Welch ein Tag, dieser 11. August 2007! Glücklich, wer’s erlebte: Die Beatles erstanden und spielten ihr Weißes Album live, auf einer Wiese in Oxfordshire. Was, nichts davon gehört? Vielleicht, weil nicht die Beatles konzertierten, sondern Fairport Convention . Die Ur-Band des Folkrock führte Liege & Lief auf, ihr 1969er Album, das die BBC kürzlich zur besten Folkplatte aller Zeiten kürte. Wahrhaftig, was überträfe dieses bitterschöne Gründungswerk des Genres an Tiefe und Traum. Begonnen hatten Fairport 1967 mit recht anderer Musik. Ihr Debüt lässt hören, dass die jungen Londoner amerikanische Vorbilder ehrten – Phil Ochs, David Ackles, Leonard Cohen. Der Kurs änderte sich mit einer neuen Sängerin: Sandy Denny, der traurigsten Stimme unter der Sonne – falls sie die Sonne kannte.

Zudem kam mit dem Geiger Dave Swarbrick ein purer Folkie an Bord. Who knows where the time goes? Rückwärts, gen Altengland. Die Gegenwart lieh sich historische Gewänder. A Sailor’s Life, kommentiert von Richard Thompsons seelenzersägender E-Gitarre, war eine Lebensbeichte scheiternder Liebe. Trolle, Elfenkönige, sprechende Raben bevölkerten Fairports dunkle Wälder.

Liege & Lief (zu Deutsch etwa: "Schuldigkeit & Treue") entstand aus einem doppelten Schock. The Band hatten 1968 Music From Big Pink veröffentlicht. Fairport, frappiert, wollten dem etwas ebenbürtig Englisches entgegensetzen. Am 14. Mai 1969 verunglückte ihr Van nach einem Konzert in Birmingham. Es starben der Schlagzeuger Martin Lamble und Richard Thompsons Freundin Jeannie Franklyn. Die Arbeit an Liege & Lief war Katharsis und Therapie. Die Gruppe lebte und arbeitete zusammen in einem Landhaus nahe Winchester in Hampshire. Der Bassist Ashley Hutchings, von den Überlebenden am schwersten verletzt, schrieb Dutzende Versionen von Tam Lin und Matty Groves. Nachdem das Album fertig war, traf ihn, verzögert, der Unfallschock. Er ging, wie Sandy Denny. Ein Album später verabschiedete sich auch Richard Thompson. Die Metaphysik schwand, Fairport wurden fröhlich. Zu Verzweiflungssongs wie Crazy Man Michael oder Farewell, Farewell war die boys band nicht mehr imstande.

Sandy Denny starb am 21. April 1978 nach einem Treppensturz. Fairport Convention, vielfach umbesetzt, gibt es vermutlich für immer. Der Gitarrist Simon Nichol träumt von der ewigen Band; ein Fußballklub lebe ja auch von Generation zu Generation, egal, wer spielt. Das umjubelte Liege & Lief -Remake 2007 führten die 69er auf: Richard Thompson, Ashley Hutchings, Simon Nichol, Dave Swarbrick und der Drummer Dave Mattacks. Für Sandy Denny sang Chris While. Die Fairport-Gemeinde feierte sich und ihre Band. So ist es jedes Jahr am zweiten Augustwochenende in Cropredy, ein Stündchen nördlich von London. Drei Generationen zelten, hören erlesenen Folk und bestätigen an einem unendlichen Tresen die Erkenntnis: Fairport Convention did for Real Ale what the Grateful Dead did for LSD.

Fairport Convention: Liege & Lief (A&M Records/Universal)

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