Göttlicher Quälgeist

Es ist schwierig, aus dem Leben dieses Mannes ein Werk hervorzuheben. Aber sein wichtigstes ist wahrscheinlich Südafrikas Truth and Reconciliation Commission. Desmond Tutu war der Vorsitzende dieses Gremiums, das die Verbrechen der Apartheid-Jahre in öffentlichen Anhörungen aufklärte und ein weltweit nachgeahmtes Modell der Versöhnung zwischen Opfern und Tätern entwickelte. Tutu war es auch, der für einen der Höhepunkte in der Geschichte der Kommission sorgte – im Dezember 1997 bei der Anhörung von Winnie Mandela. Die Exfrau von Nelson Mandela hatte in ihrem Allmachtswahn als erste Freiheitskämpferin der Nation schwere Menschenrechtsverletztungen begangen, aber sie zeigte nicht das geringste Schuldgefühl oder gar Reue. Im Gegenteil, sie lächelte hoffärtig und schwieg trotzig. Unvergesslich, wie Desmond Tutu am Ende des Hearings an ihr Gewissen appellierte: »Ich spreche zu dir aus tiefer Liebe. Du bist eine der größten Persönlichkeiten unseres Freiheitskampfes… Steh auf, und sag ein einziges Mal, dass die Dinge furchtbar schiefgelaufen sind. Ich flehe dich an.« Die Stimme des Erzbischofs bebte, er war den Tränen nahe. Winnie zauderte. Ihr Anwalt stupste sie unauffällig an. Und dann, endlich, hauchte sie: »Die Dinge sind furchtbar schiefgelaufen.«

Es war eine der niederschmetterndsten Szenen in den 30 Monaten einer qualvollen kollektiven Selbsterforschung, doch gerade dieser Tiefpunkt offenbarte die menschliche Größe von Desmond Tutu. Der Erzbischof war bis an die Grenze der Selbstentwürdigung gegangen – und rang der starrsinnigen Winnie Mandela ein Eingeständnis ihres Versagens ab. Das war vor ihm noch keinem gelungen, auch Nelson Mandela nicht, und es sollte nach Tutu niemandem mehr gelingen. Selbst Winnie, die sich gern als unantastbare »Ikone des Widerstands« inszenierte, beugte sich dem Versöhnungswillen dieses Mannes. Fragt man Tutu, woraus sich seine Kraft zum Vergeben speist, dann schaut er wie Don Camillo hinauf zum Herrn.

Desmond Tutu war in der dunklen Epoche der Apartheid das »Gewissen der Nation«, ein furchtloser Ankläger der weißen Gewaltherrschaft und ein unbeugsamer Anwalt all jener, die nach den Definitionen einer perversen Rassenlehre die »falsche« Hautfarbe hatten. Er war nie parteipolitisch oder weltanschaulich gebunden, sein politisches Manifest war das Evangelium – und deshalb fürchteten die weißen Pharisäer, die mit abenteuerlichen exegetischen Verrenkungen die biologische Ungleichheit aus der Bibel herleiteten, keinen so sehr wie ihn. »Apartheid ist Sünde!«, donnerte er ihnen von der Kanzel der St. George’s Kathedrale in Kapstadt entgegen. Desmond Tutu stand neben Nelson Mandela, Oliver Tambo, Walter Sisulu, Chris Hani, Joe Slovo und Steve Bantu Biko an der Spitze des Kampfes gegen die Apartheid. Doch trotz der mörderischen Exzesse des Burenregimes setzte er sich im Unterschied zu seinen Weggefährten für die friedliche Überwindung desselben ein. Dafür erhielt Desmond Tutu im Herbst 1984 den Friedensnobelpreis.

Die Geschichtsschreiber werden ihn dereinst in die Reihe der großen Pazifisten des 20. Jahrhunderts stellen, zu Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Diesen Sonntag nimmt der 76-jährige Kirchenführer in Hamburg den Marion Dönhoff Preis für internationale Verständigung und Versöhnung entgegen – »als Anerkennung seines unermüdlichen Engagements für einen gewaltlosen Wandel in der Gesellschaft Südafrikas«, wie es in der Begründung der Jury heißt.

