Für Annett ist heute der Tag der Wahrheit. »Mein Mann hat mit anderen Frauen geschlafen«, sagt sie. »Ich glaube, er ist HIV-positiv.« Die 31-Jährige sitzt im Wartesaal des Gesundheitszentrums Rushooka im Süden Ugandas und will wissen, ob auch sie das Virus in sich trägt. Aus dem 30 Kilometer entfernten Kabale ist ein Aids-Team zur Station des Ordens der Töchter der göttlichen Liebe gekommen und bietet Informationen und einen Test an. Sollte am Ende des Tages ein positives Ergebnis vorliegen, würde Annetts Leben auf den Kopf gestellt. Sie müsste mehrmals täglich Tabletten schlucken, einmal im Monat Pillennachschub in der weit entfernten Klinik abholen. Ihr Mann – erführe er, dass sie sich hat untersuchen lassen – würde toben. Wer sich testen lässt, gilt schnell als untreu. Annett nimmt das alles in Kauf. Sie möchte unbedingt erfahren, ob sie sich angesteckt hat und mit ihr vielleicht eines der Kinder. »Das Fünfte hat so viele Probleme«, sagt sie.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass auch abseits der Städte die Ugander über HIV und Aids informiert sind. 1987 hatte der noch heute regierende Präsident Yoweri Museveni als eines der ersten afrikanischen Staatsoberhäupter das Problem Aids offen angesprochen. Weil keine Therapie und kein Geld für Kondomkampagnen zur Verfügung standen, hielt er seine Männer zur Treue an. »Zero-grazing« nannte er das in Anspielung auf Rinder, die, bitte schön, nur auf der eigenen Wiese »grasen« sollen. Die landwirtschaftliche Metapher wurde von der überwiegend ländlichen Bevölkerung verstanden. Der Anteil der HIV-Infizierten an der Bevölkerung sank von 15 Prozent im Jahr 1992 auf 5 Prozent zehn Jahre später. Das afrikanische Aids-Wunder war geboren.

Mittlerweile fließt so viel Geld wie noch nie für den Kampf gegen Aids nach Afrika. Das jährliche Spendenaufkommen hat sich seit 2001 auf rund 10 Milliarden Dollar verfünffacht – Uganda ist einer der Hauptempfänger. Aber ist der Kampf gegen Aids mit Geld und Medikamenten zu gewinnen?

In Uganda sind mit den Hilfsgeldern lokale Aids-Zentren entstanden. Deren Mitarbeiter klären auf, verteilen Medikamente, betreuen Kranke. Im Gesundheitszentrum Rushooka beginnt Berater John seinen Vortrag. Wie ein Conferencier reißt er die Arme hoch. Er spricht über die Notwendigkeit, die Pillen regelmäßig einzunehmen, und darüber, dass es trotz Test wichtig bleibe, sich zu schützen. Sechsmal fällt der Schlüsselbegriff, der mit »A« beginnt, das englische Wort für Enthaltsamkeit vor der Ehe (»abstinence«). Viermal fordert John zur Treue auf (»be faithful«), und fünfmal erwähnt er Kondome (»condoms«). »ABC«, das ist das neue christliche ugandische Aids-Mantra, seitdem vor vier Jahren George W. Bush den 15 Milliarden Dollar schweren President’s Emergency Plan for Aids Relief für die Welt auslobte.

Das C im Mantra hören vor allem die Männer ungern. Im Wartesaal von Rushooka erzählt die 19-jährige Modias: »Ich wurde zum Sex ohne Kondom gezwungen. Der Mann war verheiratet und hatte Kinder. Es war das erste Mal; ich bin gleich schwanger geworden.« Modias hat abgetrieben. »Die Männer sind so schlecht, dass ich nie wieder mit einem zusammensein will«, sagt sie. Aber fest steht ihr Vorsatz nicht. Wie fast alle Ugander kann sie sich ein Leben ohne Familie nicht vorstellen. Im Durchschnitt bekommt jede Frau in Uganda 6,7 Kinder. Besonders die Männer drängen auf zahlreichen Nachwuchs – da wundert es nicht, dass sie es darauf ankommen lassen. »Viele sprechen über Abstinenz«, sagt Modias, »aber die meisten halten sich nicht daran.« Die Konsequenzen sind auch im Gesundheitszentrum der Töchter der göttlichen Liebe spürbar. »Was meinen Sie, wie viele Syphilis-Fälle wir hier sehen«, sagt die brasilianische Schwester. »Alle behaupten, sie hätten das seit ihrer Geburt.«

80 Frauen sind gekommen, nur 10 Männer. Versammlungen wie in Rushooka gelten als Frauensache. Eine maßgeschneiderte Aids-Kampagne für die Männer gibt es in Uganda nicht. Nur selten verirrt sich ein Aids-Team in die Bars und zu den Fußballspielen. Und als die HIV-Tests eingeführt wurden, galten sie nur schwangeren Frauen bei den Vorsorgeuntersuchungen – die Männer blieben außen vor.

