In der Wüste Badain Jaran gibt es keine Wellenreitbretter zu kaufen. In diesem Teil der chinesischen Gobi surfen sie auf Kamelen. Das klingt vielleicht wie ein Witz, aber danach ist mir wirklich nicht zumute. Ich liege auf der höchsten Düne der Welt, als ich das Kamelsurfen zum ersten Mal sehe. Biluthu heißt dieser Berg aus Sand, und es waren beinahe 520 Meter von seinem Fuß bis zum Gipfel. Dort, den Aufstieg geschafft und zu allen Seiten diese grandiose Aussicht, ist ein perfekter Ort, um vollkommen glücklich zu sein. So wie meine Mitreisenden. Die umarmen sich, Jerôme ruft immer wieder "Boah!", obwohl er schon seit zwanzig Jahren durch Wüsten wandert. Sie machen Action-Fotos voneinander und teilen eiserne Keksrationen. "So schön, als tanzten wir durch eine Postkarte!", jauchzt Gesine. Da würde ich gern mitmachen.

Mir ist leider vor allem schwindelig. So hoch diese Dünen, so weit diese Landschaft und so oft in der letzten Nacht mit meinem empfindlichen Magen hinter dem Gebüsch gewesen. An Tanzen ist nicht zu denken. Ewig kann ich mich aber nicht mehr apathisch in den Hang krallen, sonst bin ich der Letzte, und allein wird es noch schlimmer. Die anderen fangen an, talwärts zu gehen. Einige laufen sogar, weil das im Sand so ein Heidenspaß ist. Davon wird mir schon vom Zuschauen noch schlechter. Inzwischen sind auch unsere drei mongolischen Begleiter mit den Kamelen oben angekommen. Die sorgen für den gemütlichen Teil der Reise, denn während wir zehn Reisenden eine Woche lang durch die Wüste wandern, tragen sie unser Gepäck, die Zelte, die Lebensmittel, die Küche, das Wasser, den Wein, das Bier und den Schnaps.

Zum Kamelsurfen muss man wissen, dass Kamele beladen nicht gern stehen, das tut ihnen in den Füßen weh. Unter unseren 14 Tieren ist ein besonders bockiger Jungbulle. Der schreit und tritt jeden Morgen, als hätte er eine Sondervereinbarung mit dem Tierschutzbund. Auf dieser Riesendüne nun will er nicht warten, bis die Mongolen die Route für den Abstieg fertig besprochen haben. Er geht also schon mal vor – und fällt voll auf die Schnauze. Vergaß leider, dass er noch an seinen Vordermann geknotet war, der nicht mitwollte. Der Strick hat sich jetzt gelöst, die Ladung auch, das Problemkamel liegt Kopf abwärts auf dem Rücken und spielt toter Mann.

Ich denke sofort an gebrochene Beine und an Notschlachtung, aber Mongolen beeindruckt so was ja gar nicht, da sind sie hier in der Inneren, chinesischen Mongolei so cool wie ihre Verwandten im nördlichen Nachbarland. Einer zieht das Kamel am Nasenpflock, der andere schiebt und tritt hinten kräftig rein. Irgendwann gibt der Sand nach, das Tier kommt, mit den Läufen senkrecht in den Himmel, ins Rutschen, der hintere Mongole springt auf und gleitet eine Strecke hinunter. Dort steht das Kamel auf und versteckt sich kleinlaut hinter Büschen, ich vergesse endlich meine Benommenheit und steige die Düne hinab. Am meisten beeindruckt mich, dass die Mongolen bei all dem Schrecken nie aufhören zu lachen.

"Alashan" ist mongolisch und heißt:Schönheit und Reichtum

Mit der gleichen guten Laune reichen sie später getrocknetes Kamelfleisch als Snack herum, während wir das Lager errichten, gleich am Fuß dieser Biluthu-Düne. Lager errichten, das klingt ein bisschen pompös: Wir müssen uns nur einen Schlafplatz suchen, das Einmannzelt aufstellen, Isomatte und Schlafsack ausbreiten. Alles Übrige machen ja die Mongolen: Kamele versorgen, Essens- und Küchenzelt aufbauen, kochen. Also sitzen am Abend zehn Wüstenwanderer verstreut im Sand. Sie warten, trinken Bier in der untergehenden Sonne und versuchen zu zählen, wie viele Gelb- und Brauntöne es in dieser Wüste gibt; und immer, wenn man glaubt, jetzt hat man sie aber wirklich endlich alle, taucht an der nächsten Düne ein neuer Farbton auf.

Die Wüste ist ja ein großartiger Ort, um spirituell zu werden und von Grenzerfahrungen, neuen Perspektiven, magischen Momenten zu sprechen. Und welche Wüste käme dafür besser infrage als unsere? Jerôme, der Veranstalter, hat die Badain Jaran ja nicht zufällig ausgesucht. Badain Jaran liegt im Westen des Alashan-Plateaus. "Alashan" ist mongolisch und bedeutet: Schönheit und Reichtum. Das klang für uns zuerst ironisch, als wir stundenlang durch dieses flache, karge, fahle Land fuhren. Dann aber waren auf einmal diese Riesendünen da und die Seen. Die gibt es wirklich, die sind keine Fata Morgana. 140 sollen es sein, sie speisen sich aus Grundwasser und aus Regen, der durch die Dünen sickert und dabei jede Menge Salz und Mineralien aus dem Sand löst. Davon sind diese Seen so gesättigt, dass man nicht in ihnen baden kann. Weiß, gelb und bräunlich lagern sich die Stoffe am Ufer ab. Zusammen ist das nun so viel Schönheit und Reichtum, wie man sich nur wünschen kann. Darum wird "Alashan!" zum Motto dieser Reise, wir prosten uns damit zu, rufen es von Gipfeln und wünschen uns damit guten Appetit.