Es sind harte Schnitte in diesem Film. Erst ist Carl-Adolf Soerensen zu sehen, ein alter Mann, der 1944 und 1945 in einem Konzentrationslager in Hannover-Stöcken eingesperrt war. Der Däne musste Zwangsarbeit in der nahe gelegenen Akkumulatorenfabrik des Industriellen Günther Quandt leisten. »Immer wenn ich träume, bin ich hier im Lager«, sagt der 82-Jährige. »Das bleibt, solange ich lebe.«

Dann hört man Sven Quandt reden, einen Enkel des Unternehmers: »Wir müssen endlich mal versuchen, das zu vergessen. Es gibt in anderen Ländern ganz ähnliche Dinge, die passiert sind. Auf der ganzen Welt. Da redet keiner mehr drüber.«

Beklemmende Szenen aus dem Film Das Schweigen der Quandts von Eric Friedler und Barbara Siebert. Die spektakuläre TV-Dokumentation lief Ende September unangekündigt im Ersten, am kommenden Donnerstag (22. November) wird sie um 21 Uhr in einer 90-minütigen Langfassung im NDR-Programm zu sehen sein.

Der Film beschreibt, wie vielfältig eine der bedeutendsten deutschen Industriellendynastien in das nationalsozialistische Unrecht verstrickt war. Die Familie Quandt kontrolliert heute die Konzerne BMW und Altana und besaß früher den Batterie- und Akkumulatorenkonzern AFA, der 1962 in Varta umgetauft wurde.

Der NDR-Film ist eine einzige Anklage, faktensatt und zugleich von großer emotionaler Wucht. So haben die Autoren zwei Häftlinge aus dem KZ in der Nähe der Quandt-Fabrik und einen Zwangsarbeiter aus einer anderen Quandtschen Rüstungsfabrik interviewt. Erstmals erhielten diese Opfer eine Stimme vor einem Millionenpublikum – und erhoben sie gegen die Quandts. Soerensen, der sich gemeinsam mit anderen dänischen KZ-Opfern in den siebziger Jahren vergeblich um eine bescheidene finanzielle Unterstützung durch die Quandt-Firma Varta bemüht hatte, berichtet verbittert: »Sie reagierten hart und arrogant. Sie haben uns gedemütigt.«

Die Geschichte des KZ ist bekannt, es fehlt ein Wort des Bedauerns

Diese und andere Vorwürfe in der Dokumentation haben die Familie »bewegt«, wie sie nach der Erstausstrahlung eingestand. Sie unterbrach ihr Schweigen für einen kurzen Moment und gab eine Erklärung ab. »Wir erkennen, dass die Jahre 1933 bis 1945 in unserer Geschichte als deutsche Unternehmerfamilie noch nicht ausreichend aufgearbeitet sind. Wir sind uns als Familie einig, dass wir mit diesem Teil unserer Geschichte offen und verantwortungsvoll umgehen wollen.«

Das sind neue Töne. Vor der Kamera hatte Sven Quandt auf die Frage nach der Verantwortung noch gesagt: »Wir kann ich dafür verantwortlich sein? Habe ich da gelebt? Nein.«

Jetzt hat die Familie ein Forschungsprojekt angekündigt, sie will ihre NS-Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten lassen – und bis dahin weiter schweigen. Dabei ist die Geschichte des Konzentrationslagers in Hannover-Stöcken schon in den achtziger Jahren von dem Historiker Hans Hermann Schröder gründlich erforscht und dargestellt worden. Ein öffentliches Wort des Bedauerns vonseiten der Familie ist lange überfällig. Aber selbst nach dem NDR-Film fand sich kein Mitglied der Familie dazu bereit. Stattdessen bat der Clan »die Medien und alle in der Öffentlichkeit stehenden Personen« um »Fairness« – im Umgang mit ihrer »Geschichte als deutsche Unternehmerfamilie«.

Die Ausbeutung von KZ-Häftlingen bei der AFA markiert zweifellos den Höhepunkt der Verstrickung der Familie in das nationalsozialistische Unrecht. Günther Quandts Konzern produzierte im Zweiten Weltkrieg Batterien für das Heer und riesige Stromspeicher, ohne die deutsche U-Boote nicht unter Wasser hätten fahren können. Im Werk Hannover-Stöcken wurden dabei von 1943 an nicht nur Zwangsarbeiter, sondern auch KZ-Gefangene eingesetzt.

