Paradox findet sie das, was die Familienministerin Ursula von der Leyen vorhat: 750.000 Krippenplätze sollen bis 2013 geschaffen werden – allerdings gibt es so gut wie keine Krippenerzieherinnen in Deutschland. Wer soll also die vielen Babys und Kleinstkinder betreuen? »Alle wissen, dass der Bedarf an Krippen da ist. Allerdings gibt es kaum Fachkräfte, weil es keine Ausbildung zur Krippenerzieherin gibt«, sagt Antje Bostelmann. Bislang haben Kindergärtnerinnen die Aufgabe in den vorhandenen Krippen mit übernommen. Doch auch sie schießen nicht aus dem Boden, ohnehin sei genau dies der verkehrte Weg: »Es ist wichtig, dass man mit einem einjährigen Kind anders umgeht als mit einem dreijährigen. In den ersten Jahren ist die Entwicklung so rasant, dass man sehr sorgfältig hingucken muss, welches Spielzeug man den Kindern anbietet und wie man die einzelnen Entwicklungsphasen fördert. Leider wissen das viele Erzieher in den Krippen nicht.«

Drei Sätze – und Antje Bostelmann ist in ihrem Element. Sie selbst hat vor knapp 30 Jahren noch den Beruf der Krippenerzieherin an einer medizinischen Fachschule erlernt. In der DDR war der Erzieher für Babys und Kleinstkinder ein dreijähriger Ausbildungsberuf. Heute betreibt die 47-Jährige zwanzig eigene Kindergärten und -krippen, eine Vorschule, eine Grundschule sowie eine weiterführende Schule. Daneben gehören ein Feriencamp, die Catering-Firma Löwenzahn, Kinderbildungsstätten sowie ein Weiterbildungsinstitut für Erzieher und Grundschullehrer zu Klax. So heißt Bostelmanns kleiner Erziehungskonzern, eine gemeinnützige GmbH, in der sie 280 Pädagogen beschäftigt, darunter zehn Krippenerzieher aus der ehemaligen DDR. »Sie werden rar«, sagt sie.

Voriges Jahr hat das Unternehmen zehn Millionen Euro umgesetzt. Die Kosten der Krippen und Kindergärten deckt Klax zu 92,5 Prozent aus Landesmitteln und Elterngebühren, der Rest stammt aus den anderen Aktivitäten, etwa dem Feriencamp oder dem Catering-Service. Überschüsse bleiben im Unternehmen. Mit allen Einrichtungen versucht Klax, in die öffentliche Förderung zu kommen, um so Kindern aus allen Gesellschaftsschichten den Zugang zu ermöglichen. In der Schule werden Schulgelder bis zu 490 Euro im Monat bezahlt.

Sie sieht Kleinkinder nicht als Kuschelobjekte

Weiteres Wachstum ist absehbar. Im kommenden Jahr will Bostelmann die ersten Einrichtungen außerhalb Berlins eröffnen – in Stockholm, Bonn und Köln. In allen drei Fällen haben die jeweiligen Kommunen Bostelmann kontaktiert und sie gebeten, eine Klax-Filiale zu eröffnen. Und es gibt sogar noch mehr Anfragen.

Auch wenn ihr das Thema frühkindliche Erziehung eine Herzensangelegenheit ist: Die Mutter von drei Kindern – zwischen 9 und 28 Jahren – wirkt sachlich, fast nüchtern. Zu rotblondem Kurzhaarschnitt und eckiger Brille trägt die Klax-Chefin Pullover und Cordhose an diesem Herbsttag in Berlin. Ausladende Gesten und übertriebene Mimik würden genauso wenig zu ihr passen wie eine Gucci-Handtasche oder lila Lidschatten.

Zu den Planungen des Bundesfamilienministeriums fällt ihr ein Wort ein, das sie noch gut aus ihrer Jugend kennt: Planwirtschaft. »Prinzipiell ist das Vorhaben von Frau von der Leyen gut.« Allerdings halte sie es nicht für sinnvoll, wenn der Ausbau der Krippenplätze mit einem Dekret von oben erwirkt werden soll. Bostelmann ist sich mit Fachleuten wie dem Familienforscher Wassilios Fthenakis von der Universität Bozen oder Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut in München darin einig, dass der Ausbau des Betreuungssystems nur dann Sinn macht, wenn nicht nur auf Quantität, sondern auch auf Qualität Wert gelegt wird. Hier und da gibt es zwar schon Bestrebungen von Fach- und Hochschulen, die Frühpädagogik in die Lehre einzubeziehen und Erzieher so besser auf ihre Tätigkeit vorzubereiten. Allerdings sind dies Einzelfälle wie an der Alice-Salomon-Fachhochschule in Berlin, der Evangelischen Fachhochschule Freiburg oder der Universität Bremen.