Rund 20 Kilometer westlich, in den Hügeln um Kabale, schiebt Cleveri Inryasishkayo sein Fahrradtaxi durchs bergige Gelände. Soviel er wisse, sagt Inryasishkayo, werde die Krankheit durch ungeschützten Sex übertragen, die Kranken verlören Gewicht und husteten viel. »Das bringen Leute aus anderen Dörfern zu uns«, sagt er, »das sind welche, denen man die Krankheit nicht ansieht oder reiche Männer aus Kabale.« Damit erschöpft sich sein Wissen. Von einem Testtag wie in Rushooka will er noch nie gehört haben. Das halb gare Wissen auf dem Land schürt das Stigma. Aus Angst vor Ansteckung würden viele Menschen einem Aids-Kranken noch nicht mal ein Glas Wasser anbieten. Und Männer, die ahnen, dass sie infiziert sind, reagieren mit der Haltung eines Kamikaze. »Die wollen möglichst viele Frauen anstecken, damit sie nicht allein sterben«, sagt Inryasishkayo. Dieser Satz fällt häufig, in der Gegend von Kabale.

Es ist Sonntag. 80 Kilometer westlich von Kabale, in Kisoro, säumen Kirchgänger die Straßenränder auf dem Weg von oder zu einer von drei Messen an diesem Tag. Nach der zweiten Messe hat sich Vallence Kwirina in einer Kneipe mit nur zwei Bänken zu einer Schale Marwa, einem Bier, niedergelassen. Ja, sagt er, die Kirchen hätten Einfluss hier, und die Pastoren und Priester predigten schon immer Treue und Enthaltsamkeit vor der Ehe. »Aber daran halten sich nur wenige«, sagt der katholische Lehrer. Vielleicht fünf Prozent der Leute lebten enthaltsam, vielleicht zehn Prozent seien treu, und nur die wenigsten benutzten Kondome. Wer sich eines organisiere, mache sich verdächtig. »Wenn du mich liebst, dann machst du es ohne«, sei der Standardspruch der Männer hier.

Vallence Kwirina schlürft an seinem schal gewordenen Bier herum und hadert mit dem Dilemma, in dem jeder Aufklärer hier steckt: Wer versuche, über Aids zu reden, stehe im Verdacht, entweder selbst infiziert zu sein oder den Leuten nur das Geld aus der Tasche ziehen zu wollen. Die Prioritäten der armen Landbewohner seien ohnehin häufig andere als die des Gesundheitsministeriums in Kampala oder in den fernen USA. Wer nichts vom Leben zu erwarten hat, für den ist Aids nicht die größte Bedrohung.

Vor 20 Jahren gab es noch eine hausgemachte Aufklärungskampagne: Radiospots, Plakate, Kundgebungen. In der Zwischenzeit ist viel Geld für den Kampf gegen Aids ins Land geflossen, die Aids-Agenda des Landes wird unterdessen vor allem aus Washington gesteuert. Heute fahren ausländisch finanzierte Pick-ups der Aufklärungsteams die leicht erreichbaren Gesundheitszentren an. Die gut ausgestattete Station der Töchter der göttlichen Liebe zum Beispiel liegt nur wenige Hundert Meter von der Hauptstraße entfernt. 90 Prozent der ugandischen Bevölkerung aber leben abseits der größeren Städte. Außenposten wie jener von Rwamazyru, das sich westlich von Kabale an einen Steilhang schmiegt, sind nur schwer erreichbar.

Über einen schmalen Pfad gelangt man dorthin. Ausnahmsweise ist ein Arzt anwesend und hält Sprechstunde. »Wir haben hier noch nicht mal ein Mikroskop für Malaria-Fälle«, sagt Dr. Nelson. »Aids-Medikamente führen wir gar nicht.« Die Menschen in dieser Gegend seien nicht gut informiert über Aids. »Die Männer schlafen mit vielen Frauen, das ist hier eben kulturell so«, sagt der Arzt, besonders wenn Alkohol im Spiel sei, gingen die Männer gern »essen«. Er lacht: »Die Kerle praktizieren BBC, Body-to-Body-Contact, statt ABC.« Und um eine entsprechende Bestätigung zu erhalten, muss man nicht lange suchen. Auf der lehmigen Straße antwortet ein groß gewachsener 20-Jähriger auf die Frage, mit wie vielen Frauen er in den letzten zwei Monaten geschlafen habe: »Mit sechs.« Und auf Nachfrage: »Kondome habe ich nur bei denen benutzt, die krank aussahen.«

In den entlegenen Gebieten hilft dem Virus noch immer die Unwissenheit, um sich auszubreiten. Einen ganz anderen Helfer hat das Virus in den Städten. Die Klientel dort hat aus drei Jahren Erfahrung mit frei verfügbaren Medikamenten gefährliche Schlüsse gezogen: Es kursiert die Annahme, Medikamente könnten Aids heilen. Diese Erfahrung macht Larry Pepper täglich in Mbarara, 130 Kilometer östlich von Kabale. Der ehemalige Nasa-Chirurg aus Texas sitzt in einem fast leeren, weiß getünchten Büro. Auf seinem makellos weißen Kittel sind unter seinem Namen die Ziffern für eine Bibelstelle eingestickt. »Die Verfügbarkeit der Aids-Medikamente hat zu dem Anstieg der Infektionsraten geführt«, sagt Pepper, der seit 1996 Aids-Patienten am Mbarara-Lehrkrankenhaus behandelt. »Viele Jugendliche denken: ›Wenn ich mich infiziere, dann werde ich doch behandelt.‹ Und so ist es ja auch.« Manchmal denke er auch, dass »vor allem die Jugendlichen müde geworden sind, immer die gleichen Aufklärungsposter zu sehen«.