Präsidentschaftswahl 2008: Hillary gegen Condi – vor zwei Jahren hat der brillante und windige Politikberater Dick Morris, der Ingenieur des Regierungserfolgs von Bill Clinton, in einem Buch dieses Szenario entwickelt. Eine Fan-Homepage rice2008.com und einschlägige Devotionalien (Aufkleber, T-Shirts, Schultertaschen, Püppchen) sind im Internet noch zu finden. Condoleezza Rice war damals erst ein paar Monate Außenministerin, die zweite Frau in diesem Amt, die erste Afroamerikanerin, eine Figur mit Glamour und Verheißung. Inzwischen ist der Wahlkampf 2008 gestartet, Hillary Clinton hat tatsächlich die Kandidatur der Demokratischen Partei zum Greifen nahe, wenn nicht sogar die Präsidentschaft. Ihre imaginäre Gegenspielerin dagegen hat gerade mühsam das Nahosttreffen von Annapolis hinter sich gebracht und wird die verrinnende Restzeit der Administration Bush mit der Sisyphusarbeit der Vermittlung zwischen Israelis und Palästinensern verbringen – eine undankbare Aufgabe, trotz des Zwischenerfolgs, den die Konferenz bedeutete. Dass man in Condoleezza Rice einmal, wie spielerisch auch immer, eine künftige US-Präsidentin sehen konnte, ist kaum mehr vorstellbar. Aus dem Weltstar ist eine Ikone der Vergeblichkeit geworden.

Als George W. Bush sie Ende 2004 bat, das Außenministerium zu übernehmen, soll sie das Nahostthema zur Gretchenfrage gemacht haben: Ob der Präsident denn willens sei, in seiner zweiten Amtszeit die Schaffung eines Palästinenserstaates voranzutreiben? Bush gab ihr die Zusicherung. Sie hat in den vergangenen Monaten mehr Zeit bei Israelis und Palästinensern verbracht als der Nahostgesandte Tony Blair. Es ist der verzweifelte Versuch, in der explosivsten Region der Welt noch ein anderes Erbe zu hinterlassen als die Zerstörungen der Irakinvasion und die tickende Zeitbombe des Atomkonflikts mit Iran. Es ist zugleich ein Rettungsversuch am eigenen Bild und Ruf: nicht als enttäuschte Hoffnung und gescheiterte Hochbegabung im Gedächtnis zu bleiben. Als Außenministerin hat Condoleezza Rice bisher nichts Großes erreicht, und die Leute merken es. Sogar der krawallige Immobilienkönig Donald Trump hat sich über sie lustig gemacht: "Sie bringt keine Deals zustande. Sie winkt. Sie steigt aus dem Flugzeug. Sie winkt. Sie sitzt im Winkel von 45 Grad irgendeinem Diktator gegenüber. Sie posieren für die Kamera. Sie winkt wieder. Sie steigt zurück ins Flugzeug. Sie winkt. Nie wird ein Deal abgeschlossen."

Es steckt darin mehr als nur die Geschichte einer ins Stocken geratenen Karriere. Es steckt die jüngste Geschichte ihres ganzen Landes und der Weltmacht Amerika darin. Rice, die als Mädchen Eiskunstlauf gemacht hat, den Sport der unerbittlichen bella figura, strahlt etwas von stolzem Pflichtgefühl aus, von Disziplin ohne Selbstmitleid – die Würde, aber auch die Unpersönlichkeit des Objektiven. Vielleicht spiegelt sich darum in ihrem Weg so deutlich das dramatische Auf und Ab der Vereinigten Staaten, der weltpolitische Stimmungs- und Schicksalswechsel: Sie ist so sehr Medium wie Akteurin. Das ist das Einzigartige an ihr: Neben starren Gestalten wie Rumsfeld und Cheney, neben dem an die Folgen seiner Überzeugungstaten gefesselten Bush ist sie eine seismografische Figur, der Botenengel des historischen Augenblicks. Denn es gibt nicht einfach eine Condoleezza Rice, sondern deren drei.

Die erste war die außenpolitische Mentorin des Kandidaten George W. Bush, eine Stanford-Professorin und gelernte Sowjetexpertin, die den unerfahrenen Gouverneur von Texas in die internationalen Beziehungen einführte. Sie hatte unter Brent Scowcroft, dem Sicherheitsberater von Bushs Vater, für das Weiße Haus gearbeitet und später ein Buch über die deutsche Wiedervereinigung mitpubliziert, die sie aus ziemlicher Nähe miterlebt hatte. Die frühe Condoleezza Rice war eine unsentimentale Machtrealistin, die vom neumodischen Gutmenschentum der "humanitären Interventionen", auf die Bill Clinton sich eingelassen hatte, wenig hielt. "Es ist", schrieb sie 2000 in einem Essay, der als Programm einer künftigen Regierung Bush gelesen wurde, "gewiss nichts Falsches dabei, etwas zu tun, das der gesamten Menschheit zugutekommt, aber das ist, in einem gewissen Sinne, ein Nebeneffekt." Der Zeitgeist, der aus ihr sprach, war des uferlosen, globalisierten Humanismus der 1990er Jahre überdrüssig und wollte wieder zurück zum nationalen Interesse. Wenn dieser Condoleezza Rice etwas fremd war, dann idealistischer Größenwahn.

Genau das also, wofür die Regierung Bush berüchtigt werden sollte. Die zweite Condoleezza Rice war eine Konvertitin – durch den 11. September 2001 bekehrt zu einer missionarischen Weltveränderungspolitik. Dies war eine Wende, die im Präsidenten selbst, der seine historische Berufung zu erkennen meinte, ihren Ursprung hatte, und Condoleezza Rice hat sie sich rückhaltlos zu eigen gemacht: Die Lehrerin wurde zur Schülerin, wenn nicht zur Jüngerin ihres Schülers. Auch das war nicht bloß ein persönliches Damaskus-Erlebnis, sondern Zeitgeist: der global spürbare Sog des Imperiums, einer Macht- und Wertehegemonie, die für den Moment überwältigend schien.

Als Sicherheitsberaterin hat Rice den Irakkrieg mit vorbereitet, zum Entsetzen ihres vorsichtigen alten Patrons Scowcroft. Das flammendste Plädoyer für die Demokratisierung des Nahen und Mittleren Osten stammt von ihr, eine Rede im Sommer 2005 in Kairo, in der sie die Autokraten der arabischen Welt zu Reformen aufforderte und eine bemerkenswerte Selbstkritik an der Tyrannen-Hätschelei früherer amerikanischer Außenpolitik übte. Die antitotalitären Kämpfe des 20. Jahrhunderts, die ihr akademisches Brot gewesen waren, sollten sich im 21. wiederholen: Der Irak würde frei wie Deutschland und Japan nach 1945, die Konfrontation mit dem radikalen Islam sei eine Generationenaufgabe wie der Kalte Krieg gegen die Sowjetunion.