Als ich meine Tochter heute Morgen in die Schule brachte, stürzte eine Klassenkameradin im Flur auf sie zu und schrie: "Du warst heute Nacht in meinem Traum!" Ich stand daneben und hörte ihrer Erzählung von gefährlichen Tieren und einer Verfolgungsjagd im Dschungel fasziniert zu. Meine Tochter hatte sie im Traum an die Hand genommen und gerettet. Sie ist eine schnelle Läuferin. Die beiden Mädchen verschwanden in ihrem Klassenzimmer, und ich blieb mit einem diffusen Gefühl von Leere und einer Spur Neid zurück.

Auch ich hatte heute Nacht viel geträumt. Als ich wach wurde, ließ ich die Augen zu und bewegte mich nicht. Ich wollte meinen Traum ins Wachsein hinüberretten. Ich wusste, es war eine aufschlussreiche Geschichte, die mir zu denken geben, mich bestimmt auch amüsieren würde. Während ich aus dem Schlaf auftauchte und versuchte, mich an einzelne Bilder und Stimmungen zu klammern, war es, als würde der Traum in immer kleinere Splitter zerspringen, die mich wie Nebelschwaden umkreisten und dann wie von einem riesigen Staubsauger zurück in die Matratze gezogen wurden, weg von mir, in entgegengesetzte Richtung, ich nach oben, der Traum nach unten, endgültig voneinander getrennt. Ich schlug die Augen auf, verschwitzt und traurig über den Verlust. Wie so oft kam es mir vor, als hätte ich etwas Reales, etwas Wichtiges erlebt, das mich verändert hat, und jetzt konnte ich mich an nichts mehr erinnern.

Ich gehöre nicht zu denen, die von sich behaupten, sie fühlen sich wie 25. Im Gegenteil: Mein Leben kommt mir schon unendlich lang vor, unendlich reich an Begegnungen, Erlebnissen, Momenten und Orten. Ich bin viel unterwegs gewesen, einige Reisen habe ich zu Fuß gemacht. Von Basel nach Nizza bin ich mal gelaufen. Ich bin durch viele idyllische Orte gekommen, der Geruch von Holzfeuer erinnert mich jedes Mal an diese Wanderungen, und ich habe mich immer gefragt, wie es wohl sein mag, aus einem solchen Ort zu stammen, so eine unumstößliche Verbindung mit einer Landschaft oder einer Region zu haben, ein Gefühl von Heimat, das ich nicht kenne.

Meine Eltern haben sich dort, wo ich aufgewachsen bin, nie wirklich wohlgefühlt. Unser Haus, der Garten mit den Äpfelbäumen – das war eine selbst geschaffene Insel, eine kleine Idylle, die am Gartenzaun endete. Außer meiner Mutter und ein paar Freunden von ihr gibt es für mich keinen Anlass, in meine Heimat zu fahren. Die Schule habe ich ab der elften Klasse vorwiegend geschwänzt, sie ein Jahr vor dem Abitur ganz verlassen und keine Kontakte mehr aufrechterhalten.

Sowenig ich mich nach meiner alten Heimat sehne, so sehr liebe ich Zwischenstationen, an denen Menschen im Transit zusammenkommen: Hotels, Flughäfen, Bahnhöfe. Ich habe den Traum meines Vaters geerbt, mit nichts als einer Zahnbürste und einer Kreditkarte um die Welt zu reisen. Im Gegensatz zu ihm habe ich das auch immer wieder getan.

Ich wäre sehr gern ein Mensch mit einem guten Gedächtnis. Ebenso wie meine Träume entgleiten mir auch meine Erinnerungen. Ich sehne mich danach, Zugriff auf sie zu haben, die Perlen meines bisherigen Lebens neu auffädeln zu können, glasklar und nicht in so einem von Gefühlen und Stimmungen dominierten Dunst. Ich möchte mich in Augenblicke oder Gespräche zurückversetzen können, nicht nur für eine Geschichten- und Kuriositätensammlung, sondern um sie aus heutiger Sicht vielleicht noch mal anders zu betrachten.

Mein Großvater litt jahrelang an Alzheimer, und meine Mutter ließ zwischendurch mal den fatalen Satz fallen, dass diese Krankheit normalerweise eine Generation überspringt. Immer wieder treffe ich Menschen, die mir detailgenau von gemeinsamen Erlebnissen berichten, und ich stehe staunend daneben, als redeten sie von einer Fremden. Meistens kriege ich die Kurve und rette die Situation in eine allgemeine Heiterkeit.

Meine Mutter sagt mir, mein Leben sei zu voll. Das sei berufsbedingt. Ich hoffe, sie hat recht.

Aufgezeichnet von Andrea Thilo

Als Schauspielerin wird Maria Schrader, 42, seit Jahren mit Preisen überhäuft. Bei dem Film "Liebesleben", der gerade in die Kinos gekommen ist, hat sie zum ersten Mal Regie geführt

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