Die drei auf dem Podium sind ganz verschiedene Charaktere. Der dünnhäutige, elektrisierte Daniel Hope, der mit seinem Bogen mitunter schraffiert, skizziert, Notizen macht, der sensibel geerdete Antonio Meneses und der zierliche Zauberer am Klavier, hellwach und selbstvergessen. Manchmal hat Pressler etwas von einem milden Psychoanalytiker, der den Neurotiker Beethoven in den Blick nimmt – und ihn sein lässt, wie er ist. Mit viel Liebe zum Nichtnormalen bringt er ihn zur Entfaltung. So kann es passieren, dass einmal im Andante die gebrochenen A-Dur-Septakkorde von Geige und rechter Klavierhand gar nicht tonal klingen, sondern wie ein serielles kaltes Sternenfunkeln, und man staunt, wie sich dann wieder Wärme breitmacht, freilich nur eine vorübergehende, provisorische. Nichts ist hier selbstverständlich.

Die frühen Aufnahmen des Beaux Arts Trios sind anders, haben mehr Legato und Schwerkraft, aber die unverwechselbare Spannung findet man schon da. Geiger Guilet, vor der Triogründung Konzertmeister bei Toscanini, "war ein schwieriger Mensch, oft beleidigend. Er sagte mir, du spielst wie ein Bauer! Das muss wie Regentropfen klingen, bei dir kommen Steine runter! Aber er hatte recht." Richtig glücklich wurde Pressler erst mit dem Geiger Isidore Cohen. "Da waren Bernard Greenhouse, der Cellist, und ich schon eingespielt. Isi musste sich anpassen." Zusammen haben sie in den Siebzigern glühend tiefen Schumann aufgenommen und einen so rasanten Schostakowitsch, dass daneben die jüngste Aufnahme des Zweiten Klaviertrios mit Hope und Meneses zahm wirkt. Doch auf dem Podium ist diese Besetzung – die sechste! – ganz bei sich und auf der Höhe.

Da kommt es einem plötzlich grotesk vor, wie sonst in unserer Gesellschaft Alte und Junge auseinanderdividiert werden. "Die Generationen", sagt Pressler, "verschmelzen vor dem Werk." Der zweite Satz von Schuberts Es-Dur-Trio fängt an mit einem Lonesome-Rider-Thema im Cello, melancholisch, dämmernd, cMoll. Meneses ist der ideale traurige Cowboy. Dann übernimmt das Klavier, wiederholt die Weise und wendet sie am Ende unverhofft über einen f-Moll-Septakkord nach Es-Dur. Und diese Wendung, die 180 Jahre nach der Komposition des Stücks ja nicht unbedingt überraschend ist, wird bei Pressler zu einem Moment unverhofften Glücks: als wende ein geliebter, verschlossener Mensch, neben dem man gegangen ist, einem plötzlich das Gesicht zu. Jähe Nähe leuchtet auf.

Er spricht über Komponisten, als schildere er Freunde

Schubert spricht von anderem als Beethoven, und auch das wird von diesen Musikern verstanden. Wenn Pressler über die Komponisten und ihre Klaviertrios spricht, ihre persönlichsten Stücke, schildert er Freunde. Den tiefen, witzigen, in seine Londoner Schülerin verliebten Haydn. Beethoven, den man sich erkämpfen muss. Kurtág, der an drei Minuten sieben Stunden probt. Und Schubert, "der sich über jeden Menschen zu freuen scheint". In seinem Es-Dur-Trio wirken Geige, Cello und Klavier wie getrennte Wesen, die es zueinander zieht. Und das Klavier klingt unter Presslers Händen noch unmechanischer als sowieso bei ihm, wie ein auf älteste Zeiten zurückgehendes Naturinstrument. So frei spielt er.

Bei der letzten Zugabe geht es mit ihm durch, er schlägt bei Schostakowitsch ein wahnwitziges Tempo an, seine Finger und seine Kollegen kommen kaum noch mit. Hinter der Bühne ist er erschöpft und glücklich und fragt: "Verstehen Sie?"

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