Als der Minister zum Volk kommt, ist das Volk gerade nicht da. Gruiten-Dorf, eine halbe Autostunde östlich von Düsseldorf: 300 Menschen leben hier, aber um diese Uhrzeit sind fast alle fort, arbeiten. Die Wagenkolonne aus Berlin hat vor der Gaststätte Zum Schwan gehalten. Hier gibt es Blutwurst mit Brot und immer freitags frische Frikadellen. Jetzt ist es Dienstag, kurz vor zwölf, und Peer Steinbrücks nächste Aufgabe lautet: Spaziergang durch ein menschenleeres Dorf.

Der Finanzminister lässt sich vom Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins führen. Es geht über gepflasterte Wege, vorbei an denkmalgeschützten Häusern. Steinbrück stellt Fragen. Wann ist dieses Haus gebaut worden? Wann das dort drüben? Was hat seine Renovierung gekostet? Seit wann steht es unter Denkmalschutz? Es sind Sachfragen. Kein einziges Mal fragt er, wie die Leute in dieser Modelleisenbahnlandschaft denn so leben. Das wäre ihm viel zu gefühlig. Gefühlige Fragen kann er nicht.

Er ist an diesem Tag auf Tour durch seinen neuen Wahlkreis, auf "Entdeckungsreise", wie er selbst sagt. Zum Wahlkreis gehören die Städte Mettmann, Haan und Hilden, sie liegen rechts und links der Autobahn A3 und damit günstig für ihn, wenn er vom Flughafen Düsseldorf nach Hause nach Bad Godesberg fährt. Hier, im Wahlkreis 105, will Steinbrück in zwei Jahren das Direktmandat für den Bundestag holen. Hier will er sich selbst beweisen, dass er mehr ist, als nur ein Zahlenmensch.

Peer Steinbrück, 60 Jahre, seit zwei Jahren Bundesfinanzminister, davor Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, davor Minister in zwei Bundesländern, davor Staatssekretär, davor Verwaltungsbeamter: Er ist lange dabei. Und dennoch ist seine Politikerwerdung kurz vor dem Ziel stecken geblieben, im Frühjahr 2005 war das, in Nordrhein-Westfalen. Ein guter Politiker muss nicht nur glaubwürdig für eine Sache eintreten. Er muss auch Verbündete gewinnen und Mehrheiten organisieren können. Und: Er muss Wahlen gewinnen. Die erste Wahl, der sich Peer Steinbrück stellte, verlor er.

Der abgewählte Ministerpräsident kandidierte danach nicht für den Bundestag, er schaffte es auch so auf die Regierungsbank. Was ihm aber bis heute fehlt, ist dieses eine Erlebnis, der besondere Moment, den es nur für Politiker gibt: Wahltag, 18 Uhr, und man selbst hat gewonnen. Nicht die Partei, auch nicht die Koalition – man selbst wurde gewählt. Genau für diesen Erfolg wird Steinbrück in den kommenden zwei Jahren kämpfen.

Ob er ein erfolgreicher Finanzminister ist, darüber diskutiert in dieser Woche der Bundestag. Am Freitag wird der Bundeshaushalt 2008 verabschiedet, es ist so etwas wie das Arbeitszeugnis für Steinbrück. Geht es nach ihm selbst, erhält er nur Bestnoten. Die Nettokreditaufnahme sinkt auf 11,9 Milliarden Euro und damit stärker als ursprünglich geplant. Von 2011 an soll der Bund sogar ganz ohne neue Schulden auskommen. Er ist der "Superminister" (Stuttgarter Zeitung), wahlweise auch "der große Steuermann" (Süddeutsche Zeitung) .