Die Aufregung ist groß, man spricht von Fehlkalkulation, Täuschung oder gar von Untreue. Doch der Oberbürgermeister begegnet den Emotionen wie immer: selbstzufrieden und gelassen. Die Düsseldorfer Verwaltung hat jede Menge Fehler gemacht, da sind sich die Beobachter einig. Seit Monaten diskutieren sie an der längsten Theke der Welt, in der Düsseldorfer Altstadt, über die Kostenexplosion bei der Modernisierung der Alten Paketpost. 39 Millionen Euro sollte die Umrüstung zum Multifunktionsbau mit Theater, Fernbusstation, Stadtarchiv und einer Leitstelle für den Ordnungs- und Servicedienst ursprünglich kosten. Nun wird das Vorhaben mindestens 20 Millionen Euro teurer. »Aber die Mehrkosten sind für uns überhaupt kein Problem«, sagt Bürgermeister Joachim Erwin – kein Problem für den strahlenden Chef einer boomenden Stadt.

Das Projekt ist typisch für die seit 1999 dauernde Ägide des Oberbürgermeisters Erwin (CDU): Die Straßen müssen makellos sein, öffentliche Einrichtungen glänzen – Erwin will den Kö-Flaneuren eine Stadt nach ihrem Geschmack bieten, koste es, was es wolle. Im Sommer offenbarte das Rechnungsprüfungsamt die Fehlentwicklungen bei dem Projekt Alte Paketpost, jüngst bemängelte ein Ausschuss des Stadtrats »Defizite in der Vorbereitungsphase«, übereilt habe man sich in das Vorhaben gestürzt. Die Aufsichtsbehörde von Regierungspräsident Jürgen Büssow (SPD) hielt mit Kritik nicht hinterm Berg: Erwin und Kollegen hätten das Projekt ohne gültigen Beschluss durchgezogen, den Rat noch nicht einmal informiert und entgegen ihrer Pflicht die Bezirksregierung über die Kostenentwicklung im Dunklen gelassen. Der Oberbürgermeister ging auf die Kritik nicht ein, konzentrierte sich auf das Ergebnis: Die Bezirksregierung habe keinen Hebel gefunden, um aufsichtsrechtlich gegen ihn vorzugehen. »Ich sehe das mit großer Genugtuung.« Und weil der Vertrag, voreilig unterschrieben oder nicht, nun einmal gilt, gibt es auch kein Zurück mehr bei dem teuren Bauvorhaben. Pacta sunt servanda – Erwin schafft Fakten.

Die SPD? »Ein lächerlicher Haufen Fundamentalverweigerer«

Die demokratische Legitimation öffentlicher Vorhaben, das sagen zumindest die Kritiker, sei nicht das dringendste Anliegen des OB. Als sich im Herbst ein Bürgerbegehren gegen den Verkauf eines städtischen Grundstücks an die Victoria-Versicherung formierte, unterlief Erwin den Protest durch einen Dringlichkeitsbeschluss. Beim Neubau einer Mehrzweckhalle übertrug die Stadt etliche Entscheidungen dem Bauherrn – auch hier wurden einige Millionen mehr gebraucht als geplant. Jüngster Zankapfel ist der sogenannte Kö-Bogen, ein Neubauprojekt im Herzen der Stadt. Die SPD protestiert gegen eine geplante Ausschreibung, weil sie den Kreis der möglichen Investoren zu eng eingrenze. Erwin hält nicht viel von solchen Bedenken, die Sozialdemokraten sind für ihn »ein lächerlicher Haufen Fundamentalverweigerer«. Und er selbst? Er sei entscheidungsfreudig, sagt Erwin. »Ich habe eine Geschwindigkeit drauf, bei der manche nicht mehr mithalten können.«

Seit 1999 gilt in Nordrhein-Westfalen die neue Kommunalverfassung, die das Stadtoberhaupt nach süddeutschem Vorbild zum Verwaltungschef und Stadtratsvorsitzenden zugleich macht. Im Rat erfreut sich Erwin dank der FDP einer zuverlässigen Mehrheit, und nun handelt er so, wie der Gesetzgeber es zumindest zuließ. »Das ist wie bei George W. Bush«, sagt selbst Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Fraktionschefin der Liberalen im Düsseldorfer Rat. »Erst als er Präsident wurde, hat man gesehen, wie viel Macht er in seinem Amt ausüben kann.« Erwins Herrschaft beruhe auf Angst und Obrigkeitshörigkeit, klagt Günter Karen-Jungen, der die Fraktion der Grünen in der Landeshauptstadt anführt. »Er schüchtert ein, diffamiert, vergrault und beleidigt.«

Wie das geht, hat Erwin erst kürzlich nach einer Niederlage im Rat demonstriert. Bei der Wahl des neuen Umweltdezernenten siegte eine Frau aus dem grünen Lager, Erwins Mann ging leer aus. Als der OB der missliebigen Dezernentin das Wort erteilen musste, sagte er: »Und jetzt Frau – wie war der Name doch gleich?« Noch heute bezeichnet Erwin seine Untergebene oft nur als »diese Dame«.