Eine alte Frau, ihr Geist ist verwirrt. "Ich habe meine Mutter gefüttert. Meine Mutter, mein Kind. Ein Löffel Milch und Käse. Ein kleines Mädchen, das mit geschlossenen Augen isst. Meine Hand zittert vor Rührung. Mir steigen die Tränen und ich gebe auf", schreibt der Autor Tahar Ben Jelloun in seinem Buch über Yemma, seine Mutter. Sie ist krank, schluckt seit 30 Jahren täglich viele Pillen. Sie lebt in den Gespinsten ihrer Vergangenheit, sie verwechselt die Reihenfolge ihrer drei Männer, den älteren mit dem jüngeren Sohn, die Zeiten, die Orte, die Ereignisse.

Yemma ist eine von vielen Alten, die an Alzheimer leiden. Aber sie ist nicht eine von denen, über die wir so oft lesen. Wir sind in Marokko, einem Land, das vom europäischen Lebensstil beeinflusst wird, aber auch zu seinen Traditionen steht. Kein Altersheim, sondern zwei Pflegerinnen, die im Haus wohnen. Und Kinder, die, sooft sie können, mit ihr telefonieren oder am Bett sitzen. Weil sie es gelernt haben: "Wir schulden unseren Eltern jene Unterwerfung, die im Westen lächerlich oder psychologisch unzumutbar scheinen mag. Kindesliebe wird gepflegt als fast religiöse Achtung vor den Eltern. Es gibt keinen Grund für einen Mangel an grundlegendem Respekt, Respekt bedeutet Zuneigung und eine Art irrationaler Unterwerfung."

Die Hand der Mutter hält also auch der Sohn. Tahar Ben Jelloun ist einer der berühmtesten Schriftsteller des Maghreb. Ein Wanderer zwischen Paris und Tanger. Einer, der in diesem bescheidenen Haus in Tanger den verwirrten Erzählungen der Mutter lauscht, ihren und seinen Erinnerungen nachspürt und daraus zwei Biografien filtert – die seiner Mutter und die eines Marokko der vierziger, fünfziger Jahre. Er taucht ein in Gebräuche, Geräusche, Gerüche, Gebete und Symbole, und es scheint ihm, dass dieses Marokko ihm mehr Heimat, mehr Sicherheit, mehr Halt gab und gibt als jenes Frankreich, das ihn berühmt machte.

Jellouns Buch wägt zwei Kulturen ab. Und entscheidet sich zu einem lyrischen Credo für Marokko. Ohne Romantik. Er hat Angst, auf diesen spindeldürren Leib vor ihm zu blicken. Er fürchtet sich vor der Krankheit, die alles, was nicht zusammengehört, in einem Atemzug nennt. Ist die Mutter krank? Er versteht die Pflegerin, die immer wieder den Besuch von Angehörigen braucht, um nicht selber verwirrt zu werden. Während der Sohn versucht, die Langeweile zu ertragen und nicht zu ertrinken in der kindlichen Angst, den mütterlichen Segen zu verlieren, der ihn beschützte.

Tahar, als er klein ist. Er belauscht seine weiblichen Verwandten. Wie entfesselt sie sind, wenn sie unter sich sind. Sie tanzen, ahmen den Geschlechtsverkehr nach und singen. Sie versuchen nicht, in die Welt der Männer einzugreifen. Jeder an seinem Platz. Und die Gleichheit? Alles erscheint wie eine Frage der traditionellen Vereinbarung.

Die Mutter in ihrer Jugend, ein schönes Mädchen in Fès. Sie lernt sticken für ihre Aussteuer, sie lernt kochen. Lesen? Wozu? Als sie schwanger wird, schreibt ihr Mann den berüchtigten "Brief" an seine bisherige Frau, die kinderlos blieb. Die verschwindet, lautlos.

Die ungeheizte Koranschule, wo die Kinder lernen, dass das Aufsagen der Yassin-Sure Körper und Seele wärmt. Der Glaube lindert die Not, so wie die Kranke sich jetzt mit dem Gedanken an ihre Trauerfeier tröstet: "Suche nach dem Paradiesweihrauch aus Mekka, sehr stark, sehr würzig. Ich muss leichtfüßig abtreten." Und die größte Angst: "Lasst mich nicht eine Nacht im Kühlhaus verbringen." Seele und Körper würden frieren. Ist diese Mutter nur eine Naive, Ungebildete? Im Blick des Sohnes wird sie das Symbol einer Tradition, die noch im Grab Gültigkeit hat: Die Grabstelle misst 35 Zentimeter auf 160. Zu wenig? Mitnichten. Die Toten werden auf die rechte Seite in Richtung Mekka gelegt.

Yemma – Meine Mutter, mein Kind ist eine Eloge an eine Kultur, die Würde verlangt und sie auch von der übrigen Welt für sich in Anspruch nimmt. Ein Verständnis, das die Kolonialisten vermissen ließen. Jelloun schreibt: "Tanger 1956. Eine von Europa verschlungene Stadt, weltoffen, so offen, dass sie als Nest für Spione und Banditen gilt, als Ort des Schmuggels … Die spanischen Besatzer sind genauso arm wie die Einwohner. Die Franzosen und Engländer sind arrogant, reich, mächtig und herablassend. Der Zugang zu ihren Schulen und Gymnasien ist fast unmöglich."

Kein Wunder, dass die Mutter sich nach Fès zurücksehnt. Der Vater hat dort einen Gewürzhandel aufgemacht, die Männer gehen für die Rückkehr von König Mohammed V. auf die Straße. Der Sohn hört der Mutter zu und denkt an den Ärger, den ihm die Leute in Frankreich verursacht haben. Er befürchtet, dass ihr Tod ihn ungeschützt lässt. Es waren einfache Dinge, die er von ihr erhielt, und ebenso einfach gibt er ihr dies jetzt zurück. Das Buch folgt in seinem Stil dem unaufhörlichen Fluss der arabischen Erzählungen, es nutzt Wiederholungen und verkehrt so das Kranke und Gesunde auf wunderliche Weise.