Studium, Praktikum, arbeitslos, dann der Neuanfang, die steile Karriere und eine erneute Sackgasse. So sehen moderne Lebensläufe aus. Bereits seit Mitte der achtziger Jahre stehe das traditionelle Erwerbssystem, in dem der männliche Familienernährer bis zur Rente im einmal gewählten Betrieb arbeitet, unter Druck, sagt Hans J. Pongratz vom Institut für sozialwissenschaftliche Information und Forschung in München.

Ein geradliniges Berufsleben als Grundlage einer stabilen beruflichen Identität gibt es kaum noch. Was vergessen wird: Für Frauen, ob teilweise, voll oder nicht berufstätig, galt dies schon immer. Dass zerrissene Lebensläufe heute immer normaler würden, sei für Frauen daher ein Gewinn, folgert die Kulturwissenschaftlerin Alexandra Lübcke. Was Frauen schon immer ausgehalten hätten, die permanente Unsicherheit, schwankende Einkommen und die daraus folgenden finanziellen Abhängigkeiten, würde nun endlich gesellschaftlich wahrgenommen.

Eine Erkenntnis, die hoffen lässt, dass das herkömmliche Alterssicherungssystem überdacht wird. Denn die gesetzliche Rentenversicherung orientiert sich immer noch am sogenannten Eckrentner, der seine Beiträge 45 Jahre lang treu und brav in durchschnittlicher Höhe eingezahlt hat und im Alter auf eine sichere und auskömmliche Rente hoffen darf. In der Realität stirbt aber selbst der männliche Eckrentner langsam aus. Für Frauen war eine solche Absicherung schon immer eine Illusion, auch wenn heute immer mehr wenigstens einen eigenen Rentenanspruch aufbauen. Aber weil sie oft nur vorübergehend oder teilzeitbeschäftigt sind, bekommt die westdeutsche Seniorin im Durchschnitt nur halb so viel wie ein Mann.

Aber auch private Vorsorgeprodukte werden vor allem für traditionelle Biografien und Rollenverteilungen entwickelt. Heide Härtel-Herrmann, Finanzfachfrau aus Köln, beobachtet zum Beispiel immer wieder, wie sich Versicherungsunternehmen auf die "Zielgruppe Frau" einstellen. Erstens werde Personal für die sogenannte Frauenschiene aufgebaut, das sich zumeist aus nebenberuflichen Vertretern zusammensetze. Dann würden spezielle Frauenvorsorgeprodukte entwickelt, deren Grundgedanke darin bestehe, Flexibilität bei der Beitragszahlung in einer möglichen Babypause anzubieten. Darüber hinaus gebe es Angebote zu Neugeborenenoptionen, Partnermitversicherungen, Geburtengeld, Mutterausfallgeld, Waisenkapital und Unfallversicherungen mit Zusatzgeld für kosmetische Operationen. Härtel-Herrmann sagt: "Wir lehnen solche Produkte ab. Frauen wünschen sich Flexibilität bei langfristig angelegten Sparplänen auch dann, wenn keine Kinderpausen anstehen, sondern Weiterbildung, ein Auslandsaufenthalt oder wenn eine Jobkündigung befürchtet wird."

Auf die Vorwürfe haben einige Versicherer inzwischen reagiert und flexible Lebens- und Rentenversicherungen entwickelt, mit viel versprechenden Namen wie "Schatzbrief" oder "Vario Rente". Seit dem Alterseinkünftegesetz zum 1. Januar 2005 sind ihre Erträge zwar nicht mehr steuerfrei, doch dafür bieten sie laut Anbietern mehr Flexibilität. Beim Marktführer Allianz Leben etwa können die Kunden Kapital aus ihrer Versicherung entnehmen, sooft sie wollen. Die Auszahlung muss über 1.000 Euro liegen und ein Rückkaufswert von mindestens 1.000 Euro im Vertrag verbleiben. Dafür verlangt der Versicherer keinen Stornoabzug, sondern nur eine Bearbeitungsgebühr von 15 Euro. So lassen sich Kündigungen wegen finanzieller Engpässe besser vermeiden als früher. Umgekehrt können Kunden, die genügend Geld zur Verfügung haben, jährlich bis zu 20.000 Euro zusätzlich einzahlen und müssen sich, sofern ein Todesfallschutz in den Vertrag eingeschlossen ist, keiner weiteren Gesundheitsprüfung unterziehen. Und bei der Vario Rente der Gothaer Lebensversicherung zahlt der Kunde mindestens 25 Euro Beitrag im Monat und kann darüber hinaus je nach Geldbeutel weitere Einmalbeiträge überweisen.

