Das ist ein Spitzentrick für Angeber: "Wenn’s so eisig ist wie heut’, und ihr Zuschauer habt, dann fahrt’s am Rand der Piste! Da ist’s auch nachmittags noch griffig, ihr kommt’s super runter, und die Zuschauer denken: ›Ja Wahnsinn, kann der fahr’n, bei dem Eis.‹" Wir zwanzig Skischüler hängen an den Lippen unseres Lehrers, nicken beflissen und schauen betreten. Denken, dass es am Rand der Piste auch noch recht eisig ist, jedenfalls zu eisig für die Chance, "super" runterzukommen. So super wie er zum Beispiel. Wenn er fährt, klappt sowieso jedem die Kinnlade runter, egal, ob Eis, Piste oder Tiefschnee. Denn unser Skilehrer ist eine lebende Legende. Marc Girardelli, 44 Jahre alt, erfolgreichster Skirennläufer aller Zeiten. 46 Weltcup-Siege, fünf Gesamtweltcup-Siege, vier Weltmeistertitel – mehr als er hat keiner gewonnen.

Zehn Jahre ist es her, dass Marc Girardelli seine Karriere wegen ständiger Knieprobleme beendet hat. Aber das, was er am besten kann, ist immer noch das Skifahren. Und deshalb verdient er nach wie vor sein Geld damit. Man kann Marc Girardelli buchen. Für ein Wochenende oder länger.Schwerreiche Industrielle tun das, in St. Moritz, Ischgl oder den Rocky Mountains. Sie suchen Glamour, Exklusivität, den Star zum Anfassen. Wer nicht so viel Geld ausgeben will, kann ins Salzburger Land fahren, in den Club Aldiana Hochkönig. Dort findet seit 2001 in der zweiten Januarwoche die "Girardelli-Skiwoche" statt.

Fünf Tage lang wohnt der Star wie all die anderen Gäste in der fröhlich-bunten Clubanlage in Mühlbach, nimmt zum Frühstück Spiegeleier vom Buffet, trinkt abends den Tischwein (lieber weiß als rot), sitzt nach dem Essen an der Bar und sieht mit allen anderen die Aldiana-Shows, die mehr oder weniger begabte Animateure jeden Abend auf die Bühne bringen.

Und tagsüber gibt er denen, die ihn gebucht haben, Skiunterricht. Natürlich nicht im klassischen Sinne wie ein einheimischer Toni oder Sepp, mit Hinterherfahren und in der Spur bleiben, auf einem Ski fahren, lange Bögen ziehen. Nein, Marc Girardelli ist mehr ein Teamleiter. Er beobachtet, wie wir fahren, fotografiert, lobt, kritisiert und gibt Tipps. Er sagt Conny aus Regensburg, sie solle weiter vorne am Ski und aufrechter stehen, und Ulrich aus Nürnberg, dass er die Beine zu eng zusammenhält, "so fährt man heute nicht mehr".

Jeden Tag, das hat er angekündigt, wird er ein bisschen schneller fahren, damit auch wir schneller werden. Er setzt auf den Ehrgeiz jedes Einzelnen: "Ich will euch motivieren, über eure Grenzen zu gehen", sagt er. "Bei jedem von euch ist noch Potenzial! Fahrt aggressiver, probiert eine neue Technik aus, bleibt nicht in der alten, bequemen Haltung. Nur so lernt ihr was!" Und manchmal fährt er dann doch vor. Niemals der ganzen Gruppe, aber einem nach dem anderen. Das ist der ganz große Luxus. Erstens, weil man nicht jeden Tag die Gelegenheit hat, minutenlang einem Weltstar auf den Hintern starren zu dürfen, ja, zu müssen. Vor allem aber, weil man extrem viel lernt, wenn man Marc Girardelli hinterherfährt.

Mir zum Beispiel hat er gesagt, ich würde "nur so rumrutschen". Wie bitte? "Du könntest deine Kanten mal benutzen." Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich das tue. Und vor allem hatte ich gedacht, dass ich in einem Skikurs nicht mehr viel lernen könnte. Schließlich stand ich schon auf Skiern, bevor ich richtig laufen konnte. Als Studentin war ich sogar selbst Skilehrerin, und jetzt fragt mich Marc Girardelli tatsächlich, wofür mein Ski wohl Kanten habe… Kurz erwäge ich, beleidigt zu sein.