Der kleine Unbekannte

Naturhistorisches Museum Basel, zweites Untergeschoss, Regal 39, Brett G: Hier im Magazin ruht seit 23 Jahren Theo. Seine Knochen stecken in Tüten, das Ganze ist in eine graue Plastikbox verstaut. Um Theo herum lagern Hunderte weiterer Skelette, daneben Mineralien und Meteoritentrümmer.

Schon seine Ruhestätte davor war nicht eben vornehm. Grabplätze waren rar im Basel des frühen 19. Jahrhunderts, arme Leute beerdigte man in Lagen, und das im Achtjahresrhythmus. Archäologen fanden Theos Gebeine in der Mitte eines Sechserstapels, als sie 1984 den ehemaligen Merianschen Totenacker ausgruben. Die Bagger, die einen Graben für ein Kabel ausheben sollten, warteten schon. Theos Überreste wanderten ins Museumsmagazin. Wie er wirklich hieß, was er einst für ein Leben fristete, wusste kein Mensch – und es interessierte auch keinen.

Nun tut sich was um den Nobody aus dem Arbeiterviertel Kleinbasel. Sein Schädel und ein Oberschenkelknochen sind aus der grauen Kiste in eine Vitrine in den Publikumsräumen des Museums umgezogen. Das Gesicht wurde aufwendig rekonstruiert, und ein Dutzend Forschergruppen aus ganz Europa untersuchen mit Hightech die Gebeine. Solch geballte Aufmerksamkeit erfährt sonst nur die höchste Gerippe- und Mumienprominenz, Tutanchamun oder Ötzi.

"Für mich ist gerade reizvoll, dass Theo ein absoluter Nobody ist", sagt Gerhard Hotz. Der Anthropologe des Museums leitet mit seiner Kollegin Liselotte Meyer das Unternehmen, das wohl weltweit einzigartig ist: Das namenlose Gerippe vom Unterschichtenfriedhof soll seine Identität zurückerhalten. Wie hieß Theo wirklich? Hotz und Meyer wollen zeigen, was die Wissenschaft erreichen kann, wenn alle Disziplinen zusammenarbeiten. Aber diese Leistungsschau ist nur das vordergründige Ziel. Der Nobody soll auferstehen, damit wir einen intimen Blick in das Leben vor 200 Jahren werfen können: Wo arbeitete Theo? An welchen Krankheiten litt er, welche Sorgen drückten ihn? "Die Berühmtheiten der Geschichte öden mich an", sagt Hotz. "Über die weiß man genug. Mit einem einfachen Menschen kann sich jeder identifizieren, so kommt man der Geschichte näher."

Seinen unspektakulären Anfang nahm das Projekt 2004. Nach 20 ungestörten Jahren im Magazin wurden einige Gerippe vom Merianschen Totenacker ans Tageslicht geholt; sechs Anthropologie-Studenten sollten an ihnen üben. Dabei fiel dem Studenten Simon Kramis ein Loch in einem der Gebisse auf. Der Tote musste zu Lebzeiten ständig eine Pfeife an derselben Stelle im Mund gehabt haben. Ihr tönerner Stiel hatte die Zähne abgeraspelt. Kramis war fasziniert und wollte eine Ausstellung über den Pfeifenraucher machen. Schließlich verrieten die Gebeine des Toten viele Details. Zum Beispiel eine harte Kindheit: Eine Krankheit oder Hunger hinterließen tiefe Rillen im Schmelz der heranwachsenden Zähne. Fraßlöcher im Innern des Knochens deuteten auf Krebs. Mit 32 bis 42 Jahren starb der Pfeifenraucher. "Zu früh", sagt Hotz, "die normale Lebenserwartung wären 20 Jahre mehr gewesen."

Im Staatsarchiv stöberten Gerhard Hotz und Liselotte Meyer die Bestattungsunterlagen des Merianschen Totenackers auf. Sie waren elektrisiert. Der Friedhof war nur von 1779 bis 1833 in Gebrauch. Alle 4334 Toten waren säuberlich mit Namen aufgelistet, inklusive Sterbealter. "Uns wurde noch im Archiv klar: Es müsste möglich sein, den Pfeifenraucher zu identifizieren. Aber wir würden alle Hilfe brauchen, die wir kriegen konnten."