So innovativ, wie die Anbieter vorgeben, sind diese Möglichkeiten jedoch nicht. Auch vor dem Alterseinkünftegesetz gab es die Möglichkeit, zusätzliche Beiträge bei Ereignissen wie Heirat oder Geburt ohne erneute Gesundheitsprüfung einzuzahlen. Und wer klamm war, konnte eine Beitragsfreistellung oder -stundung beantragen. Es gab Policendarlehen und die Verrechnung der Beiträge mit Zinsüberschüssen. Neu ist vor allem eines: Früher mussten mindestens fünf Jahre lang gleichmäßig Beiträge eingezahlt worden sein, damit die Zinserträge am Ende der Laufzeit steuerfrei waren. Da die Steuerfreiheit der Erträge bei Lebensversicherungen generell gestrichen worden ist, sind jetzt flexible Einzahlungen auch aus steuerlicher Sicht kein Problem mehr.

Wer die neuen Optionen nutzen will, sollte jedoch aufpassen. Die Flexibilität muss oft teuer bezahlt werden. Für Kapital, das vorzeitig entnommen wird, erlischt der Anspruch auf Anteile aus dem Schlussgewinn – die vom Versicherer erwirtschafteten Überschüsse, die nur dann ausgezahlt werden, wenn der Kunde die komplette Laufzeit durchhält. Das aber schaffen viele nicht. Weiteres Ungemach droht von den Finanzbehörden. Für den Fiskus gilt nach wie vor die alte Regel, dass der Versicherungsvertrag mindestens zwölf Jahre lang laufen muss und nicht vor dem 60. Lebensjahr ausgezahlt werden darf. Nur dann gilt seit dem 1. Januar 2005 die Regel, dass bloß die Hälfte der Zinserträge mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert werden muss. Nachträgliche Einmalzahlungen bei Verträgen, die ab 2005 geschlossen wurden, sind problematisch, wenn die Restlaufzeit des Vertrags unter zwölf Jahren liegt – denn sonst bittet das Finanzamt zur Kasse. Das ist besonders für Sparer wichtig, deren Vertrag erst zu Ende geht, nachdem sie ihr 60. Lebensjahr vollendet haben. Wer beispielsweise mit 55 noch eine größere Summe in seine Lebensversicherung einzahlen will, muss mit der Auszahlung bis zum 67. Lebensjahr warten, wenn er die Erträge aus diesem Beitragsteil nicht voll versteuern will.

Die neuen Offerten haben also ihre Schattenseiten. Doch wie könnte ein bedarfsgerechtes Vorsorgekonzept für eine fragmentierte Erwerbsbiografie aussehen? Patentrezepte gibt es nicht. "Bei uns geht es nicht um Standardprodukte, sondern um individuelle Lösungsansätze, die für Frauen, aber auch für Männer interessant sind", sagt Beraterin Härtel-Herrmann. Ihr Motto: Nicht nur einen Abschnitt, sondern das ganze Leben betrachten und neue Wege gehen. Die bestehen beispielsweise darin, für ein älteres Ehepaar nicht einfach die Sofortrente für den Mann mit Witwenrente für die Frau abzuschließen. Laut Härtel-Herrmann brauchen beide Eheleute separate Verträge. Der Grund: Wenn die Ehe bis zum Schluss hält, werden die Renten ohnehin gemeinsam verbraucht. Geht die Beziehung aber in die Brüche, gibt es keinen Ärger.

Unkonventionell ist auch der Vorschlag für ein junges Paar, das sich ein Kind wünscht und die finanziellen Einbußen für die Altersrente aufteilen will. Die Standardlösung wäre eine für Frauen vermeintlich flexible Vorsorge mit Babypausen für die Beitragszahlung, Geburtengeld und Teilauszahlungen. Falsch gedacht, kontert hier die Finanzfachfrau, denn für die erste Auszeit der Frau gibt es einen Erziehungsbonus von der gesetzlichen Rente und Erziehungsgeld vom Staat. Das eigentliche Problem wird die von dem Paar eingeplante mehrjährige Teilzeitarbeit der Frau. Diese Verluste für die Rente wird sie später nicht mehr aufholen können. Um die Nachteile – und den nicht kalkulierbaren Karriereknick – abzufangen, könnte der Mann seinen privaten Sparvertrag stoppen und die Frau ihren verdoppeln. Risiken wie Berufsunfähigkeit oder Tod sollte jeder Partner separat absichern.

Wenig sinnvoll ist nach Ansicht der Experten auch der obligatorische Bausparvertrag für das Neugeborene. Viel wichtiger sei eine gute Absicherung der Eltern. Was nützt der Bausparvertrag, wenn die Kinder später einmal für ihre pflegebedürftigen Eltern einstehen müssen? Erst dann, wenn Mutter und Vater für sich ausreichend vorgesorgt und ihre Risiken abgesichert haben, sollten sie an den Vermögensaufbau für die Kinder denken. Vorausgesetzt, die Familie verfügt über genügend Mittel, um nicht nur in ferner Zukunft, sondern auch in der Gegenwart gesund und zufrieden leben zu können.