Desmond Mpilo Tutu, 1931 in der Bergarbeiterstadt Kerksdorp geboren, arbeitete nach Schulabschluss und Lehrerdiplom einige Jahre im Schuldienst. Von 1957 an studierte er Theologie, übernahm nach der Priesterweihe Pfarrstellen in Benoni und Alberton. Dann promovierte er am Londoner King’s College in Theologie und lehrte an der Universität von Lesotho und anderen Hochschulen. Im Auftrag des Weltkirchenrates bereiste er die Armutsregionen der Südhalbkugel. 1975 wurde Tutu Superintendent in Johannesburg. 1984 übernahm er als erster Schwarzer seiner Kirche das Amt des Bischofs von Johannesburg. Zwei Jahre später wurde er einstimmig zum Erzbischof von Kapstadt gewählt. Das sind die Eckdaten seines Berufslebens.

Seine Berufung beginnt 1958, als er aus Protest gegen eine Gesetzesnovelle, die schwarze Schüler diskriminiert, das Lehramt niederlegt. Es ist die Zeit, in der der schwarze Widerstand gegen die Rassenpolitik immer stärker anschwillt. Im Mai 1976, nach der blutigen Niederschlagung des Soweto-Aufstandes, packt Tutu der »heilige Zorn« – er klagt in einem offenen Brief Premierminister Vorster an. 1978 übernimmt er den Vorsitz des rebellischen Südafrikanischen Kirchenrates, der 13 Millionen Christen repräsentiert; das Regime behandelt ihn fortan als Erzfeind. Aber es kann Tutu nicht mehr zum Schweigen bringen, seine Stimme wird weltweit gehört, er hat Unterstützer und Freunde im Ausland, darunter auch Marion Gräfin Dönhoff, Herausgeberin der ZEIT. Er spielt den Ruhm gern selbstironisch herunter. »Das liegt an meinem Namen, Tutu kann man sich leicht merken.«

Göttlicher Quälgeist

Zu den schönsten Erlebnissen im Leben des Erzbischofs gehört vermutlich der Augenblick, als er im Mai 1994 auf dem Balkon des Kapstädter Rathauses 100000 Menschen zurief: »Out of the box, here he is: Nelson Mandela!« Es war der Tag, an dem der erste schwarze Präsident in der Geschichte Südafrikas sein Amt antrat – der große Traum von der »Regenbogennation« war wahr geworden. Tutu hüpfte herum wie ein Springteufel, man musste Angst haben, dass er über die Balustrade hinunter in das Freudenmeer plumpste.

Ein Springteufel, ein Unruhestifter, ein Quälgeist ist der Oberhirte auch nach dem Untergang der Apartheid geblieben. Er las der frisch gewählten schwarzen Regierung genauso die Leviten wie einst dem weißen Regime. Er geißelte die Appeasementpolitik gegenüber den Diktatoren in Nigeria und Simbabwe, das Versagen im Kampf gegen Aids. Er warf der neuen Machtelite Raffgier und Korruption vor, vor allem aber den Verrat an den eigenen Idealen. Südafrika verliere den Willen zum echten Wandel, das Land verkomme moralisch, warnt er. Manche schimpfen ihn einen Demagogen. Präsident Thabo Mbeki warf ihm »mangelnden Respekt vor der Wahrheit« vor – ein Affront gegen den einstigen Chef der Wahrheitskommission.

Jede Begegnung, jedes Gespräch mit Arch, wie ihn die Südafrikaner in Anspielung auf sein Hirtenamt (archbishop) liebevoll nennen, gehört zu den schönsten Aufgaben eines Afrikakorrespondenten. Weil er einem den Pessimismus über den Zustand des Kontinents raubt. Weil seine glaubensfeste Zukunftsgewissheit ansteckend ist. Und weil man selten Menschen trifft, die so viel Geistesschärfe, Güte und Humor vereinen. Tutu kann über Glaubensfragen genauso leidenschaftlich reden wie über Rugby, seinen Lieblingssport. Als die Südafrikaner unlängst zum zweiten Mal Weltmeister wurden, geriet er schier aus dem Häuschen. Einmal unterbrach er ein Interview mit der ZEIT, skizzierte ein Rugbyfeld auf dem Stoffmuster eines Lehnstuhls und erklärte dem ahnungslosen Zuhörer, was rucks und mauls sind. Dann kehrte er zur Weltpolitik zurück und gab dazwischen seinen schwarzen Landsleuten Ratschläge wie diesen: »Seid nett zu den Weißen – sie brauchen euch, um ihre Humanität wiederzuentdecken.« Zum Abschied segnete er den Gast. »Gott schütze dich!« Der Besucher ging hinaus und sagte sich: Bei Tutu muss das funktionieren.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio