Die Leitungen sind gekappt, Kabelkringel hängen in der Luft, Hochspannungstrenner recken ihre stählernen Hebelarme nutzlos in die Höhe. Hier fließt kein Strom, schon lange nicht mehr. Schäfchenwolken schweben über der Ostsee, Ruhe herrscht auf dem Gelände der Freiluftschaltanlage Lubmin.

Einst war Lubmin der größte Aufspeisepunkt der Welt. Zehn Hochspannungsleitungen transportieren Strom aus dem Kombinat Kernkraftwerke »Bruno Leuschner« in die Schaltanlage. Von hier führen Überlandleitungen nach Berlin, Magdeburg und Stralsund.

Kurz nach der Wiedervereinigung wurde die russische Atomspaltungsanlage bei Greifswald abgeschaltet, aus Sicherheitsgründen. Die Energiewerke Nord, Nachfolger des Kernkraft-Kombinats, entschieden sich gegen den »sicheren Einschluss« und für den sofortigen Abriss. In vier Jahren sollen die Innereien der Meiler beseitigt sein.

Ganz hinten in der Schaltanlage knistert trotzdem Hochspannung. Dort verschwindet die 380.000-Volt-Leitung aus Magdeburg in grauen Kästen. Hier ist Endstation für die Energie aus dem Netz. Drosselspulen bändigen summend die Spannung. »Wir nutzen die Schaltanlage im Moment, um das Stromnetz zu stabilisieren«, erklärt Ralf Plischke. Der stämmige Mann mit Bürstenschnitt und Prankenhänden kümmert sich beim heutigen Betreiber Vattenfall um das Übertragungsnetz.

Rost hat sich in die Eisenteile der Schaltanlage gefressen. Aber ausgemustert ist sie nicht. Im Gegenteil, ihre Zukunft hat schon begonnen. Die Energie-Sackgasse soll bald wieder zu einer Einfahrt für Strom werden: Auf der Atom-Brache ist eine ganze Reihe neuer Kraftwerke geplant. Der Energiepark, der hier entsteht, soll vielfältig werden – weg mit der alten nuklearen Monokultur.

Fast jeder gängige Energieträger erhält auf dem Abbruchgelände eine Chance zum Aufbruch. Ein Kraftwerk wird Steinkohle verfeuern, ein anderes Erdgas – russisches Erdgas, das die Ostsee-Pipeline an die vorpommersche Küste liefern wird. »Werden die Kraftwerke gebaut, rüsten wir die Schaltanlage auf«, sagt Plischke. Vielleicht muss Netzbetreiber Vattenfall gar Leitungen bis in die Ostsee verlegen, wo dann riesige Off-Shore-Windparks Strom erzeugen, sauber und nachhaltig.

Das erste Kraftwerk hat, direkt auf dem Gelände des alten Atommeilers, seinen bescheidenen Betrieb aufgenommen: Solarmodule von BP machen aus Sonnenenergie Strom, bis zu 1,7 Megawatt bringen sie. »Das reicht noch nicht einmal, um unsere Drosselspulen aufzuwärmen«, bespottet Hochspannungsspezialist Plischke die Leistung der Fotovoltaik.