Der kleine Unbekannte

Hotz wollte nicht nur die Hilfe von Anthropologen, Forensikern und Massenspektrometern, sondern auch jene von Hobbyhistorikern, Rentnern und ihren Recherche-Einfällen, kurz: von jedermann. "Bei Führungen im Museum sehe ich immer wieder: Alle sind fasziniert, wenn Schädel, Geschichte und Biologie zusammenkommen." So wurde aus dem anthropologischen Detektivprojekt ein interaktives Gesamtkunstwerk: Die Besucher helfen, dem Toten auf die Spur zu kommen, und bekommen dafür ein Buch über sein Leben im Kleinbasel des frühen 19. Jahrhunderts geschenkt.

Um den Stein ins Rollen zu bringen, eröffnete Hotz diesen Sommer im Museum eine kleine Ausstellung über den Pfeifenraucher. Er taufte ihn vorübergehend auf den Namen Theo, weil sein Begräbnisort zur Kirchgemeinde St. Theodor gehörte. Hotz rief dazu auf, in Kellern und Speichern nach Dokumenten oder Bildern aus Theos Zeit zu suchen. Bald hatte er ein Team von Freiwilligen zusammen, die bei der Recherche halfen. Da transkribiert etwa ein 81-jähriger Pensionär die Sütterlinschrift in den alten Dokumenten, die sonst kaum einer lesen kann. Und das Ehepaar Schweizer stellt seine Datenbank zur Verfügung, die es in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat. Sie verzeichnet hunderttausend Basler Bürger aus der Geschichte – prominent und gemein. "Die Schweizers haben ihre Datenbank schon öfters Historikern angeboten", sagt Hotz. "Aber die haben nie Interesse gezeigt."

Für die Suche nach Theo ist die Datenbank Gold wert. Dank ihr und dem geschätzten Sterbealter konnte der Spürtrupp die Zahl möglicher Theos im Bestattungsregister von 4334 auf 111 reduzieren. Für weitere Fortschritte brauchte es aber den Einsatz von Hightech. Hotz sandte einen Zahn von Theo ins englische Bristol für eine Strontium-Isotopen-Analyse. Strontium aus der Nahrung wird während des Wachstums in den Zähnen eingelagert. Je nach Wohnort variiert das Verhältnis der verschiedenen Strontium-Arten. So verriet die Analyse von Theos Zahnschmelz, dass er mit 97,5-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht in Basel aufgewachsen war. Hotz konnte weitere 48 Namen aus der Liste streichen, denn das Bestattungsregister unterscheidet zwischen Einheimischen und Zugezogenen.

Mitte November ist Theos Ausstellung im Museum zu Ende gegangen, aber die Suche geht weiter. "Ich bin gewillt, jeder Spur nachzugehen", sagt Hotz. Das bezeugen die Meter von Akten, die sich mittlerweile in der Causa Theo in seinem Büro stapeln. Der Küster der Theodorskirche hat gemeldet, dass ein Teil der Gemeindedokumente auf kuriosen Wegen nach England gelangt sein soll. Muss man prüfen, sagt Hotz. Genau so wie die Bilderspur: "Es gibt aus Theos Zeit viele Gemälde und Drucke mit Pfeifenrauchern drauf, wir wollen möglichst viele davon aufspüren." Vielleicht finde sich Theo dank des rekonstruierten Gesichts. "Das ist nicht abwegig", findet Hotz, "damals lebten nur etwa 1000 Männer seines Alters in der Stadt."

Noch wichtiger sind ihm die Informationen über Theos Leben, die in den Bildern stecken: Dicht gedrängt in engen Häusern hausten die Handwerker in Kleinbasel, damals "minderes Basel" geheißen. Permanent drohte Armut. Missernten trieben die Nahrungspreise in die Höhe. Die Basler Seidenbandindustrie litt unter den Boykotten gegen das revolutionäre Frankreich, es gab viele Bedürftige. Chroniken berichten, damals sei der Argwohn der Reichen groß gewesen, dass die Armen ihre spärliche Hilfe ausnützten.

