Wer an einem lichtlosen Novembertag zum Gipfel des Berliner Teufelsbergs hochstapft, der merkt bald, dass es hier spukt. Der Teufelsberg liegt im Grunewald, er ist der größte Trümmerberg der Stadt und gehörte mal zu den beliebtesten Freilaufgehegen der Westberliner Bevölkerung. Heute wandert man hier einsam durch kahle Wälder, über Mauerbrocken und zerschossenen Stuck. Zwölf Millionen Kubikmeter Schutt aus 400.000 zerbombten Häusern wurden hier nach dem Zweiten Weltkrieg aufgehäuft. Unten in diesem Grabhügel für böse Träume liegt eine Bauruine der Nazihauptstadt Germania, oben öffnet sich ein Panoramablick auf das neue Berlin. Wer sich dann umdreht, sieht das Gespenst.

Ein Monstrum aus Beton und Stahl steht auf dem Teufelsberg, es ist die Ruine einer US-Radarstation, mittels deren der US-Nachrichtendienst NSA, die National Security Agency, hier im Kalten Krieg die Staaten des Warschauer Pakts belauschte. Ihr Gehäuse ist ausgeschlachtet, der Wind heult durch die Türme, die wie fünf Pilze in den Himmel wachsen. Die riesigen Radarlauscher glotzen durch ihre zerschnittenen Kunststoffplanen wie leere Augenhöhlen herunter auf ein Labyrinth finsterer Gänge, auf eingeschlagene Scheiben, verwüstete Tresorräume und den Müll der Geschichte.

Vor wenigen Tagen zog eine seltsame Karawane hoch auf den Teufelsberg. Menschen mit Fackeln versammelten sich in der Nacht, eine weiße Limousine rollte an, und heraus stiegen der Hollywood-Regisseur David Lynch und ein Herr im Priestergewand. Auf dem Kopf hatte Letzterer eine Art Prinzessinnenkrone, die aussah wie aus der Faschingskiste einer Kita. Es handelte sich um Raja Emanuel Schiffgens, das deutsche Oberhaupt der Esoterik-Organisation Transzendentale Meditation, kurz TM.

Die Vereinigung, die nicht als Sekte bezeichnet werden will, verehrt den Inder Maharishi Mahesh Yogi, dem schon die Beatles nachgelaufen sind. Ihre Anhänger wollen in 3.000 Städten der Welt spirituelle »Friedenspaläste« errichten, 60 davon angeblich in Deutschland. In Erfurt soll ein »Turm der Unbesiegbarkeit« entstehen. Im brandenburgischen Fürstenberg war zeitweise ein Meditationszentrum geplant. Nun also Berlin. Auf dem Teufelsberg wurde der Grundstein für eine »vedische Universität« gelegt. Hollywood-Millionär David Lynch soll einen Kaufvertrag für das Grundstück mit der Radarruine unterzeichnet haben. Allerdings hat der wohl ein paar Klauseln.

Wenn genug Menschen meditieren, dann heben sie gemeinsam ab

Dass die Uni je gebaut wird, ist so unwahrscheinlich wie vieles, was durch den Kopf David Lynchs spukt. Der Filmemacher, der mit Wild at Heart oder Mulholland Drive fantastische Albträume auf die Leinwand gezaubert hat, ist ein Meister der Irritation, und wer ihn finden will, landet da, wo er eigentlich nie hinwollte. Bei der David Lynch Foundation in Kalifornien ist leider nur der Anrufbeantworter zu sprechen. Dafür gibt es »David’s Message« im Internet, und sie besagt, dass jeder »eintauchen« kann in eine Welt ohne Stress, wenn er TM beherrscht, Transzendentale Meditation. Lynch schreibt auch, dass er Studenten in aller Welt zu »professionellen Friedensstiftern« ausbilde.

Wer wissen will, wie das funktioniert, kann die Bodenstation der Yogi-Flieger, so nennen sie sich auch, in Berlin-Kreuzberg ansteuern. Unter dem Dach eines Gründerzeitgebäudes sitzen vier ältere Herrschaften vor einem Fernseher. Von Willy Nicklas, einem TM-Vorstand, ist zu erfahren, dass nur genügend Menschen gemeinsam meditieren müssten, damit die Gewalt zurückgehe auf der Welt und die Leute das Fliegen lernen könnten. Alles »quantenmechanisch messbar«.