Auf einem Firmengrundstück stand in unmittelbarer Nachbarschaft zur Fabrik ein Barackenlager, das von der SS bewacht wurde. In der Spitze lebten dort rund 1500 Menschen, die tagsüber oder in der Nachtschicht zwölf Stunden in der Fabrik schuften mussten und in der übrigen Zeit hinter Stacheldraht eingesperrt waren – unter ihnen verschleppte Franzosen, Polen, Russen, Belgier, Griechen und Italiener.

Auch eine Gruppe von 41 Widerstandskämpfern aus Dänemark, die im Frühjahr 1944 in die Fänge der Gestapo geraten waren, wurde nach Hannover-Stöcken deportiert. Weil ihr körperlicher Zustand besser war als der anderer Lagerinsassen, wurden sie in der Akkumulatorenfabrik zu härtesten Arbeit herangezogen und mussten Bleiplatten für Batterien gießen. Die Bedingungen waren barbarisch. Schutzkleidung gab es für die Häftlinge nicht. Während deutsche Arbeiter Masken trugen, atmeten KZ-Häftlinge die giftigen Dämpfe der warmen Bleimasse ein. Viele erlitten dabei Bleikoliken. Zu Übergriffen kam es in der Fabrik eher selten, während im KZ der blanke Terror herrschte. SS-Obersturmführer Herbert Griem war ein Sadist, der Hunde auf Menschen hetzte. In der Lagerküche trieb ein Psychopath sein Unwesen, ein gewöhnlicher Krimineller, der selbst ein Häftling war und andere schwer misshandelte.

Wie andere Lager folgte auch das in Hannover-Stöcken dem Prinzip »Vernichtung durch Arbeit«. Historiker Schröder hat rekonstruiert, dass die Häftlinge nicht einmal die Hälfte dessen an Nahrung bekamen, was sie als Schwerstarbeiter gebraucht hätten.

Auf dem Friedhof Seelhorst wurden nachweislich 403 KZ-Häftlinge aus Stöcken beerdigt. Der Blutzoll war aber erheblich höher, denn die Kranken aus dem AFA-Lager wurden zurück in das Stammlager Neuengamme bei Hamburg gebracht, wo die meisten dann starben. Acht Fluchtversuche sind in Hannover dokumentiert, die alle tödlich endeten. Im KZ stand ein Galgen, den man von außerhalb des Lagers sehen konnte.

Nach dem Krieg verteidigten sich die Verantwortlichen der AFA gegenüber einer britischen Untersuchungsbehörde und der Staatsanwaltschaft Hannover mit dem Argument, die KZ-Häftlinge seien dem Unternehmen aufgedrängt worden. Daran ist etwas Wahres. Das Unternehmen hat den Einsatz von KZ-Häftlingen 1941 abgelehnt, wie Dokumente belegen, unter anderem deshalb, weil die SS damals darauf bestand, dass die Häftlinge bei der Arbeit von der übrigen Belegschaft vollkommen isoliert werden müssten. Im Jahr 1943 unternahm die SS, die sich durch die Vermietung von Sklavenarbeitern zusätzliche Einnahmen verschaffen wollte, einen neuen Anlauf bei der AFA. Wieder lehnte das Unternehmen ab, wohl auch, um möglichst viele deutsche Arbeiter behalten zu dürfen.

Aber der Druck wurde stärker. Nach einem Besuch des SS-Obersturmbannführers Gerhard Maurer im März 1943 in Hannover schloss die AFA schließlich einen Vertrag über den Einsatz von KZ-Häftlingen in ihrem Werk.

Von 1944 an griff der Quandt-Konzern dann auch für andere Betriebe auf die von der SS angebotenen Arbeitssklaven zurück, wie der Hagener Historiker Ralf Blank nachgewiesen hat. Im AFA-Werk Wien-Florisdorf schufteten beispielsweise Häftlinge aus dem KZ Mauthausen. Auch in Berlin, wo der Konzernherr Günther Quandt und sein Sohn Herbert residierten, kooperierte die AFA mit der SS. Bei der Tochterfirma Pertrix, die in Berlin-Niederschöneweide Batterien produzierte, mussten Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen arbeiten.

