Hotz wollte nicht nur die Hilfe von Anthropologen, Forensikern und Massenspektrometern, sondern auch jene von Hobbyhistorikern, Rentnern und ihren Recherche-Einfällen, kurz: von jedermann. "Bei Führungen im Museum sehe ich immer wieder: Alle sind fasziniert, wenn Schädel, Geschichte und Biologie zusammenkommen." So wurde aus dem anthropologischen Detektivprojekt ein interaktives Gesamtkunstwerk: Die Besucher helfen, dem Toten auf die Spur zu kommen, und bekommen dafür ein Buch über sein Leben im Kleinbasel des frühen 19. Jahrhunderts geschenkt.

Um den Stein ins Rollen zu bringen, eröffnete Hotz diesen Sommer im Museum eine kleine Ausstellung über den Pfeifenraucher. Er taufte ihn vorübergehend auf den Namen Theo, weil sein Begräbnisort zur Kirchgemeinde St. Theodor gehörte. Hotz rief dazu auf, in Kellern und Speichern nach Dokumenten oder Bildern aus Theos Zeit zu suchen. Bald hatte er ein Team von Freiwilligen zusammen, die bei der Recherche halfen. Da transkribiert etwa ein 81-jähriger Pensionär die Sütterlinschrift in den alten Dokumenten, die sonst kaum einer lesen kann. Und das Ehepaar Schweizer stellt seine Datenbank zur Verfügung, die es in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat. Sie verzeichnet hunderttausend Basler Bürger aus der Geschichte – prominent und gemein. "Die Schweizers haben ihre Datenbank schon öfters Historikern angeboten", sagt Hotz. "Aber die haben nie Interesse gezeigt."

Für die Suche nach Theo ist die Datenbank Gold wert. Dank ihr und dem geschätzten Sterbealter konnte der Spürtrupp die Zahl möglicher Theos im Bestattungsregister von 4334 auf 111 reduzieren. Für weitere Fortschritte brauchte es aber den Einsatz von Hightech. Hotz sandte einen Zahn von Theo ins englische Bristol für eine Strontium-Isotopen-Analyse. Strontium aus der Nahrung wird während des Wachstums in den Zähnen eingelagert. Je nach Wohnort variiert das Verhältnis der verschiedenen Strontium-Arten. So verriet die Analyse von Theos Zahnschmelz, dass er mit 97,5-prozentiger Wahrscheinlichkeit nicht in Basel aufgewachsen war. Hotz konnte weitere 48 Namen aus der Liste streichen, denn das Bestattungsregister unterscheidet zwischen Einheimischen und Zugezogenen.

Mitte November ist Theos Ausstellung im Museum zu Ende gegangen, aber die Suche geht weiter. "Ich bin gewillt, jeder Spur nachzugehen", sagt Hotz. Das bezeugen die Meter von Akten, die sich mittlerweile in der Causa Theo in seinem Büro stapeln. Der Küster der Theodorskirche hat gemeldet, dass ein Teil der Gemeindedokumente auf kuriosen Wegen nach England gelangt sein soll. Muss man prüfen, sagt Hotz. Genau so wie die Bilderspur: "Es gibt aus Theos Zeit viele Gemälde und Drucke mit Pfeifenrauchern drauf, wir wollen möglichst viele davon aufspüren." Vielleicht finde sich Theo dank des rekonstruierten Gesichts. "Das ist nicht abwegig", findet Hotz, "damals lebten nur etwa 1000 Männer seines Alters in der Stadt."

Noch wichtiger sind ihm die Informationen über Theos Leben, die in den Bildern stecken: Dicht gedrängt in engen Häusern hausten die Handwerker in Kleinbasel, damals "minderes Basel" geheißen. Permanent drohte Armut. Missernten trieben die Nahrungspreise in die Höhe. Die Basler Seidenbandindustrie litt unter den Boykotten gegen das revolutionäre Frankreich, es gab viele Bedürftige. Chroniken berichten, damals sei der Argwohn der Reichen groß gewesen, dass die Armen ihre spärliche Hilfe ausnützten.

Die Mangelmale in Theos Gebeinen und Zähnen spiegeln diese Zustände wider. Sie sind ein wichtiger Grund, warum Gerhard Hotz sich für die alten Knochen interessiert: "Damit können wir lernen, wie der Organismus auf Veränderungen der sozialen oder klimatischen Umstände reagiert." Immer wieder liest er Überraschendes aus den Gebeinen. Die Basler des "dunklen" Mittelalters waren zum Beispiel gesünder als ihre Nachfahren im aufgeklärten 19. Jahrhundert. Die negativen Folgen der Industrialisierung wirkten sich stärker aus als die Fortschritte der Medizin.