Das Schaf holt aus, lässt ein Schwert durch die Luft sausen, trifft den Schäfer gezielt am Hals. Dessen Kopf kullert in das bereitstehende Fass. Peter Frieß dreht weiter an der kleinen Kurbel – schon sitzt der Kopf wieder auf dem Körper, und das Schaf kann erneut zuschlagen. Der Direktor des Tech Museum of Innovation im kalifornischen San José ist begeistert vom Zusammenspiel der Hebel, Zahnräder und Gelenke in dem kleinen Automaten. Demnächst wird Frieß eine Sonderausstellung mit einhundert mechanischen Wunderwerken dieser Art eröffnen.

Darunter wird auch der Nachbau des nur in Zeichnungen überlieferten Geräts sein, mit dem Michelangelo und Leonardo da Vinci die Entwürfe ihrer Gemälde perspektivgerecht in Kirchenkuppeln übertrugen. "Die Besucher sollen damit spielen und erkennen, dass dieselben einfachen Algorithmen, die in den mechanischen Apparaten verwendet wurden, auch in modernen Grafikprogrammen wie Photoshop oder InDesign stecken", sagt Frieß. "So schlagen wir die Brücke von der Renaissance in die Gegenwart des Silicon Valley." Die Firmenzentrale von Adobe, dem Urheber der genannten Programme, ist nur einen Steinwurf vom Museum entfernt. Google, Apple, eBay oder HP finden sich im Umkreis von 20 Meilen.

Dass hier die Computerindustrie ihren Anfang nahm und bis heute ihr Zentrum hat, ist im Science Center von San José, der größten Stadt des Silicon Valley, bisher nicht zu spüren. Es zeigt, was alle Museen dieser Machart zeigen: Weltraumfahrt, Gentechnik, Erfinder und Entdecker dieser Welt. Die Innovationsfabriken vor der Haustür kommen nicht vor. Als das Tech Museum 1990 gegründet wurde, war das Konzept noch neu, Technik anhand von Mitmachexperimenten zu vermitteln. Damals kamen über 800.000 Besucher im Jahr. Inzwischen gibt es weltweit eintausend Science Center, ein rundes Dutzend auch in Deutschland. Doch während das Konzept hierzulande noch auf wachsendes Interesse stößt, mussten in den USA die ersten Museen schon wieder schließen. In San José ist die Besucherzahl auf weniger als die Hälfte gesunken. Seit eineinhalb Jahren versucht Frieß, den Trend umzukehren.

Es ist kein Zufall, dass er dafür auf die Technikgeschichte des alten Europa zurückgreift. Als gelernter Uhrmachermeister hat der 48-jährige Münchner einen Hang zur Feinmechanik. Das hat sich inzwischen herumgesprochen. Wenn er abends zu Geschäftspartnern oder Bekannten eingeladen wird, kommt er eine halbe Stunde früher und zerlegt mit den Kindern der Gastgeber eine Wanduhr. "Die haben einen Heidenspaß daran, die Uhr anschließend wieder zusammenzubauen, gehen mit einem Erfolgserlebnis ins Bett und lassen uns Erwachsene den Rest des Abends in Ruhe."

Einen Abend hat Frieß mit Steve Wozniak verbracht, einem der beiden Apple-Gründer. "Der klagte darüber, dass Kinder Computer heute nicht mehr programmieren, sondern nur noch nutzen." Wie schade, dachte sich der Museumsdirektor, der in seiner knappen Freizeit zum Vergnügen programmiert. Er versichert: "Das ist für mich wie Yoga." Auch in jedem Uhrwerk sieht er ein kleines Computerprogramm: "Da gibt es Schleifen, Sprungbefehle, Input und Output." Damit auch seine Museumsbesucher den kleinen Schritt von der Mechanik zur Elektronik nachvollziehen können, hat er den Apple-Gründer überredet, Rechner für ein hochmodernes Computerlabor zu stiften.

Ohne private Geldgeber geht im Tech Museum gar nichts. Neun der zehn Millionen Dollar Jahresetat überweisen Sponsoren. Sie zu finden und zu begeistern ist Frieß’ Hauptaufgabe. "Wir sind die größte Kultureinrichtung in San José", sagt er stolz, "und die einzige, die in diesem Jahr nicht beim Bürgermeister um Geld gebettelt hat."

Den laufenden Betrieb finanzieren Privatleute aber ungern. Deshalb hat Frieß die Hälfte der Museumsangestellten entlassen und dafür 400 Freiwillige angeworben – Studenten, Pensionäre und Hobbyforscher. Die Stanford University schickt angehende Naturwissenschaftler ins Museum, damit sie lernen, ihre Arbeit allgemeinverständlich zu erklären. "Viele Schüler treffen dabei zum ersten Mal einen Wissenschaftler und merken, dass das keine Zombies, sondern ganz normale Menschen sind", sagt der Molekularbiologe Barry Starr, der das Studentenprogramm leitet.