In noch viel größerem Umfang beschäftigten die AFA und ein zweiter bedeutender Quandt-Konzern, die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken (DWM), in ihren Werken Zwangsarbeiter. Im Stammwerk der DWM in Karlsruhe stieg deren Zahl im Verlauf des Krieges auf 4578 Menschen, überwiegend Polen und Russen, die aus ihrer Heimat verschleppt worden waren.

Handelt es sich bei dem Vermögen vor allem um »braunes« Geld?

Der Zwangsarbeitereinsatz in den Unternehmen, die Günther Quandt kontrollierte, ist in mehreren historischen Einzelstudien dokumentiert worden und ist Interessierten lange bekannt. Der NDR-Film stellt nun aber eine Verbindung zur Gegenwart her, indem er suggeriert, dass es sich bei dem heutigen Quandt-Vermögen vornehmlich um »braunes« Geld handelt.

Kronzeuge für diese These ist der Ökonom und Bundestagsabgeordnete der Linken Herbert Schui. »Wenn man es zusammenfasst, hat die Familie Quandt ihr Vermögen gemacht auf der Grundlage von Zwangsarbeit, verknüpft mit dem Zweiten Weltkrieg und den deutschen Kriegszielen und so weiter«, sagt Schui im Film. »Also das ist die Basis für ihr Vermögen.«

Dabei blendet Schui offenbar aus, dass Günther Quandt bereits in der Weimarer Zeit einer der führenden deutschen Industriellen war. Die Basis seines Aufstiegs waren Textilfabriken in Brandenburg und geschickte Spekulationen in der Zeit der Hyperinflation. Er hat nach dem Ersten Weltkrieg als Vorstand von Wintershall daran mitgewirkt, den größten deutschen Kalikonzern zu formen. Später übernahm er den Batteriekonzern AFA, der schon in den zwanziger Jahren 80 Prozent des deutschen Marktes für Akkumulatoren bediente. Dieses Unternehmen hatte Werke in Wien und in Manchester, Beteiligungen in Schweden und Norwegen, Büros in Kairo und Kalkutta. Günther Quandt zählte also bereits zur deutschen Wirtschaftselite, bevor die Nazis an die Macht kamen.

Es gibt etliche Indizien dafür, dass die NS-Diktatur den Aufstieg der Quandts zu einer der mächtigsten deutschen Wirtschaftsdynastien noch befördert hat. Aber vorstellbar ist, dass diese Unternehmerfamilie ihre heutige Stellung auch dann erreicht hätte, wenn auf die Weimarer Republik die Bundesrepublik gefolgt wäre.

Zweifellos haben die Quandts vom Zwangsarbeitereinsatz in ihren Fabriken profitiert. Das trifft allerdings für die gesamte deutsche Industrie zu. Außer den Banken und Versicherungen beschäftigte fast jedes Unternehmen Zwangsarbeiter. Im gesamten Reichsgebiet waren es rund acht Millionen Menschen. Man sprach von Ost- oder Fremdarbeitern. Sie arbeiteten in der Landwirtschaft, in der Industrie, aber auch in Privathaushalten. Vor allem aus Polen und der Sowjetunion wurden viele Menschen nach Deutschland verschleppt. Die Verteilung erfolgte über die Arbeitsämter.

Im Spätsommer 1944 war jede vierte Arbeitskraft in der deutschen Wirtschaft eine Zwangsarbeiterin oder ein Zwangsarbeiter. In den Rüstungsbetrieben betrug ihr Anteil rund 40 Prozent. Sie mussten deutsche Arbeiter ersetzen, die als Soldaten an die Front geschickt worden waren.

Vom Einsatz der Zwangsarbeiter profitierte die deutsche Wirtschaft auch noch nach dem Krieg. Denn während des Krieges waren die deutschen Produktionsanlagen um schätzungsweise 30 Prozent vergrößert worden – Gebäude und Maschinen, die nun wieder zur zivilen Produktion genutzt werden konnten. Das war neben den amerikanischen Krediten eine der Grundlagen des späteren Wirtschaftswunders.

Die Entschädigung der Zwangsarbeiter kam erst Ende der neunziger Jahre in Gang, nachdem US-Anwälte mit Sammelklagen gegen deutsche Unternehmen gedroht hatten. Im Jahr 2000 wurde eine Stiftung gegründet, die der Bund und die deutsche Wirtschaft mit fünf Milliarden Euro ausstatteten.

