Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln, sagt der Volksmund und meint damit im Umkehrschluss: Klugheit wird in unserer Gesellschaft nicht honoriert, jedenfalls nicht in barer Münze.

Aber das stimmt so nicht mehr – mit einer gewissen Art von Klugheit und ein bisschen Übung kann man heute kräftig Geld verdienen. Und zwar mit einem Spiel, das in Deutschland immer noch als Glücksspiel gilt und deshalb außer in lizenzierten Spielbanken nicht kommerziell betrieben werden darf: Poker.

Das Kartenspiel wird längst nicht mehr nur von zwielichtigen Gestalten in verrauchten Hinterzimmern gespielt. Sondern im Internet, auf Servern, die in Steuerparadiesen stehen. Da kann sich auch der deutsche Spieler einloggen und ein kräftiges Zubrot verdienen.

Zum Beispiel Patrik Neckelmann, 23. Vor drei Jahren war es dem Hamburger Abendblatt eine Meldung wert, dass der Sohn der Stadt einen Mathematik-Studienplatz an der englischen Eliteuniversität Oxford ergattert hatte. Neckelmann, der inzwischen im Masterstudium ist, hörte 2005 von Freunden, dass man beim Pokern eben nicht nur dem Schicksal der Karten ausgeliefert ist, sondern durchaus stetige Gewinne machen kann. "Nach drei, vier Monaten Übung habe ich mit Pokern mehr verdient als mit Kellnern", erzählt der Student. Ein angenehmer Nebenjob, der durchaus 50 bis 100 Euro pro Stunde einbringen kann.

Oder Jan Gustafsson, 28, ebenfalls aus Hamburg. Der studierte einmal Jura ("Wahrscheinlich bin ich auch noch eingeschrieben"), wurde aber schon in jungen Jahren zum professionellen Spieler – am Schachbrett. Gustafsson steht derzeit auf Platz 4 der deutschen Schach-Rangliste. Vor ein paar Jahren begann er, nebenbei zu pokern. Sein Motiv: "Geld." Man ruft ihn am besten nicht vor Mittag an, denn Pokernächte sind lang. Auch Gustafsson spielte sich schnell in die Gewinnzone, schrieb außerdem ein Pokerbuch (Poker für Gewinner). Ganz verfallen ist er dem Kartenspiel nicht, inzwischen spielt der Großmeister wieder verstärkt Schach, aber Poker bleibt sein wichtigstes finanzielles Standbein.

Dass Poker ein reines Glücksspiel ist, ist das eine Vorurteil. Das zweite lautet: Man muss auch mit schlechten Karten "bluffen" können, und dieser Bluff ist reine Psychologie. Wer das beste "Pokerface" macht, der kann den Gegner übers Ohr hauen.

Bluffen ist nicht reine Psychologie, sondern mathematisch beschreibbar

Beim Pokern im realen Leben spielt die Physiognomie tatsächlich eine große Rolle, deshalb tragen viele Spieler Sonnenbrillen, um möglichst wenig von ihren Gefühlsregungen durchblicken zu lassen. Am virtuellen Pokertisch im Internet jedoch sieht man den Gegner nicht, man weiß nicht, ob es sich um einen Rentner in Argentinien, eine Hausfrau in Australien oder einen Mathematikstudenten in Oxford handelt. Trotzdem wird geblufft, was das Zeug hält, und dieses Bluffen ist mathematisch beschreibbar. Ob man auf ein weniger gutes Blatt bietet, hängt von vielen Faktoren ab: von der Position am Pokertisch (an dem bis zu zehn Spieler sitzen), vom Verlauf des Spiels, vor allem aber vom bisherigen Verhalten des Gegners.