Der Schnee ist früh dran. Gestern waren einige Bergspitzen am Tresfjord weiß. Über Nacht kroch das Eis die Hänge hinab. Windböen treiben die Kälte runter bis zum Wasser. Knatternd stößt der Motor das kleine blaue Boot über das Wasser im Fjord. Vorne auf der Ladefläche steht Pelle. Er trägt einen dicken gelb-schwarzen Schutzoverall, der ihm das Leben retten kann, sollte er über Bord gehen. Jedes Mal, wenn das Boot an eine Welle klatscht, springt die Gischt hoch und macht Pelle nasser, als er schon ist. Noch eine gute Viertelstunde, dann sind wir draußen bei den Fischen. Pelle kneift die Augen zusammen, deutet mit dem Kopf über den Bug. Gut zweihundert Meter voraus steht eine dunkelgraue Schlechtwetterwand auf dem Wasser. Der Regen, von dem man nicht weiß, ob er noch von oben oder schon von vorn kommt, vermischt sich mit Hagel. Wind und Schiffsdiesel lärmen, knapp versteht man, was Pelle sagt: "Die Natur ist eben kein Disneyland!"

In der norwegischen Fischindustrie zu arbeiten ist ein Kampf mit den Elementen. Ganz oben im Land, nördlich des Polarkreises, sind die Bedingungen zwar noch härter. Aber selbst hier am Tresfjord, nahe der Stadt Molde im Südwesten Norwegens, kann es ungemütlich werden. Wenn die Natur schlechte Laune hat, war es schon immer anstrengend, ihr etwas abzuringen. Besonders, wenn sich das Etwas unter Wasser befindet.

Fisch. Die Welt isst 17 Kilo pro Kopf und Jahr, aber das ist nur Statistik. Fischkonsum war immer auch eine Frage von Armut und Reichtum, von Kultur und Geografie. In Staaten mit Küstenlinien finden sich naturgemäß mehr Fischer als in abgeschiedenen Gebirgsregionen. Isländer und Japaner verspeisen ein Vielfaches des Durchschnitts. In zahlreichen asiatischen Schwellen- und Entwicklungsländern stellen Fische die bedeutendste Proteinquelle dar. Zwar sind, von der Menge her, die Fleischlieferanten Schwein, Rind, Geflügel wichtiger – ebenso das Getreide. Mit der wachsenden Weltbevölkerung aber steigt der irdische Gesamtappetit und damit auch die Nachfrage nach Nahrung aus dem Wasser. Jedes Jahr werden 142 Millionen Tonnen Fisch gefangen, so viel wie nie zuvor.

Um den Hunger zu stillen, hat der Mensch sich Tiere untertan gemacht. Fabriken produzieren tierische Nahrung. Fast jedes essbare Lebewesen wurde auf die Bedürfnisse der industriellen Fleischproduktion abgestimmt. Es gibt Anlagen, in denen Rinder in Stockwerken übereinander gehalten werden. Schweine, früher erst nach drei Jahren schlachtreif, kommen heute nach sechs Monaten unters Messer. Beim Geflügel dauert es bloß noch 38 Tage, bis ein frisch geschlüpftes Küken am Grillspieß endet. Computer überwachen die Zucht, steuern Licht, Temperatur und die Futterabgabe. Ohne detaillierte Handbücher lassen sich die hochgezüchteten Rassen praktisch nicht mästen.

Briten und Isländer lieferten sich erbitterte Kämpfe um üppige Schwärme

Fische hingegen sind die einzigen Tiere, die bis heute überwiegend wild gejagt und gefangen werden. Draußen auf offener See. Aber nicht mehr lange.

Das Boot wird langsamer, der Motor leiser. Auch der Regen lässt nach. In einer ruhigen Ecke des Fjords, umgeben von Felsen und wenigen Häusern, liegt die Zukunft der Proteinproduktion: schwarze Plastikrohre, zusammengesteckt zu mächtigen, schwimmenden Ringen. Ein halbes Dutzend davon liegt im Wasser. Jeder mit einem Durchmesser so groß, dass bequem ein Einfamilienhaus hineinpasste. Eineinhalb Meter Netz überragen, einem Zaun gleich, die Ringe. Dreißig Meter Netz sind es nach unten.