Mehrere Unternehmen, bei denen die Quandts das Sagen haben, beteiligten sich an dem Fonds, darunter Varta und die Delton AG. BMW und Altana gehörten sogar zu den Gründern der Stiftungsinitiative.

Die Quandts haben ihr industrielles Reich während der NS-Diktatur ausbauen können. Man wird der Geschichte der Unternehmerfamilie aber wohl nicht gerecht, wenn man sie 2007 auf ihre Geschäfte während der Nazidiktatur reduziert. Der mit Abstand größte Teil des Quandt-Vermögens besteht heute in der Beteiligung an BMW. Als Herbert Quandt 1960 bei dem Automobilunternehmen einstieg, stand es kurz vor der Pleite – die bei BMW geschaffenen Werte entstanden also später. 1970 setzte Quandt Eberhard von Kuenheim an die Spitze des Unternehmens, der 23 Jahre lang als Vorstandschef amtierte und BMW in dieser Zeit zu einem international erfolgreichen Konzern machte. Besonders stark erhöhte sich der Wert von BMW noch einmal in den Jahren von 1999 bis 2002, als der Maschinenbauprofessor Joachim Milberg den Konzern führte; der Aktienkurs verdoppelte sich in nur drei Jahren. Zum gegenwärtigen Reichtum der Familie hat außerdem der unerwartete Erfolg der Pharmafirma Altana erheblich beigetragen, deren Magenmittel Pantoprazol zu einem Milliardengeschäft wurde. Weitaus weniger gut entwickelte sich Varta.

Wenn man die gesamte Geschichte dieser Unternehmerfamilie in den Blick nimmt, wird andererseits aber auch eine befremdliche Geschmeidigkeit deutlich. Vor allem Günther Quandt hatte neben anderen Fähigkeiten ein besonderes Talent dafür, große Krisen und Kriege für die eigenen wirtschaftlichen Zwecke auszunutzen. Mehrfach hat die Familie, jedenfalls indirekt, von der Not anderer Menschen profitiert, ob es die Toten des Ersten Weltkriegs (in Uniformen aus Quandts Tuchfabriken) waren, die Inflationsopfer der frühen zwanziger Jahre (Quandt gewann bei dieser großen Umverteilung) oder die Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in den Rüstungsbetrieben. Ziemlich kaltblütig und unbeirrt konzentrierte sich die Familie auf die Mehrung des eigenen Vermögens. Monarchie, Demokratie, Diktatur – die Quandts zeigten sich kompatibel mit allen Systemen.

Günther Quandt war keiner von Hitlers Steigbügelhaltern. Aber er arrangierte sich schnell mit den neuen Machthabern und trat am 1. Mai 1933 der NSDAP bei. Verglichen mit anderen Unternehmern, sprang Quandt früh auf den Zug auf, der Industrielle Friedrich Flick sollte erst vier Jahre später diesen Schritt tun.

Quandts geschiedene Frau heiratete den NSDAP-Propagandachef Goebbels

Quandts AFA-Konzern machte im Ausland gute Geschäfte, daher bedeutete Hitlers Autarkiepolitik für den Industriellen zunächst eine Beschränkung seiner unternehmerischen Möglichkeiten. Andererseits profitierte er von der beginnenden Massenmotorisierung und der forcierten Rüstungsproduktion. 1937 wurde Quandt zum »Wehrwirtschaftsführer« ernannt.

Anders als es der NDR-Film andeutet, profitierte Günther Quandt nicht von seiner besonderen Beziehung zu Joseph Goebbels. Das Verhältnis beruhte vielmehr auf gegenseitiger Abneigung. Goebbels hatte 1931 Magda Quandt geheiratet, von der sich der Unternehmer zwei Jahre zuvor getrennt hatte. Die Hochzeit hatten die Goebbels im Dezember 1931 auf dem Gut Severin gefeiert, das zwar Günther Quandt gehörte, aber von seinem Schwager Walter Granzow verwaltet wurde. Quandt nahm an der Feier nicht teil. Schwager Granzow, selbst ein früher Nationalsozialist, habe seiner Exfrau das Haus ohne sein Wissen zur Verfügung gestellt, berichtete Quandt später.

