Diyarbakir - Wie sieht die "Gefahr für die Einheit der türkischen Republik" eigentlich aus? Nach Meinung türkischer Strafverfolger so: grün-gelb gestreiftes TShirt, rote Strickjacke, weite Jeans, um den Hals ein Silberamulett, dunkle Augen, lange schwarze Locken, Turnschuhe in Grün-Gelb-Rot, den kurdischen Farben. Canan* ist erst 17 Jahre alt, aber der Staatsanwalt fordert 80 Jahre Gefängnis für sie. Einen Molotowcocktail habe sie gebastelt, sagt er, und Propaganda für Terroristen verbreitet. Eine Parteiveranstaltung der legalen Kurdenpartei DTP habe sie besucht und dort an den falschen Stellen applaudiert.

Noch ist Canan frei, und es gehört reichlich Mut dazu, in dieser Lage als wandelnde kurdische Flagge herumzulaufen. "Ich trage die Farben nicht als Fahne, es sind die Farben der Natur", sagt sie. "Und ein bisschen Protest muss sein." Widerspruch hat Canan schon mehrmals ins Gefängnis gebracht. Mit 13 saß sie das erste Mal für sechs Monate in U-Haft wegen Unterstützung einer Terrorgruppe. Im Gefängnisessen waren Insekten und Mäusedreck. Mit Hepatitis A wurde sie wieder entlassen. Die Beweisaufnahme und der Prozess wurden nie abgeschlossen. Von März bis August dieses Jahres kam sie wieder hinter Gitter. Canan ist kein Einzelfall. "Vier meiner Freunde sitzen im Gefängnis." Eine gewaltige Verhaftungs- und Anklagewelle ist im Osten der Türkei angelaufen.

Diyarbakir – das ist die finstere Rückseite der Türkei. Während im Westen des Landes die Glaspaläste der Konzerne in den Himmel wachsen, werfen Terrorismus und Repression den Südosten zu Boden. Im Kurdengebiet stößt sogar die Macht der gewählten Regierung in Ankara an Grenzen, hier bestimmen Ankläger, Gendarmen und Offiziere. Sie nehmen die Überfälle der kurdischen Guerilla- und Terrorgruppe PKK zum Anlass, den alten Kampf gegen alles Kurdische wiederaufzunehmen. Die Offensive der alten Staatseliten schadet der Türkei, die sie zu retten vorgeben. Im Westen haben viele Kurden sich angepasst. Im Südosten stehen achtzig Jahre erzwungene Assimilation vor dem Scheitern. Die Kurden sind heute das größte Volk der Welt ohne eigenen Nationalstaat. Die Moderaten sind an den Rand gedrängt. Je stärker die Repression, desto begehrlicher der Blick türkischer Kurden über die Grenze auf den Nordirak.

Hoch oben auf dem Berg. In einem Dorf nahe der Stadt Mardin sitzt Abdulkadir in seiner Hütte. "Kurdistan ist wie ein Lamm", sagt er, "Ein Lamm braucht einen guten Schäfer, sonst verendet es. Heute geht es Kurdistan sehr schlecht. Vier Länder besitzen es, die Türkei, Iran, Syrien und Irak. Aber niemand pflegt es und lässt ihm die Freiheit auf der Weide. Die Kurden im Nordirak nehmen sich ihre Freiheit." Auch Abdulkadir hat sich seine Freiheit zurückerobert. Vor zwölf Jahren vertrieb ihn die türkische Armee aus seinem Dorf. Die Häuser wurden platt gewalzt, die Schule wurde eingeäschert, der Brunnen zerstört. Er und seine Frau lebten mit den neun Kindern in einem dunklen Zimmer in Diyarbakir. Vor drei Jahren kehrten sie zurück ins Dorf und scheuchten die Wölfe aus den Ruinen. Nun serviert Abdulkadir Tee auf dem bunt gestreiften Teppich, in der Ecke läuft das Satellitenfernsehen, daneben hängt die Flinte an der Wand.

"Ich bin hier geboren, ich werde hier sterben", sagt er unbewegt. Sein Dorf, das sind ein Dutzend unbewohnte Ruinen nebst seinem wiedererrichteten Häuschen, eine Moschee ohne Minarett, der weite Blick von der Bergkuppe über die versteppten Gebirgszüge Ostanatoliens, der Friedhof am Hang, das alte Schulgebäude, der versiegte Brunnen. Abdulkadirs drängendste Sorgen ist nicht die PKK oder eine vage kurdische Staatsidee, sondern das tägliche Überleben: "Wir holen uns Wasser mit einem Esel aus drei Kilometern Entfernung." Im Winter geht nichts mehr. Die Schule ist das ganze Jahr über geschlossen, der Unterricht kommt aus dem Fernseher. Abdulkadir, ein normaler türkischer Bürger kurdischer Herkunft, hat moderate, erfüllbare Wünsche: eine Wasserleitung und einen Lehrer. Bei der Parlamentswahl im Juli hat er deshalb die konservative Reformpartei AKP von Ministerpräsident Tayyip Erdoğan gewählt.

Unten in der Stadt. In der AKP-Zentrale von Diyarbakir sitzt Erdoğans Statthalter vor einem überlebensgroßen Foto des großen Vorsitzenden und trägt einen Schnauzbart nach dessen Ebenbild. Abdurrahim Hattapoglu ist stolz auf den Wahlsieg seiner Partei im Kurdengebiet. Er sieht darin den Lohn für liberalere Minderheiten- und Strafgesetze, für die Zulassung des Kurdischen in den Medien und im Alltag, für verbesserte Sozialleistungen. Der 43 Jahre alte Kurde ist Unternehmensberater, er spricht von Wirtschaft, von Infrastruktur, vom Aufschwung. "Wir wollen unsere Region so stärken, dass Terror für niemanden mehr eine Alternative ist", sagt Hattapoglu. Und benennt damit ungewollt einen wichtigen Grund für die Rückkehr der Gewalt im Südosten des Landes.