Die Mangelmale in Theos Gebeinen und Zähnen spiegeln diese Zustände wider. Sie sind ein wichtiger Grund, warum Gerhard Hotz sich für die alten Knochen interessiert: "Damit können wir lernen, wie der Organismus auf Veränderungen der sozialen oder klimatischen Umstände reagiert." Immer wieder liest er Überraschendes aus den Gebeinen. Die Basler des "dunklen" Mittelalters waren zum Beispiel gesünder als ihre Nachfahren im aufgeklärten 19. Jahrhundert. Die negativen Folgen der Industrialisierung wirkten sich stärker aus als die Fortschritte der Medizin.

Der kleine Unbekannte

Solche Erkenntnisse lassen sich mit Nobodys wie Theo weit besser gewinnen als mit den seltenen Überresten der Reichen und Schönen. Denn Hotz braucht viele Skelette aus einer Epoche, um ein Bild von ihr zu zeichnen. An den Knochen normaler Verstorbener sind zudem mehr Eingriffe erlaubt. So hat Hotz bei Theo manche Knochen teilweise entzweigesägt für den Einblick ins Innere. Bei Tutanchamun undenkbar. Den darf man höchstens röntgen. Auch wenn Theo und andere namenlose Gerippe unter Säge oder Bohrer kommen, geschehe das unter Wahrung ihrer Würde, betont Hotz. Das Magazin des Museums ist eingesegnet, und selbst die kleinsten Knochenkrümel sammelt er in einer speziellen Kiste. Ist sie voll, wird ihr Inhalt in geweihter Erde bestattet.

Gerade vergangene Woche hat Hotz die Gebeine von Theo wieder aus der Kiste geholt und zwei Proben aus dem Oberschenkelknochen gefräst. Die beiden Knochenstücke schickt er nach München für histologische Untersuchungen. Nach Bristol und Freiburg gehen zwei Zähne zur Analyse der Sauerstoffatome und zu anderen Tests, ein weiterer Zahn ist bereits in Mainz zum DNA-Test. Und eine Genfer Forscherin erprobt an den Knochen ihre neue Methode, die Arbeiter und körperlich Inaktive unterscheiden soll. "Das ist ein alter Traum der Anthropologen", sagt Hotz.

Mittlerweile genießt der Namenlose aus dem Merianschen Totenacker selbst Promistatus. "Ich habe keine Mühe, Wissenschaftler zu finden, die mitarbeiten", sagt Hotz. "Alle sind vom Projekt fasziniert." Noch müssen etwa 60 Namen von der Liste gestrichen werden, bis der wahre Theo übrig bleibt. Wenn man bei zehn angelangt ist, plant Hotz den nächsten Coup. Dann wird er jene Leute zum DNA-Test bitten, die wegen ihres Namens und ihrer Herkunft Nachfahren von Theo sein könnten.

Im Frühjahr wird es so weit sein, ist Hotz überzeugt. Aber auch dann werden Unwägbarkeiten bleiben. Gerhard Hotz hat sie alle durchdekliniert. Von den 4334 Namen auf der Bestattungsliste ist bei zehn das Sterbealter nicht eingetragen. Ist Theo einer von ihnen, bleibt die Suche ohne Erfolg. Manchmal nagen Hotz auch Zweifel, ob das Register wirklich vollständig ist – vielleicht hatten die Theodorspfarrer ja ausgerechnet Theos Begräbnis nicht vermerkt?

Das größte Schreckensszenario, das Hotz ausgebrütet hat, lautet so: Er erreicht sein Ziel, Theo bekommt seinen Namen zurück. Doch seine Nachfahren, die mit ihrer DNA-Spende entscheidend an der Auflösung mitgeholfen haben, wollen ihren wiedergefundenen Vorfahren wieder begraben. Nach jahrelanger Arbeit müsste Hotz die bestuntersuchten Knochen der Welt der Verwesung übergeben. Was dann? "Juristisch wären wir dazu nicht verpflichtet", sagt er und denkt kurz nach. "Aber tun würden wir es wohl trotzdem."

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