An einem guten Verhältnis zu Goebbels war der Industrielle gleichwohl interessiert. Als Quandt kurz nach der Machtergreifung einen Antrittsbesuch bei dem Ehepaar Goebbels machte, notierte der damalige Gauleiter von Berlin und NSDAP-Propagandachef gleichermaßen verächtlich wie triumphierend: »Herr Quandt kommt zu Besuch. Fließt über vor… Das macht der Sieg.«

Für Goebbels war Quandt ein reaktionärer Plutokrat. Später wurde das Verhältnis der beiden ungleichen Männer noch zusätzlich belastet durch einen Sorgerechtsstreit um Quandts Sohn Harald. Bei der Scheidung war vereinbart worden, dass das Kind im Falle einer Wiederheirat der Mutter zum Vater zurückkehren sollte. 1934 setzten die Eheleute Goebbels aber durch, dass Harald bei ihnen blieb. Günther Quandt schaltete einen Rechtsanwalt ein, aber gegen den mächtigen Reichspropagandaminister konnte der Unternehmer nichts ausrichten. Im Mai 1933, kurz nach seinem Parteieintritt, wurde Quandt sogar inhaftiert – angeblich wegen eines Steuervergehens. Da habe er in Goebbels einen »mächtigen Fürsprecher« gehabt, heißt es im NDR-Film. Das ist richtig, aber nicht die ganze Wahrheit. Tatsächlich hat Goebbels mit Hitler über den Fall Quandt gesprochen, es ging ihm aber keineswegs um die Person. In sein Tagebuch notierte Goebbels: »Bei Hitler. Es ist ungut, dass man die Wirtschaft nicht zur Ruhe kommen lässt. Göring soll den Fall Quandt untersuchen. Um ihn tut’s mir nicht leid, nur um den lieben Harald. Die Revolte muss bald aufhören, sonst verlieren wir die Kontrolle.«

Quandts Verhaftung war ein typischer Vorgang innerhalb der großen politischen Umwälzung, die sich in jenen Wochen in Deutschland ereignete. Nach der Machtergreifung strebten alte Parteigenossen auch in die Schlüsselpositionen von Industrie und Handel. In der AFA kam es zu einem Aufstand gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden und Großaktionär Quandt, ein Putschversuch aus dem eigenen Vorstand, verbunden mit einer anonymen Anzeige. Doch Quandt konnte sich behaupten, die Anklage wurde zurückgenommen. Goebbels ergriff dabei keine Partei. Am 14. Juni 1933 notierte er: »Ich mische mich in keiner Weise ein. Wenn er gefehlt hat, soll er büßen.«

Nach dem Krieg hat Günther Quandt seinerseits diese Ereignisse in seinem Entnazifizierungsverfahren als Beleg dafür angeführt, dass er »von der nationalsozialistischen Regierung jahrelang auf das Schwerste verfolgt worden« sei – eine absurde Aussage für einen Mann, zu dessen 60. Geburtstag 1941 Reichswirtschaftsminister Walther Funk und Abordnungen aller Wehrmachtsteile gekommen waren.

Das Entnazifizierungsverfahren gegen Günther Quandt war eine Farce. Die Spruchkammer bescheinigte dem Industriellen beispielsweise, »dass er es ablehnte, die von ihm geleiteten Werke in die Dienste der Rüstungspolitik der Gewaltherrscher einzuspannen« – eine völlig unbegreifliche Aussage über einen Mann, der ganz unzweifelhaft zu den größten Rüstungsproduzenten des Landes gehört hatte. In dem Prozess kam die Ausbeutung Zehntausender Zwangsarbeiter in Quandt-Werken überhaupt nicht zur Sprache. Auch von dem KZ bei der Batteriefabrik wusste die Spruchkammer ausweislich der Akten nichts. In welchem Umfang Quandt ein Nutznießer des NS-Unrechts gewesen war, ermittelte sie nicht einmal ansatzweise.

Bei der Entnazifizierung wurde Quandt als »Mitläufer« eingestuft

Staatsanwalt Julius Herf stützte sich in seiner Anklage fast vollständig auf den Fall des luxemburgischen Unternehmers Leon Laval, dessen Batteriefabrik Quandt während des Krieges in seinen Besitz hatte bringen wollen. Laval war in die Fänge der Gestapo geraten, ein Umstand, mit dem die AFA aber wohl nichts zu tun hatte. Im Gefängnis verhandelte dann ein Mitarbeiter des Quandt-Konzerns mit Laval über den Verkauf seiner Aktien, allerdings erfolglos. Günther Quandt selbst schrieb an Rüstungsminister Albert Speer, um die Firma übernehmen zu können, aber auch das brachte nichts. Die NDR-Autoren haben nun noch einen Brief gefunden, den Quandt in dieser Sache an das Reichssicherheitshauptamt schrieb. Sicher ist: Der Unternehmer zeigte keine Skrupel. Fest steht allerdings auch: Am Ende gelang es Quandt nicht, Laval zur Abgabe der Aktien zu zwingen.

