Ein Skandal ist, wenn VW seinem Betriebsratsvorsitzenden Prostituierte stellt und das Gehalt mit Bonifikationen aufbessert. Ein Skandal ist auch, wenn Siemens-Manager in aller Welt Bestechungsgeld verteilen, um sich Aufträge und Arbeit zu sichern. Kein Skandal ist aber offenbar, wenn die größte deutsche Staatsbank durch Fehlspekulationen und das Versagen ihrer Aufseher fünf Milliarden Euro Steuergeld verliert.

Diesen Eindruck muss man gegenwärtig haben. Die staatliche Förderbank KfW hat durch waghalsige Geschäfte ihrer Stieftochter IKB Deutsche Industriebank einen Schaden erlitten, der um ein Vielfaches höher ist als in den anderen Skandalen, die heute die Justiz und die Öffentlichkeit bewegen. Aber kaum jemand im Land interessiert sich für die Frage nach der Schuld und den Schuldigen. Noch weniger bewegt die politische Klasse die wichtige Frage, welche Lehren aus dem Debakel zu ziehen sind. Es herrscht die Mentalität: Augen zu und durch. Geld rein und Ruhe.

Die IKB hatte exorbitant hohe Summen in riskante Immobilienkredite in den USA investiert. Die Geschäfte wurden auf verschlungenen Pfaden und außerhalb der Bilanz über eine Finanzgesellschaft namens Rhineland Funding abgewickelt. Ende Juli geriet die IKB in eine Schieflage und konnte nur dadurch gerettet werden, dass die KfW mit 2,5 Milliarden Euro in die Bresche sprang. Eine weitere Milliarde schossen Banken und Sparkassen zu.

IKB-Vorstandschef Stefan Ortseifen musste zurücktreten, weitere Topmanager verließen die Bank. Gegen sie ermittelt die Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Für Ortseifen ist es der schmähliche Schlusspunkt einer Karriere, die er womöglich als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken hätte beenden können; bis zum Sommer galt er als aussichtsreicher Kandidat. Vergangene Woche ließ die Staatsanwaltschaft sein Haus und die Villen anderer Manager durchsuchen – eine lange überfällige Ermittlungsmaßnahme angesichts der gewaltigen Spekulationsverluste.

Ungewöhnlich viel Zeit brauchte auch der von der KfW eingesetzte Aufräumtrupp, bis er das Ausmaß des Schadens ermittelt hatte. Vergangene Woche schockte die KfW-Spitze um die frühere SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier die Öffentlichkeit mit der Mitteilung, dass die sogenannte Risikovorsorge für die IKB auf 4,8 Milliarden Euro aufgestockt werden musste.

Das ist fast doppelt so viel, wie vor drei Monaten errechnet worden war. Die Schieflage der Zockerbank entwickelt sich zum fiskalischen Albtraum. Private Banken, Sparkassen und Volksbanken müssen ebenfalls bluten, um die IKB am Leben zu erhalten, aber den größten Schaden hat die KfW. Rund fünf Milliarden Euro beträgt nach derzeitiger Einschätzung der Verlust, der allein der Staatsbank durch die Düsseldorfer Stieftochter entstehen wird. Es kann aber mehr werden.

Fünf Milliarden Euro – das ist mehr als doppelt so viel Geld, wie der Ausbau der Kinderkrippen den Bund bis zum Jahr 2013 kostet. Mit einer solchen Summe könnte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gleich drei Exzellenzinitiativen zur Förderung der Spitzenforschung an Universitäten bezahlen.