Oh! Calcutta! So heißt ein Musical, das ich Anfang März 1992 in New York besucht habe. Wegen eines Verbotes der Artdirektoren darf die Kolumne nicht mehr mit "ich" anfangen, deswegen fange ich halt mit einer völlig sinnlosen Detailinformation über meine Biografie an.

Ich glaube, ich werde von einer bestimmten Sorte Mensch verfolgt. In meiner "kleinen, geschmackvoll-trödelig eingerichteten Kreuzberger Maisonettewohnung", wie man das in einer Homestory vermutlich beschreiben würde, ist das Heizungsthermostat kaputt. Ich habe die Wahl, ob ich in der Wohnung ein Klima wie in Grönland oder ein Klima wie in Guinea haben möchte. Ich habe mich für Guinea entschieden. Seit September gebe ich monatlich einen Hartz-IV-Satz nur für Heizung aus, das finde ich sozial ungerecht, umweltpolitisch bedenklich und persönlich unbefriedigend. Ich sprach, es war noch im Sommer, mit dem Installateur, der in unserem Haus immer alles macht. Er ist türkischer Mitbürger. Er sagte: "Mach isch dir morgen. Kein Problem." Danach habe ich sechs Wochen nichts von ihm gehört. Ich bin manchmal ungeduldig und zu schnell verletzt. Um die Ecke hat ein Heizungsinstallateur seinen Sitz. Es ist ein alter Herr mit weißem Schnurrbart, wie man ihn gerne zum Opa hätte. Da bin ich hin. Er sagte, det is wieder ma typisch, türkische Mitbürger seien unzuverlässig. Er sagte, morgen komme ich. Opa ist nicht gekommen.

Daraufhin habe ich im Internet eine sympathisch wirkende Installationsfirma gefunden, ich dachte, die können auch gleich das Gästebad in meiner kleinen, geschmackvoll-trödelig-szenigen Maisonettewohnung renovieren. Sie kamen, zwei nette Typen von etwa vierzig, und haben einen Kostenvoranschlag geschickt. Das neue Thermostat sollte 400 kosten, das neue Bad 10.000. Ich habe ihnen erst mal nur den Auftrag für das Thermostat erteilt. Am Abend vor der Thermostaterneuerung riefen sie an. Sie hätten das falsche Thermostat geliefert bekommen. Ich hatte mir für den nächsten Tag schon freigenommen und Termine verschoben und alles. Aber ich war ganz ruhig. Die nette Firma hat danach nichts mehr von sich hören lassen.

Nach zwei Wochen rief ich an. Ich war erstaunlicherweise völlig ruhig, ich habe gefragt, na, Freunde, ich bins, kennt ihr mich noch, was ist denn jetzt mit dem Thermostat. Da sagten sie, okay, morgen, acht Uhr. Ich habe mir wieder freigenommen und Termine verschoben. Um 8.45 Uhr rief jemand an, er sei Monteur und stehe vor meiner Tür und merke jetzt gerade, dass er ein falsches Thermostat dabeihabe. Er sei in 40 Minuten wieder da. Da fing meine Stimmung an zu kippen. Zweieinhalb Stunden später klingelte es erneut. Vor der Tür stand ein junger Mann in Monteurskleidung. Ich bin aus dem Haus gegangen und habe zu dem jungen Mann gesagt: "Ich muss ins Büro. Ihre Firma kann mich mal." Normalerweise rede ich nicht so. Ich rede so, wenn ich mich in die Enge getrieben fühle und man mir emotional zu viel zumutet.

Wenn ich versuche, Bilanz zu ziehen, kommt es mir vor, als sei mein ganzes Leben, dieses beinahe schon vertändelte Geschenk der Schöpfung, eine einzige, letztlich mit einer Niederlage endende Auseinandersetzung mit dem Handwerkerstande gewesen. Sie haben mich jahrzehntelang gedemütigt, hingehalten und übervorteilt. Es war nie eine schöne Erfahrung. Sie sind niemals gekommen. Aber man braucht sie. Anderen Menschen, die schwierig sind, kann man aus dem Weg gehen, ihnen nicht. Und ist nicht auch, im allerweitesten Sinn, der Artdirektor eine Art Handwerker?

Zu hören unter www.zeit.de/audio