Nur wenn es Film wäre, würde ich das alles für wahr halten«, notiert Werner Herzog am 23. November 1974, am ersten Tag seiner Fußreise von München nach Paris. Da macht sich ein junger deutscher Filmregisseur auf den Weg, um die legendäre, schwer erkrankte Filmhistorikerin Lotte Eisner zu retten, dem romantischen Gedanken folgend, er könne sie durchs Gehen, durch den magischen Opfergang vor dem Tode bewahren.

Später wird ein schmales, heute vergriffenes Buch daraus, Vom Gehen im Eis, in dem er die 22 Tage Fußmarsch erfasst. Nun spricht Herzog diese Aufzeichnungen. 33 Jahre später klingen sie so dringlich und nah, wie sie sich damals im Buch nicht gelesen hatten.

Er spricht, wie die Füße gehen, gleichmäßig, langsam, Wort vor Wort setzend. 1942 ist Werner Herzog in München geboren, dann in den Bergen aufgewachsen, hat als Schweißer gearbeitet und Germanistik studiert, war von der blauen Blume fasziniert und hat auf Kreta seinen ersten Film Lebenszeichen gedreht es sind diese Entfernungen, die seine Sprache überwinden und sie so hypnotisch machen. Er hat die Hochsprache erst lernen müssen, und wie die Wörter den Weg vom Dialekt zum Hochdeutsch nehmen, so gewinnen sie an Ernsthaftigkeit und Wahrheit. Dem Erzähler glaubt man eher als dem Schreiber.

Mit einem Matchsack, einem Kompass ausgerüstet, geht er in Richtung Paris, es ist kalt, schmelzender Schnee und Eis, kein Handy auf dem Herzogsweg, kein Verlag, der Geld bei Fuß steht, kein Videoteam, das im Tagesetappenhotel wartet. Was heute eine Extremform des medialen Spaziergehens ist, umweht hier der Hauch der Lenzschen Verwirrung, ist manchmal der Selbststilisierung zum »Schmerzensmann« nahe. Wo er später wie in Fitzcarraldo ein Schiff durch den Urwald ziehen lässt, nimmt er hier das körperliche Leid auf sich, Erschöpfung, entzündete Achillessehne, bewusstloses Weitergehen. Es ist das Körperliche, das ihm zur Bedingung der Wahrheit wird, und das vermeintlich Chancenlose dieser Unternehmung, um sie gegen jede Logik durchzusetzen. » Lieber die Sinnlosigkeit, wenn es eine ist, bis zur Neige gekostet«, notiert er kurz vor Paris, als er nahe am Aufgeben ist.

Der Anlass des Gehens, die Rettung der »Eisnerin«, wie Bertolt Brecht sie nannte, tritt in den Hintergrund (»Im Nachhinein noch dieses«: Sie wird gerettet, stirbt 1983). Das Gehen wird zum Mittelpunkt (»Das Wissen kommt von den Sohlen«), die Szenen der inneren Landschaft, des Schauens, das Fremd- und wieder Vertrautwerden des eigenen Landes.

Schon die Namen der Orte klingen unwirklich, die Blicke in den Gasthöfen, das Misstrauen, die Freundlichkeit. Man kann das auch als eines der Manifeste des Neuen Deutschen Films hören, als Versuch, Deutschland durchs Gehen wiederzufinden: »Ein Mensch, der zu Fuß kommt, ist nie gewalttätig.« Nach einem Vierteljahrhundert der Vertreibung der Filmkultur durch die Nazis, nach der »vaterlosen Generation« von Filmern, suchen Fassbinder, Wenders oder Herzog ihren Blick auf das unbehauste Land. » Öffnen Sie das Fenster, seit einigen Tagen kann ich fliegen«, sagt Werner Herzog, als er schließlich im Zimmer von Lotte Eisner sitzt. Manche Überspannung ist lebensnotwendig.

Werner Herzog: Vom Gehen im Eis. MünchenParis