Bostelmann mag Kinder, deswegen will sie, dass man sie als handlungsfähige Menschen respektiert. Sie hält nichts davon, wenn Erzieher Kleinkinder als Kuschelobjekte verniedlichen: »Wir müssen sie von klein auf ernst nehmen und ihnen etwas zutrauen.« Die Pädagogin hatte es als junger Mensch selbst schwer, ernst genommen zu werden. Als Tochter zweier Ärzte sollte sie Medizin studieren, sie wollte aber lieber Künstlerin werden. Die Ausbildung zur Krippenerzieherin in einer medizinischen Fachschule war der kleinste gemeinsame Nenner, und offensichtlich machte sie ihre Sache gut: Trotz der Geburt ihrer Tochter Friderike im ersten Ausbildungsjahr wurde Bostelmann bereits mit 22 Jahren stellvertretende Leiterin bei der Krippenvereinigung Marzahn. Nur ein Jahr später kam ihr Sohn Ferdinand zur Welt.

Vieles hat ihr an der DDR-Ausbildung in Kleinstkinderziehung gefallen. Neben Pflege, Pädagogik und Psychologie wurden Musik, Kunst, Bewegung und Sprachförderung gelehrt; Theorie und Praxis wechselten sich alle zwei Wochen ab. »Krippenerzieher und auch Familien mit Kindern hatten in der DDR einen weitaus besseren Ruf als heute«, sagt Bostelmann. Mit Grausen erinnert sie sich lediglich an die Ausbildungsleiterinnen, die wie Oberschwestern auftraten. Morgens gab es Fingernagelkontrolle, der faltenfreie Kittel musste präsentiert werden. Wenn Bostelmann solche kleinen Anekdoten erzählt, vergisst sie für kurze Momente ihre Anspannung und Konzentration. Sie verfällt dann in ein leichtes Berlinerisch und lacht sogar. »Ich kann mich erinnern, dass ich mich am ersten Tag im Pausenraum auf einen Stuhl gesetzt habe. Um mich herum wurden alle still. Da saß ich auf dem Stuhl der Leiterin – dat wusste ick doch nich, stand doch nich dran.«

Die positiven Aspekte der DDR-Ansätze integrierte die Erzieherin in ihre Arbeit und schuf so Krippen, die sich von vielen kommunalen Einrichtungen unterscheiden. »Antje Bostelmann hat mit hohem Engagement Kindertageseinrichtungen aufgebaut, die Wert auf eine umfassende Kreativitätsförderung legen«, sagt Günter Gerstberger von der Robert Bosch Stiftung. »Hier geht Klax exemplarisch neue Wege.« Räume und Spielmaterialien sind altersgerecht gestaltet, alle Kinder werden in altershomogenen Gruppen betreut. Bewegung, Musik und Kunst bilden einen Schwerpunkt in der Arbeit. Und die Erzieher lassen den Kindern Raum, Dinge zu tun, die ihnen Spaß machen. Länder wie Italien oder Schweden verfolgen übrigens einen ähnlichen Ansatz. Nicht zufällig macht beispielsweise Italien keinen Unterschied zwischen seinen Pädagogen: Ein Krippenerzieher kann Hochschulprofessor werden oder Gymnasiallehrer – und umgekehrt. Alle benötigen ein Hochschulstudium.

Die Klax-Chefin besucht ihre Einrichtungen häufig, spricht mit den Erziehern und hat wie zufällig ein Auge auf die Kinder, um möglicherweise Neues zu erfahren, was die Betreuungsarbeit verbessern könnte. In der Filiale Sonnenhaus in Berlin-Pankow, die sie an einem Oktobervormittag besucht, lässt sie sich von einem Dreijährigen seinen »Portfolio«-Ordner zeigen, eine Art Leistungsnachweis und Beurteilungsschrift in einem. »Ich kann geometrische Formen erkennen«, hat dort die Erzieherin in seinem Namen zwischen die gezeichneten Dreiecke und Kreise geschrieben. Besonders stolz weist der Junge auf einen anderen Satz: »Ich weiß, wo sich der Dynamo befindet.« Das hat der blonde Bub im »Universum« bewiesen – einem Raum zum Experimentieren und Nachforschen, der die Kinder an Natur, Handwerk und Technik heranführt. Die Fotos in seinem Ordner belegen die Erfolge, die er dort erzielt hat. Ein Universum gehört zu jeder Klax-Stätte. Gerade haben dort Dreijährige mit Wasser gearbeitet. Das steht jederzeit in Bechern und Krügen auf Tabletts in einem Regal parat, für jedes Kind greifbar.