz nicht der Religion bedienen muss.

Wochenendarbeit ist immer nur schön, wenn andere sie erledigen

Das Wochenende, wie wir es seit den sechziger Jahren kennen, steht zur Disposition – und verliert seine Funktion als "zeitliche Schutzzone, innerhalb derer die Kontrolle über die eigene Zeit in Gestalt eines Zugriffstabus gesichert ist", schreibt der Soziologe und Wochenendexperte Jürgen Rinderspacher vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche in Hannover. Die Arbeitszeit- und besonders die Ladenschlussliberalisierer haben für ihr Anliegen in den vergangenen Jahren immer mit dem vermeintlichen Bürgerwillen argumentiert. So konnte man im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung lesen: "Wer das [Ladenschluss-]Gesetz erhalten will, verlangt vom Staat, die einen Bürger vor mehr Arbeit und die anderen vor mehr Lebensqualität zu schützen." Manche Bürger mögen gelockerte Ladenschlussbestimmungen begrüßen – dafür, dass sie sich in statistisch nennenswerter Weise von ihrem eigenen arbeitsfreien Wochenende abkehren, gibt es aber keinerlei belastbare Hinweise. Der Arbeitszeitforscher Hartmut Seifert vom WSI kann vielmehr mit umfangreichen Untersuchungen zur Unbeliebtheit von Wochenendarbeit aufwarten: Zwei Drittel derjenigen, die zu diesen "atypischen" Zeiten tätig sein müssen, würden trotz der gezahlten Zuschläge die Arbeit am Sonntag lieber reduzieren oder ganz aufgeben. Nach einer jüngst veröffentlichten EU-Studie erhöht Sonntagsarbeit den Krankenstand und senkt sowohl die Arbeitsmotivation wie auch die Verweildauer im Betrieb erheblich. Seifert weist freilich auch deutlich auf das selbst geschaffene Dilemma der Arbeitsbürger und Bürgerkonsumenten hin: Nacht- und Sonntagsarbeit mögen abgelehnt werden – "die zu diesen Zeiten angebotenen Dienstleistungen erfreuen sich aber großer Beliebtheit".

Und ohnehin wollen wahrlich nicht alle die Enttraditionalisierung des Sonntags grundsätzlich beklagen. Der britische Bestsellerautor David Lodge spielte schon vor 20 Jahren in seinem Roman Nice Work das verzweiflungsdüstere, sinnentleerte Spießerwochenende des in die Jahre gekommenen mittleren Managers (mit quälendem Elternbesuch und fettem Sonntagsbraten) gegen das work and play weekend des sympathischeren jungen Intellektuellenpaares aus: Die Literaturdozentin Robyn und ihr Freund Charles scheren sich nicht um Konventionen, schlafen lange, frühstücken gemütlich, lesen die Buch-, Film- und Ausstellungsbesprechungen im Observer oder in der Sunday Times (Arbeit oder Entspannung?). Sie gehen im Park spazieren und füttern die Enten (Entspannung), kochen gemeinsam (Omelett und Salat, nicht Braten), korrigieren dann ein paar Stunden lang Essays (Arbeit), während der Gaskamin heimelig zischelt und im Hintergrund ein Spinettkonzert von Haydn erklingt (Entspannung). Wer so nette, vor allem selbstbestimmte Arbeit hat, braucht nicht einmal am Wochenende darüber zu fluchen.

Sonntags das Auto waschen – ein Hobby für die ganze Familie

Auch wir können heutzutage – wenn wir nicht zu den 28 Prozent Sonntagsarbeitern gehören – am siebenten Tage ausschlafen. Kein sozialer Zwang treibt uns in den Gottesdienst, das Mittagessen gehört als Wochenendinstitution einer vergangenen Epoche an, stattdessen gehen wir auswärts brunchen, danach steht uns eine fast unüberschaubare Zahl von Sport- und Freizeitangeboten zur Verfügung. Selbst da, wo es noch keine Sonntagssupermärkte mit Ausnahmegenehmigung gibt, hat wenigstens das Internet immer geöffnet. Dasselbe gilt für Videotheken, und mittlerweile können wir sonntags auch unser Auto waschen. "Ganze Familien gehen diesem Hobby nach", sagt der glückliche Niederlassungsleiter einer Clean-Car-Filiale. Die Sonntagszeitungen lassen den alltäglichen Nachrichten- und Meinungsstrom nicht wie früher abreißen (drängeln aber auch danach, gefälligst gelesen zu werden).

