Drei durch ein Jahrhundert

Er schaut, er atmet, er spricht ohne Worte. Den Mund hat er geöffnet, die Lippen bewegen sich, sein ganzes Gesicht spricht, jeder Muskel, bis zu den Augenbrauen. Und während weiche, klare Töne aus dem Steinway steigen, ist seine Aufmerksamkeit ganz bei den beiden Musikern, die vor dem Flügel sitzen, keine ihrer Bewegungen entgeht ihm. Mit jedem Ton wird dieser Pianist zu einem, den die Klänge ebenso formen, wie er sie formt. Wie oft mag er diese Noten auf den Flügel gestellt haben, Beethovens Klaviertrio B-Dur, opus 97. Hunderte, tausende Male. Menachem Pressler ist jetzt 83 Jahre alt. Als er zum ersten Mal mit diesem Stück auftrat, im Sommer 1955, war er 32. Eisenhower regierte, der Kalte Krieg begann. Das Beaux Arts Trio debütierte in Tanglewood in New England.

Kein Kammermusikensemble der Welt hat sich so lange gehalten wie dieses. Beaux Arts Trio, das ist ein anderes Wort für Klaviertrio. Klavier, Geige, Cello, eine Besetzung für Lyriker, nicht so olymphaft wie das Streichquartett, intimer und persönlicher. Die ersten Veranstalter waren misstrauisch. "Sie sahen uns als poor man’s orchestra, ein Soloklavier mit zwei armen Streichern", sagt Pressler lachend, "und Kammermusik war für das Publikum sowieso wie Medizin: Schmeckt nicht, muss aber sein…" Dass sich das geändert hat, dass das Triorepertoire von Haydn bis Kurtág geliebt wird, liegt auch an diesem Ensemble, von dessen Gründern nur Pianist Pressler noch spielt. "Das Trio spielt jetzt am besten", sagt er vorm Berliner Konzert der Abschiedstournee, "ich kann jetzt das bekommen, was ich immer haben wollte…"

Der jetzige Cellist Antonio Meneses wurde geboren, als Pressler das Trio gründete. Geiger Daniel Hope kam 1974 zur Welt – Gründungsgeiger Daniel Guilet schon 1899. Menachem Pressler verbindet Epochen. Er war bereits ein gefeierter Solist in den USA, als er Lust bekam, Klaviertrio zu spielen, ein Shootingstar mit "Talent zum Glück", wie er sagt, auch mit Blick auf die Flucht aus Deutschland. Die Presslers, eine gebildete jüdische Familie polnischer Herkunft, lebten in Magdeburg. Menachems Begabung wurde früh offenbar, er bekam Unterricht bei Herrn Kitzel, einem Organisten, "ein wunderbarer, sehr lieber Mensch. Gerade zu der Zeit, wo es nicht erlaubt war, jemanden wie mich zu unterrichten, hat er es dennoch getan." Bis 1939 hielt die Familie in Magdeburg aus, ein Visum für die Ausreise hatte sie nicht.

Im Sommer vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs reisten sie nach Italien, an der Grenze erklärten sie, Ferien machen zu wollen. Und kamen damit durch. In Triest gingen sie an Bord der Galilea, eines Linienschiffs nach Palästina. Das Schiff fuhr nicht mehr zurück, Italien verbündete sich mit Deutschland, und Pressler setzte seine Ausbildung in Palästina fort. Ein Jahr nach dem Krieg fuhr er über den Atlantik, um ihn San Francisco am Debussy-Wettbewerb teilzunehmen. Er spielte hinter einem Vorhang. Auf der anderen Seite des Vorhangs saß als Jurymitglied Darius Milhaud, aus Frankreich emigriert. "Nach zehn Minuten rief er: Die Nummer zwei! Das war ich." Pressler gewann den Wettbewerb. "Milhaud hat mich dann nach Hause zum Essen eingeladen. Danach sagte er: Spiel mir was vor!" Der Jüngling wollte Brahms spielen, der massige Franzose lehnte ab: "Das ist Bierhausmusik!" Pressler lacht, als wäre es gestern gewesen.

War es nicht erst gestern? Und hat nicht erst neulich Beethoven am Klavier gesessen und mittags im Hotel Zum Römischen Kaiser in Wien sein opus 97 uraufgeführt? Mit Geiger Schuppanzigh und Cellist Joseph Linke? Seitdem, seit 1814, fordert es Musiker und Hörer heraus. Sperrig, extrem, mit scheinbar schlichtem, mitunter trivialem Material weite Räume öffnend, die nicht leicht zu begreifen sind. Nun aber sitzen im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie Pressler, der Geiger Hope und der Cellist Meneses und wirken Wunder. Es ist, als könnten Gedanken miteinander sprechen, so fein reagieren die drei aufeinander. Die Musik verhandelt etwas, was nur in Tönen zu sagen ist. Ein Bewusstsein entsteht dabei, so klar und offen, dass auch die Gedanken des einzelnen Hörers darin mitspielen und sich entfalten können.

