Boris Schmuda steht in seiner Wohnung, als hätte er diese nie verlassen, um sich in einem fernen Land Gefahren auszusetzen, Krankheiten, Gewehrkugeln, Bomben. Ein muskulöser Oberkörper füllt das T-Shirt, auf ihm ist ein Fußballer abgebildet, der nach vorn stürmt. Schmuda geht auf das Sofa zu, er bewegt sich wie ein Sportler, der gerade vom Training kommt – ein Bild stählerner Physis, für die man sich müht. Er hat sich geplagt, das strahlt er aus. Er hat sich gequält.

Am 19. Mai 2007 wurde Boris Schmuda, Hauptfeldwebel einer Stabsversorgungskompanie in Af-ghanistan, Opfer eines Selbstmordattentäters. Drei deutsche Soldaten und fünf afghanische Zivilisten starben auf einem Markt der Stadt Kundus. Schmuda war einer von zwei Schwerverletzten. Sie waren in zwei Schützenpanzern gekommen, hatten sich zu Fuß in die Menge gemischt. Schmuda sah den Attentäter nicht, der seine Bombe neben dem Trupp sprengte. Er hörte nur einen Knall, spürte, wie er durch die Luft geschleudert wurde, er trug eine Schutzweste, aber keinen Helm. Seine Beine waren zerfetzt, er blutete im Gesicht, bekam kaum Luft, die Lunge war zusammengefallen. Ein Kamerad verband ihn, Sanitäter gaben ihm eine Spritze, die ihn betäubte. Noch am selben Tag wurde er notoperiert.

Das Letzte, was er von Afghanistan sah, war der Markt in Aufruhr, Männer mit Fotoapparaten, Videokameras, sie filmten ihn. Längst bewusstlos, schaffte es Schmuda in die Zeitungen – das Bild eines blutenden Mannes auf einem Stand voller Töpfe und Pfannen. Ein paar Tage später debattierte der Bundestag heftig über den Einsatz in Afghanistan. In fünf Jahren sind dort 26 Bundeswehrsoldaten gestorben.

"Ich möchte, dass ein anderes Bild in Erinnerung bleibt", sagt Schmuda, er sitzt ein wenig steif auf dem Sofa. Deswegen redet er jetzt, was andere Verletzte nicht tun. Seine Frau stellt ihm eine Tasse Kaffee hin, nimmt neben ihm Platz. Sie ist 34, zwei Jahre älter als er. Das einzige äußere Zeichen seiner Verletzungen sind die Plastikschläuche an den Ohren, er trägt jetzt zwei Hörgeräte. "Die hohen Töne sind weg", sagt er. "Knalltrauma. Sechs OPs, mehrere Hauttransplantationen, ein neues Trommelfell. Fünf Tage lang künstliches Koma. Ich hatte so viel Blut verloren." – "Einmal Hölle und zurück", sagt seine Frau. Hier in dieser Wohnung haben sie sich selbst in die Normalität zurückgezwungen. Daran halten sie sich fest.

Wie fühlt sich ein Kriegsheimkehrer, Jahrgang 1975, aufgewachsen in einem friedlichen, wohlhabenden Land? Muss er den unsichtbaren Feind nicht hassen, der ihn zu einem Versehrten gemacht hat, zu einem Opfer? "Absolut nicht", sagt Schmuda, als staune er über die Frage. "Das ist mein Beruf, Dinge zu tun, die gefährlich sind. Aber sie sind richtig." Dann blickt er zu seiner Frau. Eine seltene Innigkeit geht von den beiden aus. "Das Wieso-weshalb-warum interessiert uns nicht", sagt sie. "Wir haben keinen Platz für den Hass."

Gleich nachdem er wieder da war, noch nicht ganz genesen nach sieben Wochen Krankenhaus und Rehaklinik, hat Boris Schmuda seine Freundin geheiratet. Die Hochzeit hatten sie schon vor seiner Abreise geplant. Jetzt wurde sie zu einem Symbol des Aufbruchs in ein neues, viel zerbrechlicheres Leben. Sie luden 60 Gäste in ein Hotel der niedersächsischen Stadt, in der sie wohnen und deren Namen sie nicht in diesem Artikel lesen möchten. Um sicher zu sein, dass kein Terrorist, kein Attentäter sie hier aufsucht.

Schmuda ging an Krücken, geschwächt von den Wochen im Krankenbett. Er wollte auf keinen Fall im Rollstuhl ins Standesamt rollen. Die Ärzte hatten ihm keine Hoffnungen gemacht. Aber Schmuda gab nicht auf, er trainierte hart. "Ich habe gearbeitet", sagt er. Dann führte er Dorothee zum Eröffnungstanz. Bis früh um vier hielt er auf der Feier durch. Die Gäste müssen gestaunt haben, wie fit er wirkte, so wie man sich auch heute wundert, wenn man ihn durch die Wohnung laufen sieht. Es ist, als wäre er nie verletzt gewesen. Wenn er erzählt, verstärkt sich der Eindruck, er spricht so oft von Erfolgen. Von seiner schnellen Genesung. Dass er gelernt habe, mehr zu genießen, auch Kleinigkeiten. Ein Bad nehmen. Spazieren gehen, die Frau neben sich. Mehrmals benutzt er die Wörter Demut und Glück.