Englandfans finden hierzulande kaum Reiseführer zur vertiefenden Vorbereitung auf eine begrenzte Region. Diese Lücke möchte die 30-jährige Hamburger Verlagskauffrau Julia Kaufhold mit ihrem neuen Goldfinch Verlag schließen. Eines der ersten Bücher hat sie selbst über den Hauptort Cornwalls geschrieben: St. Ives. In den fünfziger Jahren galt das mondäne Städtchen mit seinen vier Sandstränden zwischen den steilen Klippen als die größte Künstlerkolonie nach New York. In diesem Jahrtausend machten viele Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen im ZDF die Gegend in Deutschland bei einem Millionenpublikum bekannt. Mit klar gegliederten Informationen zu Unterkünften, Restaurants, Filmschauplätzen, Galerien und Wandermöglichkeiten macht die Autorin es leicht, den Ort und die spektakuläre Landschaft am Südzipfel Englands für sich selbst zu erkunden. Kurzinterviews mit Einheimischen und regelmäßigen Besuchern sowie liebevolle Strichzeichnungen von Nicola Clark geben dem Band, der parallel auch in Englisch erscheint, zudem eine originelle Note. MWE

Julia Kaufhold: »St. Ives und Trips in die Umgebung«; Goldfinch Verlag, Hamburg 2007; 144 S., 8,95 €

Das Venedig der Träume und das Venedig der Tagesnormalität vereint sich in einem Duett: Lotet Johannes Thiele an der Märchenarchitektur des Dogenpalastes die Finessen der Macht aus, so beschreibt Petra Reski die Rituale eines Tages auf dem Markusplatz. Erinnert der Autor an die Künste der Kurtisanen, so mischt sich die Autorin unter die 17 Damen einer Badekabinengesellschaft. Schwärmt Johannes Thiele von den Palästen am Canal Grande, lästert Petra Reski über den Terror der Gondelserenaden oder wird auch schon mal böse zum Beispiel auf kriminelle Muschelfischer. So entsteht ein Bild des Multikosmos Venedig ohne enzyklopädischen Ehrgeiz. Das Buch ist kein Kunstführer (obwohl man sehr viel lernen kann etwa über Venedigs Maler) und kein Schnelldurchgang der Sehenswürdigkeiten (obwohl man von vielen Orten liest, die man dann sehen möchte). Schon die Gestaltung hebt sich ab: edles Schwarz-Weiß in den Illustrationen, viel Luft für die Zitate der Venedig-Enthusiasten. Ein schöner Band, für den Geschenkmarkt gestaltet, auch eine geschickte Wiederverwertung schon erschienener Reski-Reportagen, mit einem kleinen Makel: Der Titel ist doch etwas großmäulig. Alb

Petra Reski, Johannes Thiele: »Alles über Venedig. Vom Fluidum der über den Wassern schwebenden Serenissima. Von kulturellen und kulinarischen Streifzügen. Von Flaneuren, Kurtisanen und Poeten. Vom Leben und Lieben auf der Piazza. Traum, Glanz und Melancholie in Geschichten, Gedichten und Berichten«; Thiele & Brandstätter Verlag, München und Wien 2007; 320 S., 28,– €

Die Inder sagen: Der Gast ist ein Gott. Edda und Michael Neumann-Adrian, die dies zitieren und so erlebt haben, waren 1966 zum ersten Mal in Indien. Und seither immer wieder. Nach und nach lernten sie, dass dort alles »in Denken und Verhalten von der Religion her begriffen und motiviert wird«. Dass Gäste auch »zu leiden haben, sich ekeln und gruselnd abwenden«, verhehlen die Autoren nicht. Denn diese »große Bühne für menschliche Dramen aller Art« spare nicht mit Gegensätzen und krassen Effekten. Ihr Buch Reisegast in Indien führt in die Höhen des Himalaya und an die Strände Goas, reicht von den vorarischen Hochkulturen bis zum ungelösten Kaschmirkonflikt, informiert über Kastendenken, Witwenverbrennung und Mitgiftmorde, schwärmt vom »Wallfahrtsort für Vegetarier« und Hausbootfreuden, von Farben, Tönen und Gerüchen und gibt »Überlebenstipps für Fernbusfahrten«. Ein kleines Hindi-Wörterbuch und ein Gewusst-wie-Spiel fürs Verhalten in vertrackten Situationen vollenden diesen übersichtlich gestalteten, sehr gut lesbaren und zum Besuch ermunternden Ratgeber. H. K.