Immer seltener stellt der Sonntag die harte Zäsur, den Besinnungsaugenblick dar, wie es lange Zeit seine wesentliche religiöse Funktion war. Wir arbeiten zwar noch nicht (alle), aber unsere Freizeitgestaltung nimmt schon oft seltsam arbeitsähnliche Züge an. Die "zeitliche Schutzzone" des Wochenendes wird somit von zwei Seiten bedroht: Da sind zum einen die Arbeitgeber, die, wie der frühere DGB-Chef Ernst Breit einmal in der ZEIT schrieb, "an anderer Leute Arbeit Geld verdienen und logischerweise Interesse daran haben, aus aller Zeit Arbeitszeit und aus jedem Tag einen Arbeitstag zu machen". Zum anderen schwindet die gesellschaftliche Fähigkeit, einfach nichts zu tun, nichts zu kaufen, nichts Teures und Aufwendiges zu unternehmen.

Vor allem in der sozialen Ungleichzeitigkeit, die entsteht, wenn Samstag und Sonntag zu Arbeitstagen werden, sieht Jürgen Rinderspacher eine ernsthafte Gefahr, für den Einzelnen und für das Gemeinwesen: Nur die kollektive, nicht aber die radikal individualisierte Wochenendkultur könne Arbeitnehmer vor den Verfügbarkeitswünschen ihrer Arbeitgeber schützen. Nur das kollektive Wochenende entlaste vom "Fortsetzungsverhalten", also vom Weiterputzen, Weitertelefonieren, Weiter-Stress-Empfinden: "Die Erfahrung, dass auch im sozialen Umfeld die Arbeit ruht, rechtfertigt das eigene soziale Verhalten, den primären Sozialbezug am Wochenende." Sprich: Wenn alle es so machen, ist es in Ordnung, auszugehen und sich mit Freunden zu treffen, statt zu schaffen. Deshalb ist umgekehrt auch der Freizeitausgleich in der Woche so wenig wert. Von dieser Erfahrung berichtet zum Beispiel eine junge Kosmetikerin, die bei einer großen amerikanischen Hotelkette angestellt ist: "Wir arbeiten sehr häufig am Wochenende – das wünschen die Kundinnen ja –, und deshalb kann ich selten abends etwas mit meinem Freund oder mit Freundinnen unternehmen. Wenn ich dann dienstags oder mittwochs frei habe, hat keiner Zeit. Und tagsüber habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich in der Stadt herumlaufe und alle anderen arbeiten." Das "schlechte Gewissen" lässt auf eine sensible Wahrnehmung sozialer Zusammenhänge schließen: Tatsächlich sind die Werktage sehr zweckhaft geprägt, "sachorientiert" nennt Rinderspacher das. Man hat zu tun, man trifft sich in erster Linie, um etwas zu erreichen, man will abends politische Arbeit leisten, auf Elternversammlungen wichtige Themen durchsprechen – allenfalls hinterher gibt es noch ein Bier. Wer qua Freizeitausgleich dazu verurteilt ist, seine sozialen Bedürfnisse ausschließlich an Werktagen zu befriedigen, fühlt sich entweder einsam – oder fällt den anderen, den Donnerstäglich-Sachorientierten, auf die Nerven.

Geradezu prohibitiv wirkt sich Wochenendarbeit auf die gesellschaftliche Mitgestaltung aus: Wer schon samstags und sonntags seinen Partner und seine Kinder nicht sieht, der setzt wenigstens an freien Wochentagen Familienprioritäten. Ein Land mit eingeebneter Wochenstruktur, eine entsynchronisierte Gesellschaft riskiert darum langfristig das politische und soziale Engagement ihrer Bürger. Was, zynisch betrachtet, sowohl denen, die an der Arbeitskraft des Individuums zerren, als auch denjenigen, die um seine Konsumkraft buhlen, durchaus zupasskommen mag.

