Ja, so war das einmal. Die Welt war jung, die Menschen waren jung und schön, auch schön angezogen, auch schön frisiert. Nie musste irgendjemand arbeiten. Höchstens als Schauspieler. Das war ein schönes Leben, aber auch langweilig. Judith Hermann hat über die Langeweile der schönen jungen Menschen, die nie arbeiten, nie die Welt retten, nie Verantwortung übernehmen oder Kinder erziehen müssen, zwei Erzählungsbände geschrieben, in denen die Langeweile sehr schön zum Ausdruck kommt. Sie findet für den Ennui der Boheme malerische Kulissen, die dem melancholischen und vagen Lebensgefühl entsprechen. Und weil es den Menschen in diesen Erzählungen an so ziemlich allem, nur märchenhafterweise nie an Geld fehlt, übersetzen sie ihre Rastlosigkeit und ihren Weltschmerz in die Sprache des gehobenen internationalen Jetsets. Sie reisen nach Paris und nach Venedig, nach Norwegen und nach Island, sie durchqueren im Mietwagen Amerika und räkeln sich in Jamaika auf den Rohrsesseln eines gepflegten Anwesens.

Das alles ist ein bisschen traurig und unverbindlich, aber auch irgendwie aufregend, eine Übergangszeit in jeder Hinsicht. Die Kindheit ist vorbei, richtig erwachsen ist man aber noch nicht, man wartet und weiß nicht, worauf. Etwas Neues muss kommen, aber statt mit dem Kopf durch die Wand zu stoßen, zündet man sich eine Zigarette an. Zündet man sich ziemlich viele Zigaretten an. Draußen tobt die Welt, fallen Mauern, sterben Imperien. Hier ist es still, hier ist immerzu blue mood und Fin de Siècle, eine gefällige Leere, die nie aus der Form fällt und den ästhetischen Comment verlässt.

Die Erzählungsbände Sommerhaus, später und Nichts als Gespenster gehörten zu den erfolgreichsten Titeln der jungen Berliner Republik. Die Frage, ob sich ein Lebensgefühl verfilmen lässt, auch dann noch, wenn sein Haltbarkeitsdatum schon überschritten ist, lässt sich mit dem Film von Martin Gypkens nun beantworten. Es lässt sich hervorragend verfilmen. Es lässt sich vielleicht sogar desto besser verfilmen, je unhaltbarer dieses Lebensgefühl ist. Der Film, der eine Erzählung aus Sommerhaus, später und drei Erzählungen aus Nichts als Gespenster in immer wieder unterbrochenen Episoden zu einer einzigen großen Erzählung über das Paarungsverhalten der Dreißigjährigen in der gehobenen Wohlfühlgesellschaft zusammenfasst, ist ein anmutiges, dem Auge schmeichelndes Bilderbuch aus dem Leben einer ganzen Generation. Zu sehen sind: wunderbare Schauspieler (Fritzi Haberlandt, Maria Simon, Brigitte Hobmeier, Stipe Erceg), wunderbare Landschaften (Strände in Jamaica, die Wüste von Nevada, Schneefelder in Island), dazu gibt es tiefe Blicke, schöne Menschen, schöne Gefühle, schöne Musik. Viel geredet wird hier nicht. Wir sind noch im Vorhandyzeitalter. Die wie aufgezogen pausenlos vor sich hin quatschende Jugend eines René Pollesch drückt wahrscheinlich noch die Schulbank. Bis die so weit ist, wirft man sich noch einen herrlichen Kinoabend lang die abgerissenen, bedeutsamen, altehrwürdigen Schauspielhaussätze wie goldene Pingpongbälle zu, die jeder spielend auffangen und zurück in die laue Abendluft werfen kann.

"Bist du die, für die ich dich halte?" ist so ein Satz. "Hier gelingt es mir, an nichts mehr zu denken" ist ein anderer aus diesem Schatzkästlein der leeren Sehnsüchte. Am liebsten spricht man über das, was man nicht hat. Über das Echte, "einen starken Mann und ein Kind". Man wartet auf Godot oder auf den Hurrikan, darauf, dass morgen der Zug nach Berlin oder das Flugzeug nach Jamaica geht. Man spricht über einsame Schafe auf verschneiten Straßen oder über kleine Turnschuhe, die man seinen Kindern kaufen könnte, wenn man Kinder hätte. Es ist Tschechow-Stimmung. "Nach Moskau, nach Moskau", scheinen alle zu rufen. Doch anders als bei Tschechow folgt auf das Rufen das Reisen.

Für dieses leere Warten und ziellose Sehnen der Jugend hat Gypkens die richtigen Bilder gefunden, fahrende Züge, das Auto in der Wüste, die endlose Schneelandschaft, die sich in Venedigs Gassen verirrende (und ein wenig aus dem jugendstilhaften Engel-Genre der jungen Darstellerriege herausfallende) Fritzi Haberlandt. Die Puppenhaftigkeit und das In-Schönheit-Sterben der holden Weiblichkeit hat er liebevoll in Szene gesetzt und die jungen Damen an ihren Teetischen und in ihren Sommerstühlen in glänzender Tristesse zur Geltung gebracht.

Man sieht das mit Sympathie und nostalgischer Zuneigung. Manchmal auch ein wenig aufs Angenehmste gelangweilt. Und doch nicht ohne die klammheimliche Freude darüber, das diese schönen, traurigen Zeiten nun schon wieder vorbei sind.