Früher – dieses Wort ist unvermeidlich in den nächsten Zeilen – früher also hieß es immer: Mit einem Fiat muss man sofort in die Werkstatt. Das soll zwar heute besser sein, doch was, wenn da nun mit dem neuen 500er ein Fiat ist, der wieder mit dem Früher spielt, rein optisch? Da scheint, schon aus ästhetischen Gründen, eine Inspektion vonnöten.

Mauro Capuozzo hatte gesagt: "Klar, kommste vorbei, guck ich mir an! Capuozzo ist Experte für "Italienische Klassiker", so heißt auch seine Werkstatt in Berlin. Dort haben wir ihn also leicht entrückt hingefahren, den neuen Fiat 500, dessen Lack in Perlmutt schimmert, wie eine verklärt glänzende Erinnerung an das zierliche Auto, mit dem Italien vor 50 Jahren von zwei auf vier Räder umstieg.

Wir dachten, auch der Neue sei klein, ehe wir versuchten, ihn in Capuozzos Garage zu rangieren, zwischen all die Skulpturen, die der italienische Automobilbau hervorgebracht hat: In der Ecke steht ein alter Cinquecento in Gelb, wie dort hingekugelt, daneben ein haifischförmiger Alfa 1300 Junior und ein zypressengrüner Maserati. Aus der Werkstattkulisse tritt: der Meister, in ferrariroter Latzhose und mit der Würde eines Restaurators. Am Telefon meldet er sich mit pronto?, er besteht darauf, geduzt zu werden. Also, Mauro, was sagst du?
Mauro schaut vom neuen Cinquecento zum alten und vom alten zum neuen.
"Ich sach mal: Is doppelt so groß wie der alte, was?"

Mauro war zehn, als sein Vater mit Frau und Kindern nach Deutschland aufbrach. In den folgenden 36 Jahren scheint italienische Empathie unter Berliner Mir-doch-egal-Rhetorik verschütt gegangen zu sein. Kein Schnörkel schmückt seine Sprache, keine Romantik vernebelt Mauros Blick – ein Satz, und schon wirkt der Neue neben dem Alten wie Wum neben Wendelin.

Mauro beginnt einen Rundgang ums Revival, begleitet von kargen Sätzen wie "Ähnlichkeit vorn ist enorm… früher war der Motor hinten…Seitenblinker wäre weiter vorne schöner. Er schlägt Türen auf und zu, beim Blick auf den plastikverhüllten Motor sagt er: "Modernes Auto. Früher haste nach zehn Minuten gewusst, was kaputt ist. Rrrrums.

Der Neue hat sechs Gänge, sieben Airbags, 16 Ventile, 100 PS und kostet in der Edelversion 17300 Euro. "Was mir nicht so gefällt…, sagt Mauro und streift mit der Hand in Richtung Rücklicht, "…ist das hier. Das hier ist das Heck, eher schon ein Hintern, ziemlich wohlstandsbreit. Die Hände in den Hosentaschen vergraben, erzählt Mauro von den schmalen Hüften des Vorgängers, der für Italiens Gassen gemacht war, kaum breiter als eine Vespa, "wenn du die Knie des Fahrers mitrechnest. Pause. "Der hier ist für die Autobahn.

Nach zehn Minuten ist Mauro mit dem Wagen durch. "Schönes Auto für die neue Zeit, sagt er, "aber es bringt die Vergangenheit nicht zurück. Höchstens die Erinnerung. Er schaut auf die Uhr, mehr gibt’s nicht zu reden. Hinten steht ein Ferrari Dino und braucht Pflege. Und der alte Cinquecento hier? "War Schrott, sagt Mauro, "wir haben gemacht: Boden neu, Schnauze neu, Bremsen neu, Farbe neu. Und der Sattler hat neue Polster genäht. Fast nichts ist mehr original – und doch, das steht in Mauros Augen, die plötzlich voller Liebe sind, ist dieser Cinquecento der echte.

Etwas betrübt fahren wir den Neuen aus der Werkstatt. Mauro beugt sich über den Motor des Ferrari. Er hebt nicht einmal den Blick.

Technische Daten
Motorbauart: Benzinmotor
Leistung: 74 kW (100 PS)
Beschleunigung (0–100 km/h): 10,5s
Höchstgeschwindigkeit: 182 km/h
CO²-Emission: 149 g/km
Durchschnittsverbrauch: 6,3 Liter
Basispreis: 14.500 Euro