Denn es ist ja nicht so, dass die kommerzielle Freizeitindustrie sich erkennbar der Aufklärung und Emanzipation ihrer Kunden verschrieben hätte. Sie sollen nicht darüber nachdenken, warum sie den neuesten Flachbildschirm oder die aktuelle PlayStation kaufen müssen. Sie sollen sich nicht fragen, warum sie sich am Samstagabend beim Scheunenfest ins Koma trinken, warum sie es eigentlich schön finden, den ganzen Sonntag wie Wickelkinder in einem teuren Spa herumzuliegen; sie sollen nicht darüber grübeln, ob es wirklich Spaß macht, in der kostbaren Wochenendzeit mit 800 Gleichgesinnten an der Achterbahn Schlange zu stehen. Sie sollen all das einfach machen . Und zahlen. Und sie tun es. Wir tun es.

Der Berliner Politologe Bernd Guggenberger sieht in der blinden Sehnsucht nach Events, in dem unstillbaren Hunger nach der ganz besonderen Freizeit die logische Konsequenz eines weitgehend entfremdeten Arbeitsprozesses: "Wir haben die Arbeit allzu hart vom Vergnügen, oder allgemeiner: von allem, was nicht unmittelbar zu ihr gehört, getrennt. Wir haben ihr mit dem Seziermesser des rationalen Affektkalküls alles amputiert, was die alten quasiarchaischen Tätigkeiten in der Jagd, in der Landwirtschaft, bei der Traubenlese, im Wald, trotz ihrer gewiss nicht romantisch zu verklärenden Härte, affektiv um so vieles reicher erscheinen ließ. Der Prozess der Rationalisierung hat das große Heer der arbeitenden Menschen an den Rand der Produktion abgedrängt, auf die von der Maschine übrig gelassene Restarbeit beschränkt – einen kargen, dürftigen, immer armseliger werdenden Rest an den Nahtstellen einer überwiegend computergestützten Fertigung."

Für die entfremdete Arbeit der Woche sucht der Arbeitnehmer dann ereignisreiche Entschädigung am Sonntag – ironischerweise mit Freizeitangeboten, die seinem Arbeitsalltag immer ähnlicher werden. Immer mehr, aber nicht unbedingt befriedigende Vergnügungen entsprechen dem Bild von 24/7, dem Imperativ permanenter Einsatzbereitschaft, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – und damit der Kontinuitätskultur, die das Wirtschaftsleben prägt.

"Tropical Islands" klingt gut, ist aber ganz schön anstrengend

Eine Art Überbeispiel für ein derartiges Rund-um-die-Uhr-Vergnügen sind die Tropical Islands, ein außergewöhnliches – ja, was eigentlich? Spaßbad? Freizeitpark? Lebensraum? Urlaubswelt? Die Einrichtung, etwa eine Stunde von Berlin entfernt, ist in einer gigantischen freitragenden Halle untergebracht, in der ursprünglich einmal Transportzeppeline gebaut werden sollten. "Urlaub mit der Illusion einer tropischen Welt" wird dort jetzt geboten, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr.

Arbeit für das strukturschwache Brandenburg, schön warme Sonntage für mehr als eine Million Besucher im Jahr – was wollte man dagegen einwenden? Und doch sind die Tropical Islands ein Superzeichen für die Uneigentlichkeit, die unsere Freizeitkultur kolonialisiert. "Mich würden Sie privat hier nicht finden", gesteht ein Verantwortlicher im Schatten eines Schlinggewächses: "Ich mag mehr die Einsamkeit."

Wie es scheint, stehen Einsamkeit, Kontemplation, Ruhe, Entschleunigung, Hinwendung zur Natur aber nicht auf dem Stundenplan unserer Gesellschaft: Wir sollen wählen zwischen Arbeit, immer und überall, und Freizeit, abgepackt und eingepreist.

In den Tropical Islands gibt es allerdings einen Südseestrand, darüber spannt sich ein künstlicher blauer Himmel: Er erinnert an jene täuschend echte Kuppel aus dem Film Die Truman Show, unter der der Held sein Leben verbringt, bis er gewahr wird, dass er sich nicht in der wirklichen Welt befindet, sondern in einem Fernsehstudio. Als Truman erkennt, dass er nicht sein eigenes Leben gelebt hat, sondern eine Soap, verlässt er die Kunstwelt durch eine Tür am Ende der Kulissen. Auch am blauen Horizont der künstlichen Südsee gibt es eine Tür. Sie führt nach draußen.

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