Als Antonio sechs Jahre alt wurde, schenkte sein Vater ihm eine Taucherbrille, einen Schnorchel und einen Unterwasserspeer, denn am Tag nach seinem Geburtstag, frühmorgens um halb sechs, sollte er mit seinen Eltern auf die Insel Benafim fahren, die mitten im Meer liegt, wo man rundherum nichts als Wasser sieht. Eine Taucherbrille ist eine Gummimaske mit einem einzigen großen Brillenglas für beide Augen, damit man unter Wasser sehen kann. Ein Schnorchel ist eine Luftröhre, die man mit einem Ende in den Mund nimmt, damit man unter Wasser atmen kann. Ein Unterwasserspeer sieht genauso aus wie ein Überwasserspeer, nur ist er rot angestrichen, damit er nicht rostet und man ihn wiederfinden kann, wenn man ihn verliert.

Taucherbrille, Schnorchel und Unterwasserspeer waren für Tage, an denen die Sonne schien. Für Tage, an denen es regnete, schenkte Antonios Mutter ihm eine Schachtel Wachsmalstifte. Als sie auf der Insel Benafim ankamen, regnete es. Es regnete, als sei das Meer umgestülpt worden und falle vom Himmel herunter, und Antonios Mutter sagte: "Nun mal mal." Antonio hatte aber noch nie gemalt. Er konnte Drachen steigen lassen, zweihundert Meter hoch, da stießen sie an die Wolken, und er hatte genug Geduld, um sie wieder herunterzuholen, obwohl es fast zehn Minuten dauerte. Er konnte allein im Autobus fahren, mit Umsteigen in Linie sieben. Er konnte seine neue Kakaotasse fallen lassen und alle Scherben auflesen, sodass es niemand gemerkt hätte, wenn nur nicht die Tasse weg und die Scherben im Mülleimer gewesen wären. Und er konnte schwimmen wie ein Fisch. Aber malen, malen konnte er nicht. Er malte einen Dampfer, der sah aus wie Vaters guter Hut, als Antonio sich aus Versehen einmal draufgesetzt hatte. Er malte die Jungen vom Strand, die mit hereingekommen waren, weil es regnete, aber wenn er sie malte, hatten sie nur Kopf und zwei Füße. Manchmal auch vier. Die Jungen lachten. Die drei Jungen hießen Hamilkar, Henrique und Pedro. Antonio nahm den blauen Wachsmalstift und malte einen Kopf mit zwei großen runden Augen und acht Beinen. Da lachten alle Jungen und riefen: "Das gibt es gar nicht!"

Es regnete den ganzen Tag. Auch als Antonio zu Bett ging, regnete es noch. Der Regen trommelte aufs Dach und klatschte an die Scheiben. Antonio konnte gar nicht schlafen in dem fremden Bett, in dem fremden Zimmer. Er rief: "Mama, es ist dunkel!" – "Es ist Nacht, schlaf, Junge!", rief seine Mutter. "Mama!", rief er. "Ich bin ganz allein." Er durfte in dem anderen Zimmer in dem großen Bett zwischen seinem Vater und seiner Mutter schlafen.

Am nächsten Morgen schien die Sonne. So schön hatte die Sonne noch nie geschienen. Antonio lief über den blanken weißen Strand zum Meer hinunter. Er hatte die Taucherbrille vors Gesicht gestülpt und den Schnorchel mit dem Gummimundstück in den Mund gesteckt, und den roten Speer trug er in der Hand. Er sprang in die Wellen und schwamm mit beiden Beinen und einem Arm auf den großen blauen Felsen zu, der weit draußen vor dem Strand hoch und gezackt aus dem Wasser ragte. Als er durch die großen Wellen hindurch war, legte er sich lang auf den Bauch und steckte den Kopf mit der Taucherbrille ins Wasser. Er sah Felsen und Schluchten und gelben Sand. Er sah, zum Greifen nahe, einen großen Schwarm kleiner Fische, der auf ihn zugeschwommen kam. Aber auf einmal machten alle Fische wie auf Kommando kehrt und schwammen in die andere Richtung ins Dunkle davon. Er sah einen großen Fisch mit großen Flossen und einem langen, spitzen Maul; der sah ihn nicht und schwamm hinter den kleinen Fischen her. Er sah einen Fisch, der war platt wie ein Pfannkuchen und auch fast so rund, und er sah, in einem Loch zwischen den Steinen, einen alten Stiefel und eine Kaffeekanne ohne Tülle. Er konnte den Kopf immerzu unter Wasser halten, denn Luft holte er ja nun durch den Schnorchel, der ihm wie ein gerupfter Indianerputz mit nur einer Feder vom Kopf hochstand.

Er schwamm auf den großen blauen Felsen zu. Über Wasser war er so hoch wie euer Haus, aber unter Wasser reichte er noch viel, viel tiefer, so tief wie das Hochhaus in der Stadt, wenn man vom Dach hinunterguckt. Und es waren auch lauter Löcher darin, wie Fenster und Türen. Antonio holte tief Luft durch den Schnorchel, und dann hielt er die Luft an und tauchte. Er schwebte an der Felswand abwärts. In einer Spalte sah er einen Krebs. Krebse kannte er, weil er schon einmal einen auf dem Fischmarkt gesehen hatte. Antonio musste auftauchen, um neu Luft zu holen. Bevor er einatmete, pustete er das Wasser aus dem Schnorchel, dass es wie ein Springbrunnen hochspritzte. Beim zweiten Mal tauchte er tiefer und sah einen grünen Hummer mit großen Schaufelzangen, der mit zwei kleinen Hummern tiefer und tiefer und immer noch tiefer schwamm.

Beim dritten Mal holte er so viel Luft, wie er in die Lungen bekam, und tauchte tiefer und tiefer und immer noch tiefer. Auf einmal sahen ihn aus einem Felsloch zwei große Augen an. Antonio bekam solch einen Schreck, dass er den Unterwasserspeer fallen ließ. Aber die beiden großen Augen bekamen auch einen Schreck. Ein langer weißer Arm langte aus dem Loch, griff nach einem Stein und hielt ihn davor: Tür zu. Antonio wunderte sich sehr. Er wartete. Das Loch blieb verschlossen. "Ich tu’ dir doch nichts", sagte Antonio. "Bestimmt nicht?" – "Bestimmt nicht." Der Stein wurde losgelassen. Er rollte langsam an der Felswand herunter. Die beiden Augen kamen etwas weiter aus dem Loch heraus. Sie gehörten zu einem großen, runden, lustigen Gesicht. "Guten Tag." – "Guten Tag", sagte Antonio. "Tust du mir auch wirklich nichts?" – "Wirklich nicht", sagte Antonio. "Nämlich, ich habe noch nie so einen wie dich gesehen, mit einem großen Auge und einem Stachel am Kopf. Muränen, die fressen mich, aber du siehst nicht wie eine Muräne aus." – "Ich habe auch noch nie so einen wie dich gesehen", sagte Antonio.