Schaute er als Kind aus dem Fenster, sah er auf den schönsten Platz der schönsten Stadt des Landes. Im Haus gegenüber lag das Geschäft des Vaters; heute ist dort ein Café, in dem sich wohl so mancher Tourist in der anmutigen Kulisse ausmalt, wie es wäre, hier zu leben… "Es ging uns sehr gut, wir hatten eine große Wohnung und lebten in jener behaglichen und selbstverständlichen Aisance, die sich heute niemand mehr vorstellen kann", erzählte sein Bruder. Der Vater sei nicht streng gewesen, sondern heiter und gütig, die Mutter allerdings reserviert und kühl. Statt mit ihren Sprösslingen beschäftigte sie sich lieber mit ihren Antiquitätensammlungen. Dass er irgendwie anders war, fiel erst den Schulkameraden auf. Scheu sei er gewesen, ein grüblerischer Sonderling, ihnen irgendwie überlegen – auch wenn das an den Schulnoten nicht zu erkennen war. Früh las er Dostojewski und französische Dichter – die Schule war ihm wurscht. Die vierte Klasse musste er wiederholen, und als er auch die siebte nicht schaffte, musste er abgehen. Nun konnte die Familie nicht mehr übersehen, dass etwas nicht stimmte: In tiefer Betäubung war der Siebzehnjährige auf dem Canapé gefunden worden. Der Sohn eines Apothekers hatte ihn mit Chloroform versorgt und mit einer Opiumlösung, in die er seine Zigaretten stippte. Aber im magischen Denken der Familie existierte nicht, worüber nicht gesprochen wurde. So machte er ausgerechnet eine Lehre als Apotheker – immerhin ein angesehener Beruf, für den man keinen Hochschulabschluss brauchte. Zugleich übte er sich in antibürgerlichen Attitüden. Schon als Schüler war er Stammgast im Bordell, waren Huren doch Sinnbild der Erniedrigten und Beleidigten. Bereits der erste Flaum auf der Oberlippe war nikotingelb, seine Fingerspitzen sowieso, er trank und nahm regelmäßig Drogen. Nach der neuesten Mode gekleidet, aber lebensverachtend und arrogant, provozierte er, wo er nur konnte. Tief getroffen war er, als einer der wenigen Freunde auf eine seiner endlosen Selbstmord-Ankündigungen antwortete: "Aber bitte nicht, wenn ich dabei bin."

Das erste Stück des Neunzehnjährigen wurde im Stadttheater aufgeführt, mit bescheidenem Erfolg. In dem Einakter dramatisierte er Liebe und Eifersucht, in seinem Leben nahmen sie die ausweglose Tragik eines antiken Trauerspiels an, denn "das schönste Mädchen, die größte Künstlerin, das seltenste Weib", die Liebe seines Lebens – war seine jüngste Schwester. Sie folgte ihm in die Hauptstadt, als er dort seine Ausbildung vervollständigte, heiratete dann aber einen viel älteren Mann im Ausland. Von Furien wegen des realen oder imaginierten Inzests getrieben, wurde er immer haltloser in seinen Exzessen, bis Welt- und Selbstekel und Angst vor den Menschen unüberwindbar wurden und die Ausübung eines Brotberufs unmöglich war. Zaudernd zwischen Tod und Leben, fand er in der Euphorie kreativer Schübe kurzzeitig Entlastung: "Ich lausche, ganz beseeltes Ohr, wieder auf die Melodien, die in mir sind, und mein beschwingtes Auge träumt seine Bilder, die schöner sind als alle Wirklichkeit! Ich bin bei mir, bin meine Welt!"

Als die Bilder des Grauens, die ihn heimsuchten, von der Realität des Kriegs noch übertroffen wurden, entschied er sich.

Wer wars?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 46:
Walt Disney (1901 bis 1966) war erst Zeichner (er arbeitete mit Ubbe "Ub" Iwerks zusammen, der Mickey Mouse erfand) und produzierte gemeinsam mit seinem Bruder Roy kurze Werbefilme, bevor ihn Ende der zwanziger Jahre die Mickey-Mouse-Filme weltberühmt und zum mächtigen Filmproduzenten machten. Meilensteine seiner Karriere waren der Zeichentrickfilm "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (1937), der Musikfilm "Fantasia" (1940), der Dokumentarfilm "Die Wüste lebt" (1953) und sein letztes Werk unter dem Disney-Label, an dem er noch persönlich mitwirkte: "Das Dschungelbuch" (1965). Disney-Filme erhielten insgesamt 26 Oscars, dazu kamen 37 Oscar-Nominierungen und diverse sonstige Auszeichnungen. Verheiratet war er seit 1925 mit Lillian Marie Bounds