Die CDU hat schon schlechtere Zeiten erlebt als derzeit in der Großen Koalition. Im Herbst 1998 zum Beispiel, als die gerade gewählte CDU-Generalsekretärin Angela Merkel ihrer Partei einzureden versuchte: "Wir haben die Fähigkeit zur Lebendigkeit. Manches muss aber wieder trainiert werden." Sie hätte es auch direkter sagen können. Die Ära Kohl hatte die Partei intellektuell, programmatisch und am Ende auch machtpolitisch ausgelaugt. Sie war hermetisch geworden, hatte sich aus den gesellschaftlichen Debatten zurückgezogen und die Lebenswirklichkeit ganzer Bevölkerungsgruppen aus dem Blick verloren. "Gesprächsfäden knüpfen, Brücken in die Gesellschaft schlagen" – das waren die sanft-diskursiven Vorsätze, mit denen die junge Parteimanagerin die Wiederbelebung der CDU einleitete. Gut zwei Jahre brauchte sie dann noch bis zum Parteivorsitz, sieben bis ins Kanzleramt. Der CDU-Parteitag Anfang kommender Woche in Hannover ist vielleicht der erste unter ihrem Vorsitz, dem sie entspannt entgegensehen kann. Warum lächelt diese Frau, fragte jüngst der Spiegel auf seiner Titelseite. Als CDU-Vorsitzende hat Angela Merkel heute einigen Grund zum Lächeln.

Die CDU regiert wieder, sie stellt die Kanzlerin und scheint sogar für die Erfolge der Koalition zuständig, die eigentlich in die Verantwortung der SPD-Minister gehören: die Konsolidierung der Finanzen, die sinkende Arbeitslosigkeit oder die Klimapolitik. Verglichen mit ihrem Koalitionspartner wirkt die CDU stabil und dominant, fast erinnert sie ein wenig an die Zeiten, als sie die Rolle einer quasinatürlichen Regierungspartei für sich reklamieren konnte. Dabei hat die CDU mit der Partei von damals nicht mehr viel gemein. Zwar hat sie ihre angestammten Kompetenzfelder Wirtschaft, Finanzen, Sicherheit nicht geräumt, doch ist die Partei heute gerade dort tonangebend, wo sie früher besonders starr und unbeweglich agierte. Die CDU profiliert sich inzwischen vor allem bei den "modernen" Themen Familie und Kinder, Ausländerintegration oder Klimapolitik. Das liegt im Falle der Familienpolitik sicher am Auftritt Ursula von der Leyens , beim Klima am internationalen Engagement der Kanzlerin. Aber das allein erklärt nicht, warum die CDU gerade dort so unverstellt und sachorientiert handelt, wo sie früher von Vorbehalten und Denkverboten umzingelt schien. Die gesamten neunziger Jahre etwa stemmte sich die Partei gegen die Vorstellung, Deutschland sei ein Einwanderungsland. Heute organisieren Innenminister Schäuble und die Ausländerbeauftragte Böhmer Islamkonferenzen und Integrationsgipfel, und das neue CDU-Programm erklärt: "Deutschland ist Integrationsland." Auch die Familiendefinition der Partei gründet nicht mehr auf der Ehe, sondern auf der dauerhaften Verantwortung, die Eltern für ihre Kinder und Kinder für ihre Eltern übernehmen. Und die natürlichen Lebensgrundlagen verdienen heute in der Vorstellungswelt der CDU auch dort Schutz, wo sie mit ökonomischen Interessen in Konflikt geraten.

Die CDU hat aufgehört, Realitäten auszublenden, nur weil sie zu ihren normativen Vorstellungen nicht passen. Sie hat sich in den Jahren der Opposition entideologisiert, weil sie merkte, dass sie nur mit dem unverstellten Blick auf die Wirklichkeit wieder politischen Gestaltungsanspruch erheben konnte. Mit dieser Haltung hat die Union in den vergangenen beiden Jahren vor allem in der Familienpolitik Überraschungserfolge erzielt, die die politische Konkurrenz vergeblich zu relativieren sucht: Natürlich ist die CDU weder in der Familien- noch in der Ausländer- oder der Klimapopolitik Avantgarde. Meist handelt es sich bei ihren gewandelten Vorstellungen um nachholende Modernisierungsschritte. Nur nimmt das dem Vorgang nichts von seiner Bedeutung. Rot oder Grün mögen schneller den wachsenden Bedarf bei der Kinderbetreuung oder die Notwendigkeit einer konsequenteren Klimapolitik gesehen haben. Doch offenbar markierte erst die Union in der Praxis der Familien-, der Integrations- oder Klimapolitik den entscheidenden Unterschied. Vielleicht ist sie gerade wegen ihrer eher konservative Herkunft für die gesellschaftspolitischen Reformen so unverzichtbar, so wie es die SPD für die Sozialstaatsreformen gewesen ist.

Von dieser Aussicht war allerdings zu Beginn der Großen Koalition nichts zu erkennen. Im Herbst 2005 war die Union erst einmal schockiert über den knappen Wahlausgang und das neuerliche Ende schwarz-gelber Koalitionsträume. Das Halbjahr der Euphorie nach Schröders Kapitulation mündete in dem Regierungsbündnis mit der SPD. Damals machte die Rede vom sozialdemokratischen Koalitionsvertrag die Runde. Auch bei der Aufteilung, ja selbst bei der Besetzung der Ressorts sah es so aus, als hätten die Genossen geschickter agiert.

Zwei Jahre später ist die trübe Anfangsstimmung in der CDU verflogen. Zwar ahnt man zur Halbzeit, dass die Zusammenarbeit in der Koalition schwieriger und wohl auch aggressiver werden wird. Aber die Union kann das gelassener ertragen als die Sozialdemokraten: In den Umfragen liegt sie deutlich vor dem Partner, der wirtschaftliche Gesamterfolg der Großen Koalition wird in der öffentlichen Wahrnehmung hauptsächlich der Unionsseite zugeschrieben. Selbst die blasseren Ressorts der Union – Verteidigung, Bildung, Wirtschaft – scheinen das Bild kaum zu trüben.

Zudem hat sich die Koalition für die CDU als Katalysator ihrer Modernisierung erwiesen. Denn obwohl die Reform der CDU bereits 1999 begonnen hat, kam sie erst in der Regierung zum Tragen. Die programmatische Erneuerung wurde nun auch in einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen – und selbst innerhalb der Partei kam erst jetzt wirklich an, was in den Jahren zuvor in Gang gesetzt worden war. Öffentliches Erstaunen, interne Widerstände, Befremden beim Koalitionspartner – das waren die Reaktionen, die die erneuerte CDU in den vergangenen Jahren begleiteten.