Zu den schönsten Erlebnissen im Leben des Erzbischofs gehört vermutlich der Augenblick, als er im Mai 1994 auf dem Balkon des Kapstädter Rathauses 100000 Menschen zurief: »Out of the box, here he is: Nelson Mandela!« Es war der Tag, an dem der erste schwarze Präsident in der Geschichte Südafrikas sein Amt antrat – der große Traum von der »Regenbogennation« war wahr geworden. Tutu hüpfte herum wie ein Springteufel, man musste Angst haben, dass er über die Balustrade hinunter in das Freudenmeer plumpste.

Ein Springteufel, ein Unruhestifter, ein Quälgeist ist der Oberhirte auch nach dem Untergang der Apartheid geblieben. Er las der frisch gewählten schwarzen Regierung genauso die Leviten wie einst dem weißen Regime. Er geißelte die Appeasementpolitik gegenüber den Diktatoren in Nigeria und Simbabwe, das Versagen im Kampf gegen Aids. Er warf der neuen Machtelite Raffgier und Korruption vor, vor allem aber den Verrat an den eigenen Idealen. Südafrika verliere den Willen zum echten Wandel, das Land verkomme moralisch, warnt er. Manche schimpfen ihn einen Demagogen. Präsident Thabo Mbeki warf ihm »mangelnden Respekt vor der Wahrheit« vor – ein Affront gegen den einstigen Chef der Wahrheitskommission.

Jede Begegnung, jedes Gespräch mit Arch, wie ihn die Südafrikaner in Anspielung auf sein Hirtenamt (archbishop) liebevoll nennen, gehört zu den schönsten Aufgaben eines Afrikakorrespondenten. Weil er einem den Pessimismus über den Zustand des Kontinents raubt. Weil seine glaubensfeste Zukunftsgewissheit ansteckend ist. Und weil man selten Menschen trifft, die so viel Geistesschärfe, Güte und Humor vereinen. Tutu kann über Glaubensfragen genauso leidenschaftlich reden wie über Rugby, seinen Lieblingssport. Als die Südafrikaner unlängst zum zweiten Mal Weltmeister wurden, geriet er schier aus dem Häuschen. Einmal unterbrach er ein Interview mit der ZEIT, skizzierte ein Rugbyfeld auf dem Stoffmuster eines Lehnstuhls und erklärte dem ahnungslosen Zuhörer, was rucks und mauls sind. Dann kehrte er zur Weltpolitik zurück und gab dazwischen seinen schwarzen Landsleuten Ratschläge wie diesen: »Seid nett zu den Weißen – sie brauchen euch, um ihre Humanität wiederzuentdecken.« Zum Abschied segnete er den Gast. »Gott schütze dich!« Der Besucher ging hinaus und sagte sich: Bei Tutu muss das funktionieren.

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