Pressler spielte in sechs verschiedenen Besetzungen

Drei durch ein Jahrhundert

Die drei auf dem Podium sind ganz verschiedene Charaktere. Der dünnhäutige, elektrisierte Daniel Hope, der mit seinem Bogen mitunter schraffiert, skizziert, Notizen macht, der sensibel geerdete Antonio Meneses und der zierliche Zauberer am Klavier, hellwach und selbstvergessen. Manchmal hat Pressler etwas von einem milden Psychoanalytiker, der den Neurotiker Beethoven in den Blick nimmt – und ihn sein lässt, wie er ist. Mit viel Liebe zum Nichtnormalen bringt er ihn zur Entfaltung. So kann es passieren, dass einmal im Andante die gebrochenen A-Dur-Septakkorde von Geige und rechter Klavierhand gar nicht tonal klingen, sondern wie ein serielles kaltes Sternenfunkeln, und man staunt, wie sich dann wieder Wärme breitmacht, freilich nur eine vorübergehende, provisorische. Nichts ist hier selbstverständlich.

Die frühen Aufnahmen des Beaux Arts Trios sind anders, haben mehr Legato und Schwerkraft, aber die unverwechselbare Spannung findet man schon da. Geiger Guilet, vor der Triogründung Konzertmeister bei Toscanini, "war ein schwieriger Mensch, oft beleidigend. Er sagte mir, du spielst wie ein Bauer! Das muss wie Regentropfen klingen, bei dir kommen Steine runter! Aber er hatte recht." Richtig glücklich wurde Pressler erst mit dem Geiger Isidore Cohen. "Da waren Bernard Greenhouse, der Cellist, und ich schon eingespielt. Isi musste sich anpassen." Zusammen haben sie in den Siebzigern glühend tiefen Schumann aufgenommen und einen so rasanten Schostakowitsch, dass daneben die jüngste Aufnahme des Zweiten Klaviertrios mit Hope und Meneses zahm wirkt. Doch auf dem Podium ist diese Besetzung – die sechste! – ganz bei sich und auf der Höhe.

Da kommt es einem plötzlich grotesk vor, wie sonst in unserer Gesellschaft Alte und Junge auseinanderdividiert werden. "Die Generationen", sagt Pressler, "verschmelzen vor dem Werk." Der zweite Satz von Schuberts Es-Dur-Trio fängt an mit einem Lonesome-Rider-Thema im Cello, melancholisch, dämmernd, cMoll. Meneses ist der ideale traurige Cowboy. Dann übernimmt das Klavier, wiederholt die Weise und wendet sie am Ende unverhofft über einen f-Moll-Septakkord nach Es-Dur. Und diese Wendung, die 180 Jahre nach der Komposition des Stücks ja nicht unbedingt überraschend ist, wird bei Pressler zu einem Moment unverhofften Glücks: als wende ein geliebter, verschlossener Mensch, neben dem man gegangen ist, einem plötzlich das Gesicht zu. Jähe Nähe leuchtet auf.

Er spricht über Komponisten, als schildere er Freunde

Schubert spricht von anderem als Beethoven, und auch das wird von diesen Musikern verstanden. Wenn Pressler über die Komponisten und ihre Klaviertrios spricht, ihre persönlichsten Stücke, schildert er Freunde. Den tiefen, witzigen, in seine Londoner Schülerin verliebten Haydn. Beethoven, den man sich erkämpfen muss. Kurtág, der an drei Minuten sieben Stunden probt. Und Schubert, "der sich über jeden Menschen zu freuen scheint". In seinem Es-Dur-Trio wirken Geige, Cello und Klavier wie getrennte Wesen, die es zueinander zieht. Und das Klavier klingt unter Presslers Händen noch unmechanischer als sowieso bei ihm, wie ein auf älteste Zeiten zurückgehendes Naturinstrument. So frei spielt er.

Bei der letzten Zugabe geht es mit ihm durch, er schlägt bei Schostakowitsch ein wahnwitziges Tempo an, seine Finger und seine Kollegen kommen kaum noch mit. Hinter der Bühne ist er erschöpft und glücklich und fragt: "Verstehen Sie?"

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