Dieser Tage wächst die Spannung in Parchim. Zahlt er oder zahlt er nicht? Es geht um gewaltige Summen, und es geht um einen ganzen Flughafen. Noch gehört er dem Landkreis Parchim. Aber der Kaufvertrag ist unterzeichnet. Bis zum 15. Dezember muss der Käufer die Summe von 31 Millionen Euro entrichten. Etwa 70 weitere Millionen will er danach investieren. Der Käufer ist ein Chinese. Es gibt ihn wirklich. Es ist kein Traum. Der Mann war schon mal da.

Parchim hingegen, das ist ein Traum – aus Wäldern, Wiesen, Stille. Und mittendrin ein graues Band, schnurgerade, drei Kilometer lang. Die Stille wird nur selten unterbrochen vom Krächzen der Krähen, die ihre Kreise ziehen. Der Flughafen Schwerin-Parchim, auf halber Strecke zwischen Hamburg und Berlin, liegt verlassen in dieser menschenleeren Landschaft.

An einem grauen Tag Ende September landet nach Einbruch der Dunkelheit die erste Maschine seit Wochen auf der verwaisten Asphaltpiste, eine in Ghana registrierte Boeing 747, die in Zentralchina gestartet ist. Ausgeladen werden Spielzeug, Damenschuhe und ein Traktor. Die einzigen Zeugen des historischen Augenblicks sind einige Journalisten und ein Vertreter des Landratsamts. Die Frachtlinie Zhengzou–Parchim ist eröffnet.

Zhengzou ist die Hauptstadt der chinesischen Provinz Henan und hat über sieben Millionen Einwohner. Parchim ist die Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises in Mecklenburg-Vorpommern und zählt knapp 20.000 Seelen.

"Parchim International Airport" verkündet ein neu aufgestelltes Schild am verschlafenen Terminal, und über den lateinischen Buchstaben prangen große chinesische Schriftzeichen. Der Mann, der dem von Arbeitslosigkeit gebeutelten Landstrich eine neue Zukunft verspricht, heißt Yuliang Pang und ist 41 Jahre alt. Als erster Chinese will er einen europäischen Flughafen kaufen – und zwar komplett: Tower, Terminal, Cargogebäude, Pisten und Flughafenbetreibergesellschaft samt angrenzendem Gewerbegebiet.

Nun ist der millionenschwere Geschäftsmann ins arme Parchim gekommen, um sich und sein Projekt vorzustellen. Der Chinese wirkt hölzern, etwas unbeholfen. Umso alerter ist sein Berater, der das Geschäft eingefädelt hat. Klaus Grützmacher, 61 Jahre alt, ist habilitierter Wirtschaftspsychologe. Er hat in Zhengzou eine Honorarprofessur, lebt seit sieben Jahren in China und arbeitet hauptsächlich als Berater deutscher Firmen, die ins China-Geschäft einsteigen wollen, sowie chinesischer Investoren, die es nach Deutschland drängt. Pang, Eigentümer der weltweit agierenden LinkGlobal Logistics, ist zurzeit zweifellos sein wichtigster Kunde.

Mit Hilfe von PowerPoint wirft der Professor und Unternehmer die Zukunft Parchims an die Leinwand. Der Flughafen soll ein Frachtdrehkreuz für den Handel zwischen China, Europa und Afrika werden. Die Bedingungen sind optimal: Als einer von nur vier deutschen Flughäfen kann er aufgrund der dünnen Besiedelung des Umlands rund um die Uhr angeflogen werden. Er liegt nahe der Autobahn, die die beiden größten Städte Deutschlands verbindet. In Reichweite liegen die Seehäfen Wismar und Rostock, die für den Transport der Ware nach Skandinavien und St. Petersburg bedeutsam sind. Auf der drei Kilometer langen Piste können auch die größten Flugzeuge der Welt landen. Mit Lufthansa Cargo sei man schon im Gespräch, um den Weitertransport der angelandeten Güter sicherzustellen, sagt Grützmacher.

Ein Traum: Parchim schlägt Dubai als chinesischer Welthandelsposten

Auch mit der Deutschen Bahn werde verhandelt. Schließlich soll eine Trasse zum Flughafen führen, und "der ICE zwischen Berlin und Hamburg wird in Parchim einen Zwischenstopp einlegen". Das steht für Grützmacher außer Frage. "Eine zusätzliche Reisedauer von vier Minuten kann man den Passagieren schon zumuten."

Auf der Gewerbefläche, die er neben dem Flughafen erworben hat, will Pang Fertigungsunternehmen ansiedeln. Zum Beispiel könnten Autoteile aus China eingeflogen und in Parchim montiert werden. Das fertige Auto wäre dann "made in Germany". "Noch machen sich die Europäer über die Qualität chinesischer Autos lustig", sagt Grützmacher, "aber das Lachen könnte ihnen bald vergehen, denn die Chinesen lernen schnell."

Eine sogenannte bond free zone am Flughafen würde zudem erlauben, dass die importierten Waren zollfrei ins außereuropäische Ausland ausgeführt werden können. Der Traktor, der mit dem ersten Frachtflugzeug angekommen ist, war schließlich für Nigeria bestimmt. "Künftig werden viele Chinesen ihren Afrika-Handel statt über Dubai eben über Parchim abwickeln", schwärmt der Professor, "und auf dem Rückflug werden Blumen aus Uganda und Kenia transportiert."

Die Nationalsozialisten hatten den Flugplatz als Fliegerhorst der Wehrmacht errichtet. Nach der Zerstörung durch amerikanische Bomber im letzten Kriegsmonat bauten ihn die Sowjets wieder auf und kasernierten in Parchim zeitweilig bis zu 16.000 Mann. 1992 verabschiedeten sich die letzten russischen Soldaten. Danach lag der Airport weitgehend brach. Ab und zu diente er Sportfliegern und der Ausbildung von Piloten. Die Bundeswehr benutzte ihn im vergangenen Jahr, um Hilfsgüter nach Afghanistan zu fliegen. Hin und wieder buchten Touristen einen Rundflug über Parchim und Schwerin.

In der Regel aber dämmerte der Flughafen vor sich hin. Nun jedoch wird, wenn die Rechnung von Professor Grützmacher aufgeht, Parchim zu einer wichtigen Drehscheibe des rapide expandierenden China-Handels. Noch wartet der Investor Pang auf die Entscheidung des chinesischen Handelsministeriums, das bei Geschäften dieses Ausmaßes seine Zustimmung geben muss.