Dieser Roman ist beispiellos. Es ist ein Roman ohne Schrift. Eine rund fünfstündige mündliche Erzählung ohne schriftliche Vorlage, mit all der Spontaneität und Frische, die sonst nur dem Gespräch eigen ist. Sie ist zugleich streng und schön formuliert, anschaulich und rhythmisch. Voll mündlicher Präsenz und doch mit den Vorzügen schriftlicher Genauigkeit versehen. Der Frankfurter Autor Peter Kurzeck hat etwas Unerhörtes, eine vier CDs umfassende Roman-Box in die literarische – nein, in die Kunst-Landschaft überhaupt gestellt, denn literarisch im Wortsinn ist dieses Ereignis ja gerade nicht.

Kurzeck sehnt sich dabei weder nach den fantastischen Erzählteppichen einer orientalischen Tradition, auf denen kleine Hörgemeinschaften davonfliegen in sinnlich-bunte Zwischenreiche, noch regrediert er zum vormodernen Rhapsoden, der wunders viel von schicksalhaften Heldenprüfungen zu berichten hätte. Und auch der Thrill und die Belehrung des schrecklich-schönen Bänkelsangs liegen ihm so fern wie jedem ernst zu nehmenden Schreiber heute. Nein, kein außer- oder vormodernes Flair kommt ihm auf die Scheibe, er appelliert nicht an Gattungskindheit oder Formnostalgie, und doch bringt das mündliche Erzählen des Frankfurter Schriftstellers Peter Kurzeck eine Abweichung von allen gängigen Mustern hervor. Er erzählt also nicht entlang eines Handlungsfadens, schnürt keine Knoten, strebt keiner Auflösung und keiner Botschaft zu, er versorgt uns nicht mit Neuigkeiten oder Exotismen wie die Alten. Und er stürzt uns auch nicht in die existenziellen Abgründe der Subjektivität, um die Welt im Zweifel sich brechen zu lassen. Im Gegenteil von alledem: Peter Kurzeck erzählt konzentriert, schlicht und genau von lebensweltlich Vertrautem oder von Zuständen, die vertraut anmuten, auch wenn sie gar nicht zur Erfahrung des Hörers gehören.

Kurzeck erzählt nicht von, sondern er erzählt das Dorf seiner Kindheit, wie der Untertitel des »Romans« Ein Sommer, der bleibt lautet. Er erzählt Oberstaufen, ein kleines hessisches Dorf in den späten vierziger und beginnenden fünfziger Jahren. Das hessische Fünfzehnhundert-Seelen-Dorf liegt auf einem Basalthügel im Gebiet der Lahn. Die Eisenbahn ins nahe, für den erlebenden Jungen allerdings noch ferne Gießen rauscht täglich vorbei. Das ist neben den sahnetortenbunten Straßenkreuzerschlitten der lässigen GIs auch schon das Modernste an Oberstaufen rund um die Währungsreform. Der – nennen wir ihn behelfsweise – »Roman« ist an Entwicklungen nicht interessiert. Er zieht seinen Reiz aus einer immer wieder neu ansetzenden sinnlich intensiven Beschreibung desselben Ortes zur selben Zeit, sodass wir eher die Suggestion eines ewigen Augenblicks genießen, eine Idylle, der die lineare Zeit ausgetrieben ist, einen Vorschein des Paradieses mithin. Und das alles, verführerisch und unwiderstehlich, hat der Peter Kurzeck mit seinem mündlichen Erzählen getan! Mit dialektaler Färbung, einem gelegentlichen »gell«, einem »oder so« oder so. Ein mündlicher Roman also, der den Hörer zum Zeugen der Verfertigung eines Kunstwerks beim Reden macht; zum Zeugen der Geburt einer neuen Gattung; eines literaturhistorischen Ereignisses mithin?

Ja, aber zwei Präzisierungen sind dabei nötig: Tatsächlich ist eine derartige mündliche Erzählung heutzutage eine Mündlichkeit nach der Schriftlichkeit, ein mündliches Erzählen inmitten und zu Teilen schon nach der buchgeprägten Kultur! Das heißt auch, dass die erzählerischen Formen, von der Grammatik, Topik und Rhetorik bis zu den literarischen Referenzen, aufruhen auf unserer literarisch geprägten Weltaneignung.

Und zweitens : Peter Kurzeck selbst hat in seinen vielen Romanen, zumal den frühen und namentlich in Kein Frühling von 1987, den Stoff bereits behandelt, das heißt, er hat sich eine Sicherheit der Auswahl, der Fokussierung und Akzentuierung des biografischen Materials erschrieben, sodass jetzt ein Aufrufen von Erinnerung mittels und durch die schriftliche Fassung hindurch gelingen kann. Das heißt, der mündliche Roman kommt eben nach dem fortlaufenden schriftlichen Erinnerungsroman des Autors.

Und doch bringt die Spontaneität des mündlichen Ausdrucks ein Gefühl der unmittelbaren Anteilnahme hervor. Anteilnahme am Erzählten, vermittelt über die emotionale Anteilnahme am Erzähler, der uns in seiner phonetischen Realpräsenz unabweisbar nahe ist. Und zwar auf andere Weise, als dies bei einem üblichen Hörbuch mit vorgelesenen schriftlichen Texten der Fall ist. Eben weil wir hörend Zeuge des Augenblicks werden, in dem sich die folgenschwere Objektivierung eines inneren Prozesses ereignet. Das werden wir natürlich in jedem Gespräch, nur: Hier ist es so, dass sich dabei ein Faden entwickelt, den wir beobachten, wie er sich mit anderen zu einem Teppich zusammenknüpft, den wir als episch schön, als kleine Totalität zu erfahren gewohnt sind. Wir erleben also genau den Akt der Romanentstehung als Zusammenfügung der unterschiedenen Produktionsweisen »mündlich« und »schriftlich«. Wir hören gewissermaßen ein Buch sprechen. Das Sprechen eines Buches heißt: Einer spricht ein Buch (Genitivus obiektivus); und: Ein Buch spricht durch eine Person (Genitivus subiektivus).