Wenn Hamburgs Umweltstaatsrätin Herlind Gundelach (CDU) nach Feierabend daheim ihre Spezialhaustür öffnet, betritt sie, energiepolitisch gesehen, eine bessere Welt. Eine 30 Zentimeter starke Dämmschicht und sündhaft teure Wärmeschutzfenster isolieren sie dann von der kühlen Hamburger Wirklichkeit. Und wenn die Staatsrätin ausatmet und solchermaßen ein paar Mikrojoule ihrer Körperwärme freisetzt, dann geht diese Energie beim Lüften nicht etwa verloren, sondern wird in einem Wärmetauscher zurückgewonnen. Privat, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, lebt Herlind Gundelach schon in der Zukunft der Energieversorgung.

Beruflich hingegen hat die Staatsrätin soeben gemeinsam mit ihren Kollegen die Vergangenheit bis in die Mitte des Jahrhunderts verlängert. Pünktlich zur Vorlage des jüngsten Weltklimaberichts hat die mit absoluter Mehrheit regierende CDU dem Energiekonzern Vattenfall den Bau eines Kohlekraftwerks gestattet, das alles bisher Dagewesene übertrifft. Fragt sich nur, in welcher Hinsicht. Glaubt man Frau Gundelachs Mitarbeitern, dann wird Moorburg "das sauberste Kraftwerk Westeuropas". Da "setzen wir wirklich Maßstäbe", schwärmt Umweltbehördensprecher Volker Dumann.

Kritiker betonen dagegen mehr die Größe des Kraftwerks. Der CO 2 -Ausstoß Hamburg-Moorburgs wird dem Boliviens entsprechen, wie Greenpeace flugs errechnete; die nicht nutzbare Abwärme würde genügen, um mindestens einer halben Million Umweltstaatsrätinnen einzuheizen. Stattdessen erhitzt sie pro Sekunde 64 Kubikmeter Elbwasser auf Badewannentemperatur.

Was bewegt Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust, der erst im Sommer ein ambitioniertes Konzept zum Klimaschutz vorgelegt hat, einem solchen Kraftwerk zuzustimmen? Offiziell heißt es, der Bau sei nicht zu verhindern gewesen; Vattenfall habe Anspruch auf die Genehmigung. In Wirklichkeit, ist im Umfeld der Landesregierung zu hören, hätte sich ein Rechtsstreit so lange hinziehen können, dass der Investor die Freude an dem Bauvorhaben wohl verloren hätte.

Und worin soll der Gewinn für die Umwelt bestehen? Andere Kraftwerke, argumentiert die Umweltbehörde, heizten die Flüsse noch stärker auf. Und wenn Vattenfall für die gigantische Fernwärmemenge von 650 Megawatt Abnehmer fände, dann würden mehr als 60 Prozent der Verbrennungshitze irgendwie genutzt – für ein konventionelles Großkraftwerk wäre das gut.

Andererseits dürfte die schiere Menge dieser Fernwärme auf lange Sicht den sparsamen Umgang mit Energie verhindern. Wozu in Zukunft noch Wohnungen sanieren – wenn das Ergebnis nur darin besteht, dass die Abwärme des Kohlekraftwerks nicht mehr genutzt werden kann? Ähnlich verhält es sich mit sauberem Strom. Norddeutschland wird durch seine Kohlekraftwerke zum Stromexporteur, hat das Bremer Energieinstitut errechnet. Wer hier in Zukunft CO 2 -neutralen Wind- oder Sonnenstrom verkaufen will, wird demnach gegen eine Kohlestromindustrie antreten müssen, der schon die eigenen Überkapazitäten zu schaffen machen.

Aber die Landesregierung hat noch ein Argument: In Moorburg soll erstmals die umstrittene Technik der CO 2 -Abscheidung angewendet werden, mit deren Hilfe das Treibhausgas im Erdinneren versenkt werden soll. Wie das gehen könnte, ist bislang nur in Grundzügen erkennbar. Dennoch hat sich Vattenfall zu einer Ausgleichszahlung von 10,5 Millionen Euro verpflichtet, sollte es mit der CO 2 -Abscheidung nichts werden.

10,5 Millionen Euro – sind das für einen Konzern wie Vattenfall nicht Peanuts? Mit seiner Antwort auf diese Frage möchte Umweltsprecher Dumann nicht zitiert werden.

Womöglich steckt hinter Bürgermeister von Beusts Entscheidung noch ein ganz anderes, nämlich ein taktisches Kalkül. Im Februar wird in Hamburg gewählt, und ohne die Grünen wird die CDU danach kaum weiterregieren können. Indem von Beust die Kontroverse um Moorburg Monate vor möglichen Koalitionsverhandlungen beendet, räumt er einen absehbaren Streitpunkt aus dem Weg. Dass dieses Kalkül aufgehen könnte, räumen die Grünen zähneknirschend ein: Gegen das neue Kraftwerk zu kämpfen lohne sich nicht mehr.

Vielleicht möchte sich Ole von Beust aber auch nur einen alten Traum erfüllen. An der Alster unter Palmen zu liegen, hat er einmal erklärt – das sei wahres Glück.