Edda und Michael Neumann-Adrian: »Reisegast in Indien«; Iwanowskis Reisebuchverlag, Dormagen 2007; 212 S., 17,95 €

Das Glück des Reisens will der Sozialwissenschaftler Klaus Kufeld retten. In seinem Essay Reisen. Ansichten und Einsichten stellt er die Frage, wie sich der Tourist im Zeitalter zunehmender Beschleunigung den tiefenscharfen Blick bewahren kann. Das Surfen im Netz, Last-Minute-Angebote, digitale Fototechnik haben Seh- und Denkfaulheit begünstigt. Kufeld sagt der modernen Oberflächlichkeit den Kampf an. Er erzählt von seinem Selbstversuch, das genaue Hinsehen zu üben. So wandert er dem Zirpen einer Zikade nach, bis er sich Auge in Auge mit dem kleinen Säger befindet. Auf langen Spaziergängen gelangt er in die Mecklenburger Einsamkeit; das Warten auf Flughäfen, die peniblen Passkontrollen bei der Einreise nach Myanmar nutzt er als »Ereigniszeit«. Zu seinen ständigen Begleitern zählen Bücher von berühmten Weltenbummlern wie Humboldt, Goethe, Canetti oder Nicholas Bouvier. Denn: »Es reist sich anders, wenn man liest.« Gelehrt, doch zwanglos und humorvoll plädiert Kufeld für die Wiederentdeckung der Empfindsamkeit auf allen Reisewegen. CS

Klaus Kufeld: »Reisen. Ansichten und Einsichten«; Suhrkamp Verlag, Bibliothek der Lebenskunst, Frankfurt am Main 2007; 132 S., 14,80 €

Vergessene Wege in Erinnerung zu bringen, aus der Mode gekommene Gipfel wieder zu preisen, stille Pfade zu finden, auch wenn die Wegzeichen verblasst oder verschwunden sind – darauf versteht sich der Wanderkolumnist Alfred Kölbel. Sein Pseudonym Bernd Orfer kommt von seinem Heimatort Berndorf im niederösterreichischen Triestingtal. Hier und sonst wo in der Provinz fühlt der Autor sich wandernd wohl: in den Kellergassen des Weinviertels, auf den Felskanzeln des Waldviertels, in den vogelreichen Donauauen, an einem Waldhang voller riesiger Bäume oder entlang wilder Wasser in einer Klamm. Oft sind das weiße Flecken in der Wanderführerliteratur. Der Autor nennt dann nicht nur Wege, sondern erzählt lokale Geschichte und Geschichten wie die vom Bockerlfraß, der über die Tugend junger Mädchen wacht. Der Genuss, der dem Autor auf seinen Touren anzumerken ist, ist der Gewinn für den Leser, der ein kluges Kompendium meist unbekannterer Winkel im scheinbar so bekannten Österreich in den Händen hält. Alb

Bernd Orfer: »Wandern in Ostösterreich. Band 2«; Falter Verlag, Wien 2007; 322 S., 25,50 €

Wenn einer toten Gans der Kopf abgeschlagen wird, von einem kostümierten Burschen mit Wein im Bauch, einer Binde über den Augen und einem stumpfen Säbel in der Hand – dann ist das die Gansabhauet in Sursee. Einer der ungewöhnlichen Bräuche, von denen die Schweiz viele hat und die Adrian Bänninger im Rhythmus der Jahreszeiten vorstellt: die Karfreitagsklageweiber von Romont etwa, das Eidgenössische Jodlerfest oder das Knabenschießen in Zürich. Der Autor schildert die Zeremonien und lotet – das ist ganz lehrreich – ihre soziologisch-historischen Hintergründe aus. Wer neugierig geworden ist und zuschauen will, findet die nötigen praktischen Hinweise. Auch auf Veranstaltungen, die zeigen, dass der Autor einen recht unverkrampften Brauchtumsbegriff hat: Selbst die Zürcher Street Parade, das Schweizer Pendant zur Love Parade, hat Aufnahme in »die schönsten Feste der Schweiz« gefunden. Alb

Adrian Bänninger: »Sechseläuten und Morgestraich. Die schönsten Feste und Bräuche der Schweiz. Geschichte und Gegenwart«; Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen, München 2007; 216 S., 22,– €

Durch Münster flanieren und am Prinzipalmarkt prächtige Giebelhäuser betrachten; im Westfälischen Landesmuseum ein Meisterwerk deutscher Intarsienkunst, den Wrangel-Schrank, bestaunen; die Drehorte besuchen, an denen Privatdetektiv Georg Wilsberg oder das Tatort-Team um Axel Prahl und Jan Josef Liefers flüchtenden Mördern nachstellen. Das Münsterbuch von Christa Farwick und Adam Riese präsentiert – übersichtlich und unterhaltsam – das historische und das aktuelle Stadtleben. Was kleine Gäste in die Westfalenmetropole lockt, etwa Skateboard-Ferienkurse oder Klettern am Maxi-Turm, und wo in der Umgebung Mädchen und Jungen Fährten lesen lernen, auf Schmuggeltour gehen oder Drachenfeste feiern, zeigt der Freizeitführer Münsterland mit Kindern von Hilla Finkeldei, Lehrerin und Mutter eines Neun- und einer Zweijährigen, die sich regelmäßig nach spannenden Aktivitäten und Ausflügen für die Familie umschaut. H.K.

Christa Farwick und Adam Riese: »Das Münsterbuch«; Daedalus Verlag, Münster 2007; 280 S., 12,80 € Hilla Finkeldei: »Münsterland mit Kindern«; Peter Meyer Verlag, Frankfurt am Main 2007; 253 S., 12,95 €