Dies ist ein Theaterabend, der von der Pubertät der Welt handelt. Die Weltpubertät hieß Pop, sie begann in den sechziger Jahren in Amerika und England, erreichte Westeuropa und kam endlich in Osteuropa an. Der lettische Theaterregisseur Alvis Hermanis feiert diese Zeit voller Wehmut in seinem neuen Stück The Sound of Silence. Hermanis ist 42 Jahre alt, er war damals, als es losging, ein kleiner Junge. Er führt uns also dorthin zurück, wo er nie gewesen ist; sein Stück ist ein Zeugnis der Verspätung, die gerührte Besichtigung einer Vorwelt.

Die Ahnung der eigenen Verspätung und des Abseitsstehens zieht sich durch den Abend, der jetzt in Berlin beim Festival Spielzeit Europa uraufgeführt wurde. Hermanis’ Spieler sind weitab von allem Glanz, allem Schönen, in hässliche Kleider gepackt, unter Haarbergen verschwunden. Die Mädchen tragen Stiefel, Lackjäckchen, Miniröcke. Die Männer tragen Schlaghosen, und die breiten Koteletten an ihren Backen erinnern an das Isländisch Moos einer Modelleisenbahnlandschaft. Der Raum, in dem sie leben, ist ein schäbiger Dachboden. Stumm sind sie außerdem. Sie haben nur die Musik, um sich zu artikulieren. Die aber kommt aus dem Westen.

»Wenn ich Musik höre, fehlt mir etwas. Wenn ich keine Musik höre, fehlt mir auch etwas.« Diesem Satz von Robert Walser ist Hermanis auf der Spur, zwischen Mangelzuständen schwebt das Stück. Seine Spieler ringen artistisch um Empfang, denn die wichtigen Pop-Sender sind weit weg. Sie formieren sich zu lebenden Antennen, wickeln Kabel um ihre Glieder, bis sie zu fünft oder zu siebt eine Weltempfangsskulptur darstellen. Was hören diese seltsamen Wesen? Ausschließlich Songs des amerikanischen Duos Simon & Garfunkel. Sie stöpseln sich mit ihren Kopfhörern in ein Gerät ein, das aus lauter Steckdosen besteht. The Boxer erklingt, und ihre Gesichter verklären sich. Das Gerät ist wie eine klingende Wasserpfeife, ein Genussinstrument fürs lauschende Kollektiv. Es ist das Symbol des Abends, in dem es um die Utopie geht, individuelles Glück mit anderen zu teilen.

Simon & Garfunkel, eingelegt in Licht, Spiel, Nostalgie. Wir sehen die Geschichte von Miss Robinson und dem Jüngling: Der Junge fürchtet sich vor der lüsternen Dame, er entwindet sich ihrer Umarmung, geht auf die Knie und bekommt ein Spielzeugauto zu fassen. Damit fährt er über die Lehne des Sofas, auf welchem die reife Schöne liegt. Ihr wunder und einladender Blick lockt ihn doch sehr, und er befährt die Dame mit seinem lautlosen Wägelchen, er rollt es sanft unter ihr Kostüm. Später fährt ein anderer Junge mit der Antenne eines Transistorradios seiner schlafenden Angebeteten unter den Rock – sie erwacht und zieht den Jungen an seiner ausgefahrenen Antenne zu sich her. The Sound of Silence hat eine Marthalersche Somnambulerotik, die sich zwischen Wunsch, Schlaf und Suggestion ereignet. Hier werden ausschließlich Möglichkeitsorgien gefeiert. Was sich im Inneren der Figuren abspielt, entfaltet sich sprachlos unter der Macht der Musik. Am Ende jedes Liedes wirken sie wie »erwacht«, enttäuscht, beraubt. Also schlafen sie schnell wieder ein und stürzen sich ins nächste Schlafabenteuer.

Sie üben das Küssen, sie üben das Tanzen, das Flaschendrehen, den Partnertausch. Sie fangen die kostbaren Simon-&-Garfunkel-Refrains in Einmachgläsern, denn es klingt ein Lied aus allen Dingen. Sie trinken die Musik aus Flaschen, sie gurgeln mit ihr. Unter dem Einfluss von Musik merken sie erst, was ihnen fehlt, aber allein ertragen sie deren Süße nicht. Also wird die erste Frau schwanger. Die Bühne liegt dunkel, der Babybauch glüht, eingerahmt von ebenfalls glühenden Lautsprechern. Mutterbauch und Klangquelle sind die heiligen Orte des Lebens, sagt Hermanis, also lasse ich sie leuchten. Man könnte Hermanis sogar so verstehen: Ohne Musik hätten die Menschen in Riga nie das Lieben gelernt, ohne sie gäbe es dort heute kein Leben mehr.

Jedoch, Pop rettet keinen. Alvis Hermanis setzt die Musik mit dem Wasser gleich und das Alter mit dem Vertrocknen. Je älter die Bühnenfiguren werden an diesem entfesselt naiven, restlos »unpolitischen« Abend, desto weiter entfernen sie sich von der Musik und desto mehr trocknen sie aus. Am Ende müssen sie, um noch Musik zu empfangen, unter Wasser, sie drücken ihre Köpfe in eine Kinderbadewanne. Einer von ihnen kommt nicht mehr an die Oberfläche, er bleibt »drunten« in der Welt des Klangs.