Zwar hätten nach dem Befreiungsgesetz auch schon Quandts Bemühungen in dieser Sache ausgereicht, um ihn als Nutznießer der Verfolgung Lavals zu verurteilen und in die Kategorie der Belasteten einzustufen, aber die Spruchkammer meinte es gut mit dem Industriellen und klassifizierte ihn als »Mitläufer«. Dabei spielte wohl auch der Umstand eine Rolle, dass es sich bei Laval und seinem Batterieunternehmen um einen Konkurrenten der AFA handelte. In einem Brief, den Quandts Anwalt an den zuständigen Staatssekretär in der bayerischen Staatsregierung schrieb, spricht er von einem »Wirtschaftskampf ausländischer Industrien gegen die ohnehin am Boden liegende deutsche Industrie«. Auf einmal war Quandt ein Opfer Lavals.

Der Film von Friedler und Siebert geht auch der Frage nach, warum die Amerikaner Quandt nicht als mutmaßlichen Kriegsverbrecher in Nürnberg vor Gericht stellten, wie sie es mit Flick, Krupp und den I.G.-Farben-Managern taten. Die NDR-Autoren haben darüber mit einem der damaligen US-Ankläger gesprochen. Benjamin Ferencz sagt im Film über Quandt: »Er hatte Glück, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, entzog sich so der Gerechtigkeit.«

Das allerdings kann kaum der Grund gewesen sein, denn der Industrielle befand sich bei Kriegsende in Leutstetten am Starnberger See und damit in der amerikanischen Besatzungszone. Am 18. Juli 1946 wurde er auf Anordnung der US-Militärregierung verhaftet und war dann für eineinhalb Jahre im Lager Moosburg interniert. Die Amerikaner hatten ihn, und sie hätten ihn vor Gericht stellen können.

Die Politik der Westmächte gegenüber den Industriellen war widersprüchlich

Ferencz behauptet ferner, dass die Briten, in deren Besatzungszone das Werk Hannover-Stöcken lag, den Nürnberger Anklägern belastende Unterlagen vorenthalten hätten. Andernfalls wäre Quandt dort mit Sicherheit angeklagt und verurteilt worden. Auch diese Aussage wirft Fragen auf: Lagen nicht die DWM-Werke, in denen Zwangsarbeiter unter schlimmsten Bedingungen schuften mussten, in Karlsruhe und damit in der amerikanischen Zone?

Es ist auch nicht so, dass die Amerikaner von dem KZ-Außenlager bei der AFA in Stöcken nichts gewusst hätten. Hannover wurde von amerikanischen, nicht von britischen Truppen befreit. Und US-Untersuchungsoffiziere ermittelten schon früh wegen der Verbrechen in den dortigen KZs. Später hat dann die britische Militärregierung gegen Mitarbeiter und Verantwortliche der AFA ermittelt, das Verfahren aber eingestellt.

Tatsächlich war die Politik der Siegermächte gegenüber den deutschen Industriellen höchst widersprüchlich. Die Westmächte wollten Deutschland entmilitarisieren und demokratisieren, es war ihnen aber ebenso sehr daran gelegen, dass das besiegte Land wirtschaftlich schnell auf die Beine kam. Eine Wiederaufnahme der Produktion erhielt bald Vorrang vor dem Wunsch, die Wirtschaftselite gründlich zu säubern. Davon profitierten Unternehmer wie Günther Quandt. Die Nürnberger Industriellenprozesse von 1947 an waren vor allem symbolische Akte. Und auch die dort zu Haftstrafen verurteilten Unternehmer Alfried Krupp und Friedrich Flick saßen schon Anfang der fünfziger Jahre wieder in ihren alten Positionen.

Rüdiger Jungbluth ist Autor der Familienbiografie »Die Quandts«, Campus Verlag 2002

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio